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Die Kritiker: «Tatort – Ein Freund, ein guter Freund»

Ein Mafia-Anwalt wird in seiner Kanzlei ermordet. Ein zweiter Anwalt wird entführt. Trotz der Duplizität der Ereignisse scheinen die beiden Fälle dennoch nichts miteinander zu tun haben, denn beruflich trennen die beiden Männer Welten. Ist das zeitliche Zusammentreffen der beiden Geschehnisse wirklich nur ein irrwitziger Zufall?

Stab

DARSTELLER: Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Björn Meyer, ChrisTine Urspruch, Mechthild Großmann, Claus D. Clausnitzer, Jan georg Schütte, Proscchat Madani, Claudio Caiolo, Hendrik Heutmann, Hadi Khanjanpour
MUSIK: Michael Klubertanz
KAMERA: Victor Voß
DREHBUCH: Benjamin Hessler
REGIE: Janis Rebecce Rattenni
Thiel und Boerne ermitteln wieder. Seit 20 Jahren kalauern sich Jan Josef Liefers und Axel Prahl durch das westfälische Münster. Viele Jahre hat dies auch wirklich Spaß gemacht. Meist mit leichter Hand inszeniert, haben die beiden Darsteller ihre Spuren in deutschen Krimilanden hinterlassen. Auf der einen Seite der arrogante, überhebliche, von der eigenen Genialität besoffene Rechtmediziner, auf der anderen Seite der oft aufbrausende, aber bodenständige hanseatische Kriminalbeamte im westfälischen Exil: Gäbe es dieses Pärchen nicht, müsste man es erfinden.

In den letzten Jahren hat das Duo jedoch gewaltig Grünspan angesetzt und die Ankündigungen der letzten Filme ließen eher Sorgen und nicht zwingend Freude aufkommen. Setzte im November 2020 «Limbus» noch einen unerwarteten Glanzpunkt und spielte alle Freiheiten aus, die sich der Münsteraner «Tatort» im Laufe der Jahrzehnte erarbeitet hat, folgte ihm mit «Es lebe der König» ein mehr als laues Lüftchen. Den Tiefpunkt dieser Entwicklung durften die Fans im Frühjahr 2022 mit dem «Matrix»/«Men in Black»-Kriminalfilmverschnitt «Propheteus» ertragen, der von der professionellen Kritik zwar recht wohlwollend betrachtet wurde, auf der Zuschauerseite aber wenig Begeisterungsstürme entfachte.

Zu oft vorhersehbar


Ein Problem der letzten Filme generell: Ihre Vorhersehbarkeit. Wer lange genug die Reibereien von Boerne und Thiel miterlebt hat, weiß, wann welche Pointen gesetzt werden. Sicher, auch in diesem Reigen stellt «Limbus» eine Ausnahme dar. Ein Höllentrip aber macht noch keinen Sommer.
Steht also so etwas wie eine Götterdämmerung an, sind die Tage der kalauernden Ermittler aus Münster gezählt?

Mitnichten, denn «Ein Freund, ein guter Freund» zeigt auf, wie Thiel und Boerne für die Zukunft fit gemacht werden können: Indem man „einfach“ den Fall, mit dem sich die beiden herumärgern müssen, tatsächlich ernst nimmt. Ernst in dem Sinne, dass sich die handelnden Figuren (insbesondere Boerne) wie Profis verhalten – oder ihr Verhalten, wenn es abweicht, doch zumindest nachvollziehbar ist. Gerade der Professor wirkte in den letzten Filmen nicht selten wie ein Gaststar, ganz so, als wären den Autorinnen und Autoren die Ideen für seinen weiteren Einsatz im «Tatort»-Universum ausgegangen. Doch was soll man sagen: In diesem Film agieren die beiden Hauptdarsteller tatsächlich wieder auf Augenhöhe miteinander.

Der Mord, den es für Thiel zu klären gibt, ereignet sich in der Kanzlei von Nikolas Weber. Das Opfer ist der Kanzleiinhaber selbst. Er ist erschossen worden. Weber war der Haus- und Hofanwalt von Nino Agostini. Der vertritt eine nicht näher benannte Mafia-Familie in Münster. Agostini gilt als ein Geschäftsmann mit blütenweißer Weste. Jeder weiß, dass er ein Mafioso ist. Aber er gilt als unantastbar. Nicht zuletzt dank des juristischen Geschicks von Weber. Webers Verteidigungsschriften galten lange Zeit als legendär. Er hat mit seiner Arbeit Agostini nicht nur vor Ungemach bewahrt, er hat am Ende sogar noch dafür gesorgt, dass sich die Ermittler stets bei dem Mafia-Boss entschuldigen mussten. Bis ihm ausgerechnet bei der Verteidigung eines Neffen von Agostini wegen einer „lapidaren“ Diebstahlgeschichte ein kaum erklärbarer Anfängerfehler unterlaufen ist, der den jungen Mann ins Gefängnis gebracht hat. Schon eine oberflächliche Leichenbeschauung lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Weber schwer Kokain abhängig gewesen ist. Hat er im Drogenrausch einen Fehler gemacht? Hat ihn Agostini deshalb umgebracht? Dass sich im Verhältnis der Kanzlei mit dem Mafia-Boss in letzter Zeit einiges an Misstrauen aufgebaut haben muss, dafür spricht auch das Abtauchen von Webers Kompagnon Erik Nowak. Der hat sich vor Wochen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. Freiwillig. Allerdings hat er sich selbst inzwischen auch wieder entlassen und war in der Mordnacht in Münster.

Am Abend des Mordes an dem Mafia-Anwalt hat Professor Boerne die Abschiedsrede auf einen Freund gehalten. Friedhelm Fabian heißt der. Er ist mit Veronika verheiratet, eine Frau, die Boerne einst begehrt hat. Und Friedhelm Fabian ist ein Top-Jurist mit bestem Leumund. Vor allem aber ist er ein Mann, der das Schöne zu schätzen weiß und der sich entschlossen hat, seine höchst erfolgreiche berufliche Karriere zu beenden, um seinen Wohlstand genießen zu können. Er wird Münster verlassen und das Leben feiern.

Das war zumindest der Plan; ob er sich noch umsetzen lässt, steht in den Sternen, denn Friedhelm wird entführt. Die Entführer verlangen die Herausgabe einer Festplatte. Und natürlich erhält Veronika die Order, die Polizei aus den Ermittlungen herauszuhalten. So stolpert Boerne eher zufällig über die Tatsache, dass sein Freund entführt worden ist und bietet sich als Bote an. Natürlich sucht er heimlich auch nach möglichen Verbindungen zwischen dem Mord und der Entführung. Aber Weber und Friedhelm Fabian haben in unterschiedlichen Welten gearbeitet, es gibt zwischen den beiden schlichtweg keine Verbindungen. Sind tatsächlich zwei Anwälte, vollkommen unabhängig voneinander, zeitgleich Opfer ganz unterschiedlicher Täter geworden?

Überraschende Ernsthaftigkeit


Die Kriminalgeschichte nimmt sich ernst! Wenn es zu humorvollen Situationen kommt, finden die zumeist – ganz klassisch – in der Interaktion von Boerne und Thiel statt. Natürlich sind auch Mechthild Großmann, ChrisTine Urspruch und Claus D. Clausnitzer am Start in den Rollen der Staatsanwältin, Alberichs und Thiels Vatta. Ihre Auftritte werden jedoch dezent gesetzt, ganz im Sinne des angelsächsischen Defintition der Supporting Actors, der unterstützenden Schauspielerinnen und Schauspieler. Auch Björn Meyer ist in der Rolle von Thiels Assistenten Mirko Schrader mit diesem Film endgültig im Münsterversum angelangt und erledigt seinen Part ohne Fehl und Tadel.

Der größte Glückfall dieses Kriminalfilmes aber saß bei den Dreharbeiten im März und April 2022 hinter der Kamera und ist die Regisseurin Janis Rebecca Rattenni. Janis Rebecca Rattenni hat bereits mit 11 Jahren als Kinddarstellerin in der Seifenoper «Unter uns» vor der Kamera gestanden. Dort hat sie 2016 auch ihr Regie-Debüt gegeben. Nach einigen Arbeiten im Metier der Seifenopfer und des Vorabend-Krimis, ist «Ein Freund, ein guter Freund» ihr dritter 90-minütiger Spielfilm und wahrscheinlich auch so etwas wie ihre Meisterprüfung – denn schon lange hat kein «Tatort» mehr so elegant ausgesehen. Die Kamera (Victor Voß) ist vorzüglich, alle Bilder gehen ineinander über; mehrfach nutzt die Regisseurin das Split-Screen-Verfahren, um die Hauptfiguren an verschiedenen Orten mit- oder auch gegeneinander agieren zu lassen. Das alles bewegt sich in einem Fluss, der nie wirklich stillsteht. Wo andere Filmemacher der Reihe «Tatort» auf dunkel ausgeleuchtete Räume stehen oder Bilder ihrer Farben berauben, um die Schwere (und Wichtigkeit) der Handlung zu betonen, wirkt Janis Rebecca Rattennis Inszenierungsstil locker. Zumindest da, wo es in einem Krimi, der eher dem Humor frönt, angemessen ist, sprich: Zeigt sie das Entführungsopfer, weiß sie sehr wohl die richtigen Bilder zu kreieren. Sie weiß aber auch, wie man eine Handlung aus eher dunklen Bildern heraus zurück an die Sonne fährt. Und dann sind da einige wenige Momente gerade zum Ende der Story hin, die schlicht ein dynamisches Talent erkennen lassen, das freigelassen werden will. «Ein Freund, ein guter Freund» ist ein «Tatort». Schauwerte kosten Geld. Action kostet Geld. Geld gibt es beim WDR nicht, da es für Pensionsfonds benötigt wird, also regiert Schmalhans. Wer Dynamik erzeugen will, muss also Tricksen. Etwa dadurch, dass man durch Kameraeinstellungen (Froschperspektive, aber mit einem weiten Winkel) Dynamik suggeriert. Janis Rebecca Rattenni hat solche Tricks drauf. Man sollte sich diesen Namen merken und Produzenten sollten die Kölnerin vielleicht einmal für besser budgetierte Arbeiten in die engere Auswahl einbeziehen.

Fazit: «Ein Freund, ein guter Freund» wirkt wie eine Frischzellenkur für die in die Jahre gekommenen Ermittler aus Münster.

Am Sonntag, 13. November 2022, 20.15 Uhr, Das Erste
12.11.2022 12:11 Uhr Kurz-URL: qmde.de/138006
Christian Lukas

super
schade

87 %
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Tags

Limbus Tatort Es lebe der König Matrix Men in Black Propheteus Ein Freund ein guter Freund Unter uns

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