Mit der Vernetzung der Welt wurde vor über 150 Jahre begonnen. In einer sehenswerten arte-Dokumentation zeichnet Ruàn Magan den Bau des Kabels zwischen Neufundland und England nach.
arte ließ in den vergangenen Monaten zahlreiche unterschiedliche Dokumentationen produzieren. Mit Werken wie «Hitzefrei? Klima wandelt Arbeit», «Harry vs. William – Der royale Bruderzwist» oder «Das Glückspiel namens Wetter» konnte man sich teilweise im Fernsehen durchsetzen, bei YouTube begeistert der deutsch-französische Fernsehsender die Massen mit ganz anderen Werken. Der Sender hat sich die Rechte an
«Abenteuer Tiefseekabel – Die Vernetzung der Welt» gesichert, der über 700.000 Abrufe in den sozialen Medien sammelte.
Das Thema Tiefseekabel ist höchst spannend, schließlich dauerte es Jahrzehnte, bis das erste Kabel überhaupt verlegt werden konnte. Der Deutsche Samuel Thomas vom Soemmering schickte im Jahr 1811 die ersten elektrischen Signale durch einen mit Kautschuk isolierten Draht durch die Münchner Isar. Samuel F. B. Morse versuchte ein Seekabel durch den Hudson River zu verlegen, doch erst mit Werner Siemens wurden Unterwasserverlegungen mit gut isolierten Kabeln möglich.
Die Autoren der Dokumentation eröffnen den Spielfilm mit einer großen Theorie: Erst die Unterseekabel haben die Welt so geschaffen, wie wir sie heute erleben. Zwar benutzen die Menschen Smartphones, um zu kommunizieren und Daten auszutauschen, doch abseits der Funkmaste werden diese Daten mit Hilfe der zahlreichen Unterseekabel ausgetauscht. „Das Atlantik-Kabel war das Apollo-Projekt des 19. Jahrhunderts“, sagte Tom Standage (Autor „The VIctorian Internet“). Mit Hilfe des ersten Unterseekabels wurde es möglich, dass Nachrichten wie anfangs mit dem Telegrafen innerhalb von Sekunden ausgetauscht werden können.
Dokumentarfilmmacher Ruàn Magan beginnt seine Reise an der Südwest-Küste Irlands im Jahr 1857. „Valentia Island ist der Startpunkt des Transatlantikkabels“, sagt Wissenschaftsjournalistin Elaine Burke, die man auf die Insel begleitet. Dort haben sich früher zahlreise Schaulustige versammelt. „Sie wollten sehen, wie riesige Schiffe aus dem Atlantik in diesen idylischen kleinen Hafen fahren.“ Das Projekt zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika war von enormer Bedeutung, weshalb das erste Kabel auch mit Hilfe von zwei Kriegsschiffen verlegt werden sollte. In einer Tiefe von bis zu 3.000 Metern sollten die USS Niagara und die HMS Agamennon das dünne Kabel verlegen. Was viele Menschen nicht wissen: Unterseekabel sind im Verhältnis zu Gasrohren geradezu spindeldürr.
Der Kopf hinter dem Unternehmen war der 38-jährige Cyrus W. Field. „Er war Elon Musk des 18. Jahrhunderts“, so Chris Morash (Trinity College, Dublin) und verwies darauf, dass der Unternehmer Field mit einem ganz anderen Telekommunikationsunternehmen reich wurde. Field wurde mit dem Papier reich, weil durch die Dampfkraft die Herstellung billig wurde.
Zwischenzeitlich werfen die Autoren einen Blick in die Vergangenheit der Kommunikationsübertragung. Jahrhunderte lang war der zugestellte Brief das Werkzeug, um Informationen fehlerfrei weiterzureichen. Doch weil auch die Schaffung der Post teilweise zu langsam war, wurde unter anderem in Frankreich im Jahr 1798 eine andere Form der Telekommunikation eingeführt. Der Erfinder Claude Chappe entwickelt die optischen Türme, die ihr Holzgerüst mehrfach ändern konnten. Es wurde deshalb möglich, dass bereits 1793 eine Fernlinie von Paris bis Lille über 225 Kilometer reichte.
Mit den zahlreichen Nebenästen der Erzählstruktur dauert es bis in die 37. Minute, bis der Startschuss der Atlantik-Kabelverlegung beginnt. Das Kabel bestand zunächst aus Kupfer, Guttapercha, Hanf und Draht. Es ist daher auch logisch, dass die Kupfer-Produktion in und um London im großen Stile startete, so Denis Linehan von der University College Cork. Laut Linehan waren zahlreiche Menschen beteiligt, damit diese Kabel hergestellt wurden. Die Materialien kamen aus Chile und Indonesien. Die Kosten für das erste Tiefseeprojekt explodierten, weshalb Field schon damals wie Start-Ups heute um Geld buhlte. Die negativen Aspekte, wie die Rodung zahlreicher Wälder zur Herstellung der Materialien, verschwiegen die beteiligten Personen.
Die Schiffe der US- respektive UK-Marinen fuhren gemeinsam auf See, während beide Schiffe von einem gemeinsamen Punkt in entgegengesetzten Richtungen fuhren. Doch das Unterfangen geht schief. Die Kabel reisen – und das auch nicht nur einmal. Bei einer finalen Mission reist das Kabel gleich drei Mal, die Arbeiter müssen das Kabel mit Haken wieder aus dem Meer fischen. Beteiligte wollen das Projekt abbrechen, das übrige Kabel soll einfach weiterverkauft werden. Am 4. August 1858 landet das Schiff dennoch in Neufundland, die Briten feiern ihre Idee unter Kanonenschüssen. Die alte und die neue Welt sind durch ein Kabel verbunden, die Mission hat funktioniert. Bereits einen Tag später konnte Field an seine Frau in Übersee eine Nachricht senden, der damalige US-Präsident James Buchanan schrieb am selben Tag ein Telegramm.
Heute sind auf dem Grund der Meere rund 500 verschiedene Glasfaserkabel verlegt. Das Material lässt mit 99,7 Prozent der Lichtgeschwindigkeit kommunizieren. Die Bauten eines Unterseekabels sind heutzutage auch relativ günstig. Google und Co. verlegen tausende Kilometer für mehrere Millionen. Auch Zerstörungen durch Anker und Meerestiere sind immer wieder vorgekommen. Doch diese Idee hat die Welt verändert. Auch in Zukunft werden die Menschen diese Kabel benötigen, um weltweit kommunizieren zu können. Insofern ist «Abenteuer Tiefseekabel – Die Vernetzung der Welt» eine sehenswerte Dokumentation. Auch Menschen abseits der IT sollten sich mit dem Thema beschäftigten, weil die Entstehung so legendär ist wie beispielsweise der Buchdruck.
«Abenteuer Tiefseekabel» ist auf dem YouTube-Kanal von arte zu finden.
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