Ein Jahr nach dem Beginn von Donald Trumps zweiter Präsidentschaft zieht Journalist und Filmemacher Tim Evers Bilanz – aus europäischer Perspektive.
Herr Evers, Sie blicken auf das erste Jahr von Trumps zweiter Präsidentschaft: Was war der eine Moment, in dem Sie dachten – jetzt wird es wirklich historisch?
Das war sicherlich dieser Februar-Freitag vor knapp einem Jahr, als der ukrainische Präsident Selenskyj im Weißen Haus erst angeschrien und dann rausgeworfen wurde. Ich hatte das eher zufällig fast live im Netz verfolgt und mich beschlich noch währenddessen das Gefühl, dass das ein Einschnitt ist, hinter den wir nicht mehr so einfach zurückkommen.
«Trump & us» fragt, wie sehr uns, Europa dieses Comeback erschüttert hat. Wann begann für Sie die eigentliche Erzählung: Mit der Inauguration oder mit dem Gefühl, dass Europa plötzlich wieder reagieren muss, statt zu gestalten?
«Trump & Us» entstand im Grunde aus diesem „Schock-Moment“ für Europa: Dass diese zweite Präsidentschaft Donald Trumps tatsächlich grundlegende Gewissheiten über den Haufen wirft – aber offensichtlich niemand so recht darauf vorbereitet ist. Paul Ronzheimer sagt bei uns im Film, Europa sei anfangs wie gelähmt gewesen. Da noch einmal genauer hinzusehen, zurückzuspulen, zentrale Momente freizulegen und zu fragen „Was ist da eigentlich gerade passiert?“, war für mich ein ungeheuer reizvoller, fast zwingender Ansatz. Wir wollten eben gerade keine Chronik machen, sondern den Schockwellen folgen, die Trumps Politik für uns in Europa bedeutet.
Ihr Film zeigt ein Europa, das zwischen Schmeichelei und Selbstbehauptung schwankt. Welche Szene hat dieses innere Ringen am deutlichsten eingefangen?
Am deutlichsten sieht man es vermutlich in Momenten wie dem NATO-Gipfel in Den Haag, als Mark Rutte den US-Präsidenten mit einem „Daddy“ verglich, der manchmal eben streng werden müsse. Schon vorher hatte er diese lobhudelnde SMS an Trump geschickt, die der auch prompt öffentlich machte. Das wirkt – gerade wenn man die Szenen jetzt noch einmal herauslöst – natürlich furchtbar unterwürfig, aber es war eben auch Taktik: Der ganze NATO-Gipfel war darauf ausgerichtet, Trump bei Laune zu halten, dass der nicht doch noch das Bündnis sprengt. Und das ging ja auch auf. Insofern hat sich Europa da selbstbehauptet, indem es Schmeichelei betrieben hat. Das ist angesichts der Sprunghaftigkeit von Donald Trump sicher keine nachhaltige Strategie, aber: Was wäre die Alternative gewesen?
Der selbst ernannte „Friedensstifter Trump“ – von Nahost über Ukraine bis Asien: Welche dieser außenpolitischen Inszenierungen hat Sie filmisch am meisten beschäftigt?
Trumps Bemühungen um einen „Friedens-Deal“ in der Ukraine – das ist ein andauernder Drahtseilakt für Europa, der ungeheuer viel über
uns und
ihn erzählt: Wie er die Welt sieht, was er unter Frieden versteht, wie er Druck aufbaut und mit der Öffentlichkeit spielt. Man kann hier zum einen sehen, dass die „Methode Trump“ durchaus funktioniert – dass er Bewegung in festgefahrene Prozesse bringt. Aber es wird dann eben auch sehr klar, dass moralische Kategorien wie „gerecht“ oder „ungerecht“ für Donald Trump nicht wirklich zählen. Was das für uns in Europa bedeutet, mit unserem immer noch regel- und wertebasiertem Blick auf die Welt, können wir noch gar nicht ganz überblicken, fürchte ich.
Sie sprechen viel vom „neuen Sheriff in town“ – wie viel davon ist echte Machtpolitik, wie viel reines Bühnenbild für die Kameras?
Die Behauptung von Macht und Stärke ist schon ein wichtiges Moment bei Trump – er ist der Meister darin, sich selbst als Riesen erscheinen zu lassen. Aber das ist eben auch schon Teil seiner Politik, seine Omnipräsenz ist ja kein Zufall, sondern Strategie. Und mein Eindruck ist, dass es ihm diesmal noch besser als in seiner ersten Amtszeit gelingt, sich zum Mittelpunkt der Welt zu stilisieren, dem man geradezu folgen muss. Siehe oben, siehe Den Haag: Gerade wir Europäer tun alles, um ihn immer wieder zu besänftigen, an unserer Seite zu halten.
Und zugleich verfügt er – zumindest im Moment – in den USA auch über die ungeteilte Macht im Kongress, dazu die konservative Mehrheit am Verfassungsgericht. Wir werden sehen, wie das nach den „Midterms“, den Zwischenwahlen im November aussieht. Sobald seine Macht immer Inneren bröckelt, wird auch seine Inszenierung von unendlicher Stärke Risse bekommen.
Trumps Wirtschaftsnationalismus greift tief in europäische Strukturen ein. Gab es einen Punkt, an dem Sie dachten: Europa hat sich wirklich über den Tisch ziehen lassen? Oder war Europa einfach nur wieder unvorbereitet?
Da neige ich der Mehrzahl unserer Gesprächspartner zu, die sagen: Man kann gegen seinen Beschützer nicht verhandeln, wir hatten keine andere Wahl, als zu akzeptieren.
Vielleicht hätte eine wirklich geeinte EU mehr erreichen können, aber es gibt nun mal unterschiedliche nationale Interessen.
Die Dokumentation spielt stark mit multiplen Perspektiven – von Joe Kaeser bis Samira El Ouassil, von der Heritage Foundation bis Sebastian Kurz. Welche dieser Stimmen hat Ihr eigenes Bild am stärksten verschoben?
Für mich wird es da am Interessantesten, wo ich zunächst einmal – so wertfrei wie möglich – etwas über die eigentlichen Motive und Ziele des Trumpschen Kurses erfahre. Da war das Interview mit Joe Kaeser, der mit Donald Trump schon mehrmals am Tisch gesessen hat und ihn wunderbar aus der Nähe beschreiben kann, schon sehr aufschlussreich.
Eindrucksvoll auf andere Art war das Gespräch mit Nile Gardiner von der Trump-nahen Heritage Foundation, der uns die Trumpsche Weltsicht von EU-Verachtung bis zum notwendigen Ende der regelbasierten Ordnung ziemlich gnadenlos ausgemalt hat. Da hilft es dann allerdings, wenn man jemandem hat, der einem die knalligen Thesen dechiffriert und erklärt, was hier nun wieder eigentlich dahintersteht. Hier war Annett Meiritz, bis Herbst 2025 Korrespondentin des „Handelsblatt“ in Washington, ein ungeheurer Gewinn für unsere Serie.
Die Serie zeigt auch, wie schnell politische Narrative heute entstehen – oft KI-generiert, oft emotionalisiert. Wie schwierig war es, diese Geschwindigkeit in einen dokumentarischen Rhythmus zu überführen?
Das Schwierige bei Trump ist eigentlich die Gleichzeitigkeit, das permanente Senden auf allen Ebenen – insofern ging es uns gerade beim Umgang mit seinen Social-Media-Aktivitäten vor allem darum, zu entschleunigen: Die Flut von Bildern und Behauptungen anzuhalten und anhand einzelner Beispiele zu zeigen, wo da gerade überall Grenzen überschritten werden.
Aber angesichts der Möglichkeiten, die die Trump-Regierung hier in ihrer Hand hat, kann einem schon schwindlig werden. Trump hat die Kategorie „Alternative Fakten“ erfunden, er verwischt immer wieder die Grenzen zwischen wahr und falsch, Behauptung und Fakt – und hat nun mit den Tech-Giganten die Leute an seiner Seite, die ihm die technischen Mittel zur Verfügung stellen können, dass wir „seine Märchen nicht mehr als solche erkennen“, wie Samira El Ouassil es bei uns im Interview ausdrückt. Vielleicht ist das am Ende sogar das Bahnbrechendste und Gefährlichste dieser auf so vielen Ebenen bahnbrechenden Präsidentschaft.
Sie sagen, das „us“ sei entscheidend – die Frage, was all das mit uns macht. Welche Erkenntnis aus Europa hat Sie beim Dreh am meisten erschüttert?
Ehrlich gesagt: Dass mehrere unserer Gesprächspartner nach dem Interview gesagt haben: „Wann wird das ausgestrahlt? Im Januar? Dann kann ich womöglich gar nicht mehr in die USA reisen…“. Dass wir uns solche Fragen stellen, wenn auch noch im halb im Spaß, finde ich schon ziemlich erschütternd.
Viele Demokratien wirken müde, während Autokraten neue Selbstsicherheit zeigen. Ist Trump für Sie nur ein Symptom – oder ein Brandbeschleuniger?
Er ist beides - aber ganz sicher eben auch Symptom einer größeren Entwicklung. Und da wird es kompliziert: Auch bei uns sind die demokratischen Institutionen und nicht zuletzt die Mehrzahl der Parteien in einer Akzeptanz-Krise. Woran liegt das? Warum wissen wir nicht mehr zu schätzen, was wir an der Demokratie haben? Da stehen sehr schnell sehr große Fragen vor einem.
Beim Thema Migration, Gender, Diversity und Klimaschutz verschiebt Trump bewusst rote Linien. Wie groß war die Herausforderung, diese Eskalationen einzuordnen, ohne dem Populismus die Bühne zu groß zu machen?
Das ist tatsächlich eine Schwierigkeit, weil es uns wichtig war, den Präsidenten Trump möglichst für sich selbst sprechen zu lassen – und nicht schon vorher alles einzuordnen. Die zentrale Frage war dann allerdings immer: Was will er eigentlich? Was steht dahinter? Und da landet man meist bei eher handfesten, wirtschaftlichen Interessen – ob es um den „climate change hoax“ geht oder die Attacken gegen vermeintliche Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit in Europa.
Die Episodentitel lauten „Friedensstifter?“, „Dealmaker?“ und „King?“. Was glauben Sie persönlich: Welche dieser drei Rollen wird im kollektiven Gedächtnis hängenbleiben – und warum?
„Dealmaker“ ganz sicher, „King“ hoffentlich nicht – „Friedensstifter“ hoffentlich schon, im dann möglichst besten Sinne.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Trump & us» ist ab Samstag, 10. Januar, in der ARD Mediathek abrufbar. Der Film erschient am Montag, den 12. Januar, um 20.15 Uhr.
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