ZDF-Redaktionsleiterin Hempel spricht über den Generationenwechsel innerhalb der Schöllack-Familie, neue erzählerische Mittel wie die Mockumentary, die Balance zwischen historischer Schwere und emotionaler Leichtigkeit sowie darüber, wie sich eine etablierte Marke weiterentwickeln lässt, ohne ihre DNA zu verlieren.
Frau Hempel, «Ku’damm 77» führt die Saga in ein völlig neues Jahrzehnt. Warum war gerade 1977 für Sie der richtige Moment, um die Schöllack-Familie weiterzuerzählen?
Die zentrale Frage bei «Ku’damm» ist ja: Wie hat es sich angefühlt, jung und weiblich zu sein in Deutschland Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre? Wir springen jetzt in die 70er-Jahre und stellen diese Frage für die Töchter der Hauptfiguren. Wie fühlen sich in diesem Jahrzehnt Sinnlichkeit und Selbstbestimmung an? Annette Hess erzählt aus weiblicher Perspektive eine Familiengeschichte in der dritten Generation und stellt neue Fragen, auch im Bezug auf die Mütter-Töchter-Beziehungen.
Annette Hess spricht davon, die vierte Staffel bewusst „rauer und direkter“ zu gestalten. Welche programmstrategischen Überlegungen standen dahinter – und wie weit darf man eine etablierte Marke verändern?
Wie hat Wolf Biermann einmal gesagt: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Annette Hess hat bei der vierten Staffel nach einem Ansatz und einem Stilmittel gesucht, die für sie neu und innovativ sind, damit sie selbst sich nicht langweilt – und auch die Nutzer:innen sich nicht langweilen. Es ist immer riskant, eine etablierte Marke zu verändern, aber es ist mindestens genauso riskant, sie so zu belassen, wie sie ist. Ich würde hier deshalb eher von einer Weiterentwicklung sprechen.
Die Serie integriert erstmals einen „Dokumentarfilm im Film“. Wie kam es zu diesem stilistischen Schritt, und was verspricht sich das ZDF von diesem erweiterten Erzählansatz?
Annette Hess hat hier das stilistische Mittel der Mockumentary eingeführt. Das war zunächst für uns alle etwas ungewohnt. Es hat aber auch gleichzeitig schnell klar gemacht, welche Möglichkeiten für die Figuren in der Differenzierung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung liegen: nämlich die Komik und der Humor, die daraus erwachsen. Wir haben gemeinsam viel über den Einsatz dieses Stilmittels und die Übergänge diskutiert. Annette Hess ist eine gute Zuhörerin, die dann ihre eigenen kreativen Lösungen entwickelt.
Berlin 1977 ist geprägt von RAF-Terror, gesellschaftlichen Umbrüchen und der entstehenden Drogenproblematik. Wie gelingt es, historische Schwere mit der emotionalen Familiengeschichte zu verbinden, ohne die Balance zu verlieren?
Darin ist Annette Hess eine Meisterin! Sie beherrscht es, den Schmerz, die Härte, das Existentielle für die Figuren mit Energie, Humor und Leichtigkeit zu konterkarieren. Es kommt immer alles vor, so wie im Leben eben auch. Und Annette Hess ist eine geniale Erzählerin, weil sie es schafft, diese Fäden so mühelos miteinander zu verbinden.
Der Generationenkonflikt zwischen Monika, Helga, Eva und ihren Töchtern trägt die Staffel stark. Worin sehen Sie das große Identifikationspotenzial für das heutige Publikum?
Es ist identitätsstiftend, sich zu fragen, woher wir kommen, was unsere Mütter und Großmütter geprägt hat und wie wir heute leben. Und gleichzeitig sind Mutter-Tochter-Beziehungen, ihre Intensität, die Notwendigkeit und die Kompliziertheit des Loslassens auch heute ein großes emotionales Thema.
Die Schöllack-Familie ist seit Jahren ein Erfolgsgarant. Wie gelingt es Ihrer Redaktion, einen vertrauten Stoff weiterzuentwickeln, ohne seine DNA zu verlieren?
Wir versuchen, eine gute Adresse für Kreative zu sein und ihnen ein öffentlich-rechtliches Zuhause zu bieten: Das heißt, wir erinnern ab und zu an die gemeinsame Vision und Zielsetzung, versuchen aus Erfahrungen zu lernen und gleichzeitig offen zu sein für Neues. Die DNA des Stoffes bewahren wir, indem wir in die Kreativen und in ihre Expertise vertrauen, dass sie die Figuren und ihre Geschichten organisch weiterentwickeln und dennoch ihre Kernidentität bewahren.
Wir möchten verlässliche, vertrauenswürdige Partner:innen sein, die alles geben, was das Projekt benötigt, von der Idee bis zum Release.
Der Cast gilt inzwischen als ikonisch. Wie wichtig ist diese Kontinuität für die Wirkung der Reihe – und welche Rolle spielen die Neuzugänge in «Ku’damm 77»?
Kontinuität schafft Glaubwürdigkeit und emotionale Bindung – die Nutzer:innen identifizieren sich mittlerweile mit den Figuren und ihren Darsteller:innen, und umgekehrt gilt das genauso. Sonja Gerhardt (Monika Franck), Maria Ehrich (Helga von Boost), Emilia Schüle (Eva Fassbender) und Claudia Michelsen (Caterina Schöllack) sind einfach großartig. Sie sind eng verbunden mit dem Format und weiterhin absolut begeistert. Die Töchter Carlotta Bähre (Dorli Schöllack) und Marie Louise Albertine Becker (Friederike von Boost) sind neu dabei und ebenfalls absolut überzeugend. Außerdem auch Massiamy Diaby, die als Journalistin dazu kommt. Maurice Hübner, der Regisseur von «Ku’damm 77», hat hier zusammen mit Annette Hess in der Ko-Regie das ganze Ensemble brillant inszeniert.
Die Produktion betont den hohen Anspruch an Ausstattung, Originalschauplätze und historisches Detail. Welche Herausforderungen bringen steigende Produktionskosten und moderne Drehrealitäten mit sich?
Die UFA ist diesen Weg von Anfang an mit uns gemeinsam gegangen. Nico Hofmann hat das Projekt mitentwickelt und zusammen mit Marc Lepetit eng produzentisch betreut. Gemeinsam mit Annette Hess haben sie dafür gesorgt, dass es bezahlbar bleibt – und das, obwohl wir in Deutschland drehen. «Ku’damm» lebt nicht von großen Außenansichten und zeitgeschichtlichen Rekonstruktionen, sondern im Kern von einer intimen, privaten, weiblichen Familiengeschichte. Das ist entscheidend. Diese Balance immer wieder auszutarieren, wie viel Innen und Außen, ist wichtig für die wirtschaftliche Planung, gerade bei steigenden Kosten.
Mit dem Konzept der 6×45-Minuten-Fassung im Stream und der 3×90-Minuten-Ausstrahlung im linearen TV bedient «Ku’damm 77» zwei Sehgewohnheiten. Wie wichtig ist diese doppelte Programmstruktur für das ZDF?
«Ku’damm» hat in den letzten Staffeln sowohl linear als auch non-linear ein großes Publikum gefunden. Die Dramaturgie von «Ku’damm» macht beides möglich. Sie trägt über 90 Minuten in der Primetime und da «Ku’damm» auch in dieser Staffel sehr seriell erzählt ist, ist die 6x45-Formatierung für das Portal richtig. Ich bin sehr gespannt darauf, ob die Nutzer:innen «Ku’damm 77» mit der gleichen Begeisterung wie die bisherigen Staffeln willkommen heißen. Interessant wird auch sein, wen wir neu für den Kosmos gewinnen können und wie die vorherigen Staffeln genutzt werden.
Welche Rolle spielt das internationale Interesse, insbesondere durch den Weltvertrieb der ZDF Studios, bei der kreativen und wirtschaftlichen Planung einer neuen Staffel?
ZDF Studios ist seit Anbeginn hier unser Koproduktionspartner und das ist wirklich toll. Alexander Coridaß (ehemaliger Geschäftsführer der ZDF Enterprises) hat, als ich ihm von der Idee zu «Ku’damm» erzählt habe, gleich „ja“ gesagt. Er kommt aus einem reinen Frauenhaushalt und konnte mit den Schilderungen Ende der 50er-Jahre viel anfangen. Sein Nachfolger Markus Schäfer hat sich ebenfalls zur Marke «Ku’damm» bekannt, wofür wir sehr dankbar sind.
Begleitend erscheint eine Dokumentation der Redaktion Zeitgeschichte. Wie entscheidend ist für Sie dieser crossmediale Kontext, um das Serienuniversum zu vertiefen?
Die Kolleg*innen von der Zeitgeschichte, die übrigens unsere Drehbücher stets auch auf historische Authentizität prüfen, zeigen auch dieses Jahr, wie bereichernd eine durch Fiction-Szenen belegbare Dokumentation ist. Sie legen dabei den Finger in Wunden, die in der Fiction nur zart berührt werden, wie etwa das Phänomen der „Brown Babies“, das durch die Linda-Figur in der Serie thematisiert wird.
Auch ein Schulprojekt über «Ku’damm 77» wird angeboten. Was bedeutet es Ihnen, wenn eine fiktionale Reihe gesellschaftliche Debatten bis in die Bildung hinein anstößt?
Das ist unsere Aufgabe als öffentlich-rechtlicher Sender! «Ku´damm 77» ist dazu geeignet, einen breiten gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen. Wir wollen einen Mehrwert für alle Zuschauer*innen und Zuschauer schaffen, egal welcher Altersgruppe.
Wenn Sie auf die Entwicklung seit der ersten Staffel zurückblicken: Welche künstlerische oder strukturelle Entscheidung hat den «Ku’damm»-Kosmos am stärksten geprägt?
Annette Hess wollte von der Zeit erzählen, als ihre Mutter jung war. Aber es war kompliziert, den Kosmos zu finden. Kaufhaus? Hotel? Bis sie eines Abends ihre Tochter von der Tanzschule abholte und da war ihr klar: Ja, natürlich, es ist die Tanzschule.
Und zum Schluss: Sie begleiten die Reihe seit Beginn – welche Frage würden Sie selbst den Schöllack-Frauen stellen, wenn Sie ihnen, wie im Film-im-Film-Konzept, ein Mikrofon hinhalten könnten?
Jung und weiblich in Deutschland – wird es langsam besser?
Danke für Ihre Zeit!
Montag 12., Dienstag 13. und Mittwoch 14. Januar 2026, jeweils 20.15 Uhr im ZDF. Seit 27. Dezember in der ZDFmediathek.
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