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«The Lincoln Lawyer» Kritik – Netflix‘ Antwort auf «Bosch»?

Anwaltsserienspezialist David E. Kelley verfilmt «The Lincoln Lawyer» basierend auf den Bestsellern Michael Connellys. Eigentlich hätte hier nicht viel schiefgehen dürfen…

Warum Amazon sich nach dem Erfolg von «Bosch» nicht frühzeitig die Geschichten um dessen Halbbruder Mick Haller als Lincoln Lawyer gesichert hat und dieser stattdessen nun bei der Konkurrenz Mandanten verteidigt, wird in der verzwickten Rechtesituation um Michael Connellys Werke nicht ganz klar. Nach Sichtung der Netflix Umsetzung, kann dieser Umstand allerdings nur als bedauerlich bezeichnet werden. Sowohl die Verfilmung «Der Mandant» (2011) mit Matthew McConaughey in der Rolle des Mick Haller als auch «Bosch» bei Amazon wussten den für Connelly typischen Neo-Noir-Stil noch hervorragend umzusetzen. Bei «The Lincoln Lawyer» fehlt hiervon hingegen jede Spur. David E. Kelley arbeitet zwar mit den Figurennamen Connellys, kreiert allerdings ein fades Anwaltsdrama, dass nicht ohne Grund an eine durchschnittliche amerikanische Networkserie erinnert. Ursprünglich für den Networksender CBS entwickelt, dort allerdings verworfen, nachdem schon einige Skripte fertiggestellt waren, wanderte die Serie zum Streamingdienst Netflix.

Änderungen an der stilistischen Ausrichtung dürften von diesem Punkt an nicht mehr erfolgt sein, denn «The Lincoln Lawyer» kränkelt an allen Restriktionen eines Networkdramas. Entschärfte Dialoge und Darstellungen, gepaart mit in die Länge gezogenen Handlungssträngen und jederzeit ersetzbar wirkenden Schauspielern, kreieren eine generische CBS Sonntagabendserie, die ohne jeglichen geistigen Aufwand mit halbgarem Interesse nebenbei verfolgt werden kann. Natürlich waren die Fußstapfen eines Matthew McConaughey von Anfang an riesig und gerade im Bereich TV kaum zu ersetzen, doch Manuel Garcia-Rulfo fehlt es als Mick Haller an allen Enden an Charme und Charisma, man nimmt ihm die Figur schlicht zu keiner Zeit ab. Hier kann von einer absoluten Fehlbesetzung gesprochen werden. Auch für den restlichen Cast kommt keinerlei Euphorie auf, was auch mit der durchschnittlichen Dialogarbeit in Zusammenhang steht. Hier schmerzt es fast, sich David E. Kelleys fantastisches «Boston Legal» in Erinnerung zu rufen, das mit James Spader und William Shatner in den Hauptrollen nicht nur hervorragend besetzt war, sondern auch von Wortwitz und Unterhaltungswert nur so sprühte. Doch was bleibt, wenn weder die leichte, humorhafte Unterhaltung eins «Boston Legal», noch die düstere, ernste Neo-Noir Darstellung der McConaughey-Verfilmung umgesetzt wird?

Inhaltlich kann dem Hauptfall Hallers, der sich über die zehn Folgen umfassende erste Staffel hinzieht, eine gewisse Spannung zwar nicht abgesprochen werden, doch ist der Ausgang leider vorhersehbar. Nebenhandlungen können zumindest teilweise mit einer minimalen Brise Humor aufwarten, sind aber insgesamt kaum der Rede wert. Visuell wird im Gegensatz zu Bosch das eher typische, hell-sonnige „gute Laune“ Los Angeles gezeigt. Selbst wenn es die Rechtesituation erlauben würde, wäre aufgrund der zahlreichen stilistischen Unterschiede ein Crossover der beiden Halbbrüder daher völlig divergent.

«The Lincoln Lawyer» ist in allen Belangen durchschnittlich, eine Serie, die zwar durchaus schaubar ist, ihr Potential aber an allen Ecken und Enden verschenkt. Letztlich bleiben weder Schauspieler noch Handlung in irgendeiner Art und Weise erinnerungswürdig. Wem das Genre zusagt und wer gelangweilt an einem regnerischen Sonntag nach einer neuen Anwaltsserie sucht, kann sich mit gesenktem Anspruch allerdings durchaus seicht unterhalten lassen.
15.05.2022 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/134333
Marc Schneider

super
schade

67 %
33 %

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Tags

Bosch Der Mandant The Lincoln Lawyer Boston Legal

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