Eisige Landschaft, falsche Diamanten und verlorene Liebe: «Siberia» zeigt Keanu Reeves in einem fatalistischen Noir.
Schneesturm, Schicksal, falsche Diamanten:
«Siberia» (2018) will Noir-Romantik im sibirischen Eis entfachen, bleibt aber zwischen Gangsterthriller, Reisedrama und Romanze stecken. Keanu Reeves spielt den amerikanischen Diamantenhändler Lucas Hill, der in Russland in eine Schieflage gerät: Die versprochenen, angeblich seltenen blauen Steine sind weg, sein Kontaktmann verschwindet, der Geschäftspartner entpuppt sich als Gangster – und die Zeit läuft. Auf der Suche nach der Ware verschlägt es Lucas aus St. Petersburg in das raue Mirny, wo er die Cafébesitzerin Katya (Ana Ularu) kennenlernt. Aus dem zufälligen Kennenlernen wird eine Affäre, die Lucas’ ohnehin wackelige Ehe endgültig zur Gewohnheit degradiert. Zwischen Druck der FSB, Drohgebärden des Gangsters Boris (Pasha D. Lychnikoff) und der Frage, ob die Diamanten echt oder gefälscht sind, taumelt Lucas immer tiefer hinein – bis zur finalen, bitteren Konsequenz. Das ist klassisches Noir-Handwerk auf dem Papier: ein Mann, der aus der Kurve getragen wird; eine Liebe, die zur Illusion gerinnt; eine Umgebung, die ihn aufreibt.
Warum funktioniert das trotzdem nur bedingt? Zum einen, weil «Siberia» nie eine klare Genre-Entscheidung trifft. Der Film will halb «Heat» im Frost, halb unerfüllte Liebesfantasie sein – die Tonlagen reiben sich, statt sich zu befeuern. Die Krimihandlung bewegt sich über weite Strecken im Modus „Mann fährt wohin, erfährt einen Brocken Information, fährt weiter“; Spannung entsteht selten aus Figurenentscheidungen, sondern aus Wegpunkten. Dem gegenüber steht die Romanze, die zwar körperlich ist, aber seelisch erstaunlich schemenhaft bleibt: Katya bekommt Kontur vor allem als Projektionsfläche – ein aufrichtig gespielter, aber untergeschriebener Gegenpol zu Lucas’ innerer Leere. Wenn dann der Film seine drastischste Setpiece-Idee auspackt (der „Bruderschafts“-Ritual-Tausch, dem beide sich beugen), wirkt das eher wie kalkulierter Tabubruch als wie Figurenlogik.
Keanu Reeves spielt reduziert, fast entrückt – eine Linie, die ihm in «John Wick» zugutekommt, hier aber gelegentlich als Leerlauf missverstanden wird. Interessanterweise ist es Ana Ularu, die dem Film Wärme und Ambivalenz einflößt: Ihre Katya ist misstrauisch, selbstbestimmt, verletzlich – man ahnt, dass hier eine echte Figur steckt, die ein anderer Film stärker in den Mittelpunkt gerückt hätte. Pasha D. Lychnikoff gibt den Gangster nicht als Comic-Bösewicht, sondern als unberechenbare Naturgewalt; Molly Ringwald taucht kurz, aber markant als Ehefrau auf – ein nüchterner Kontrapunkt zur sibirischen Affäre.
Handwerklich ist «Siberia» durchaus attraktiv: Eric Koretz’ Kamera fängt die kalte, körnige Atmosphäre in St. Petersburg und die horizontale Weite Manitobas (als Sibirien-Doubel) mit viel Textur ein, der Score von Daniel Bensi und Saunder Jurriaans arbeitet dezent gegen die Oberfläche und legt einen melancholischen Puls drunter. Regisseur Matthew Ross hält das Tempo kontrolliert – vielleicht zu kontrolliert. Dem Film fehlt jene Unruhe, die Noir-Geschichten oft treiben: das Gefühl, dass gleich etwas Unumkehrbares passiert. Hier bleibt vieles kühl, schön – und leider fern.
An den Kassen blieb «Siberia» ein Randphänomen, das weltweite Ergebnis lag im Hunderttausender-Bereich, was zur VOD-Verschiebung und einem raschen Verschwinden im Katalog führte. Kritisch fiel das Echo entsprechend nüchtern aus: ordentlich fotografiertes Understatement, aber inhaltlich zu dünn, um zu haften. Das Ende – fatalistisch, konsequent – trifft den richtigen Noir-Akkord, kommt jedoch nach einem Mittelteil, der zu oft auf der Stelle tritt.
Und was machen die Hauptdarsteller heute? Reeves hat seine Position als globaler Star längst zementiert – mit «John Wick 4» und weiteren Franchise-Auftritten bewies er, dass sein zurückgenommenes Spiel in der richtigen Umgebung enorme Wucht entfaltet. Ana Ularu hat sich zwischen europäischen Produktionen und US-Formaten etabliert und bleibt eine jener Gesichter, die man sofort wiedererkennt, auch wenn man ihren Namen erst beim Abspann parat hat. Molly Ringwald ist regelmäßig in Serien und Indie-Filmen präsent, Pasha D. Lychnikoff bleibt ein gefragter Character Actor für ambivalente Figuren.
Unterm Strich ist «Siberia» ein Film voller guter Einzelzutaten – starre, schöne Kältebilder. Ein lakonischer Antiheld, eine glaubwürdige, weil spröde Beziehung – der nie zu einem großen Ganzen schmilzt. Wer melancholische Krimi-Miniaturen mag, kann hier Atmosphären tanken. Wer einen schmerzhaft dichten Thriller erwartet, findet eher eine skizzenhafte Ballade über Entfremdung, die man nach dem Abspann mehr fühlt als erinnert.
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel