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Fabian Hinrichs: ‚Das Smartphone ist eine der schrecklichsten Erfindungen‘

Mit der Serie «ZERV» wird der Schauspieler zurück ins Jahr 1990 befördert. Eine Zeit ohne stetige Smartphones. Was die Serie sonst noch so interessant macht, erklärt Hinrichs im Interview.

Sie sind seit sechs Jahren Team des Franken-Tatorts im nördlichen Bayern. Wie viel Politikum hat denn diese Reihe? Die Fälle spielen in Nürnberg, Bamberg, Bayreuth, Aschaffenburg und habe ich noch eine Stadt ausgelassen?
Drei Antworten auf zwei Fragen: Erstens: ich bin mir nicht sicher, ob unser «Tatort» in Franken ein Gegenstand von politischer Bedeutung ist. Ich hoffe aber, dass er eine kulturelle Bedeutung für die Region, aber noch vielmehr über die Region hinaus besitzt, dass er also "subjektiv-allgemein" ist, wie Kant das so schön ausdrückt.

Zweitens: Ich vergesse leider recht viel, doch meine ich, dass wir bisher leider noch nie in Aschaffenburg waren. Dafür aber in Würzburg.

Stört es Sie, dass im Vorfeld der Ausstrahlung über die Stadt diskutiert wird und nicht etwa über den Kriminalfall?
Ist das so? Ich habe es immer andersherum erlebt. Wie immer hängt es wohl vom Radius der Betrachtung ab. Fränkische Medien thematisieren Anderes als überregionale. Und Letztere haben den Drehort noch nicht ein einziges Mal erwähnt, wohl aber Puls und Seele der Filme. Oder meinen Sie die Einwohner Frankens und ihre Sicht auf die Filme? Ja, das wäre dann etwas ganz Anderes. Da spielt es zugegebenermaßen eine bedeutende Rolle, wo wir arbeiten- und wo nicht. Aber das stört mich überhaupt nicht, es ist eher eine Auszeichnung.

Sie spielten in der Sky-Serie «8 Tage» eine der Hauptrollen und bekamen viel positive Presse. Hätten Sie sich vielleicht auch bessere Zuschauerzahlen gewünscht?
John Lennon sagte einst, er wünsche sich so viele Hörer wie irgend möglich, ohne dafür künstlerische Kompromisse eingehen zu müssen. So sehe ich das auch.

Das Erste startet ab 22. Februar die Serie «ZERV – Zeit der Abrechnung» und dazu gibt es eine Doku-Serie in der ARD Mediathek. Worum wird es bei diesem Projekt gehen?
Es geht um die größte SOKO der Kriminalpolizei in der Geschichte Deutschlands und merkwürdigerweise ist sie nicht nur die größte Sonderkommission, sondern auch die unbekannteste. Es gab bisher 2,3 Millionen Filme und Serien über das F.B.I., aber - vor uns - keine einzige über die ZERV, die "Zentralstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität". Was ist dabei 'rausgekommen? «ZERV» meiner Ansicht nach fesselndes modernes lustiges trauriges intensives Fernsehen, dazu noch aus Deutschland. Die wunderbare Nadja Uhl spielt Karo Schubert, eine "normale" Kriminalkommissarin mit DDR-Vergangenheit, ich spiele Peter Simon, der als ZERV-Ermittler aus dem Westen ins ehemalige Ostberlin kommt. Beide müssen ungewollt und gezwungenermaßen zusammenarbeiten. Mit uns zusammen spielen großartige Schauspieler:innen: Fritzi Haberlandt, Thorsten Merten, Rainer Bock und viele andere. Es geht um Ost, es geht um West, es geht um Ost/West, im Kleinen wie im Großen.

Die Serie spielt in den 90er Jahren – eine Zeit ohne Mobiltelefone. Das muss doch eine herrliche Zeit gewesen sein?
Ja, das Smartphone ist eine der schrecklichsten und folgenreichsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Es hat nichts verbessert- es weckt Bedürfnisse, die wir sonst nicht hätten und lässt uns an allem Möglichen teilnehmen, das es ohne das Smartphone gar nicht gäbe.

In den 90er Jahren waren solche Krankheiten wie Corona noch nicht vorherrschend. Der 11. September war noch weit entfernt. Mit welchen Sorgen und Problemen waren die Menschen damals tagtäglich konfrontiert?
Bezogen auf Deutschland der freudige Schock der Wiedervereinigung. Insbesondere für die Menschen aus dem Osten bedeutete die Gegenwart nach der friedlichen Revolution eine permanente Pendelbewegung zwischen Chance und Schrecken, höchst unvorhersehbarer Zukunft und unbewältigter Vergangenheit. Aber auch die Westdeutschen mussten sich und ihre Identität neu befragen, ob sie wollten oder nicht.

Gleichzeitig drang der Auftrag der Marktwirtschaft an alle Bürger:innen nach Selbstverwirklichung und Marktförmigkeit immer mächtiger ins Bewusstsein jedes einzelnen Menschen.

«ZERV – Zeit der Abrechnung» dreht sich auch um grenzüberschreitende Seilschaften, Waffenlieferungen und Politik. Themen, die nie aus der Mode kommen?
Ich habe erst vor zwei Wochen Shakespeares "Sonett 66" wieder einmal gelesen, es wurde vor über 400 Jahren geschrieben und all das (Seilschaften, Politik, Gewalt, Korruption) lässt das literarische Ich darin verzweifeln - gäbe es nicht die Liebe. Die trübsinnigen Leidenschaften aber auf der einen und die Liebe auf der anderen Seite sind keine Gegenstände der Mode, sondern sie sind in jedes Leben jedes Menschen zu jeder Zeit eingeschrieben.

Die Dreharbeiten fanden zwischen September 2020 und April 2021 in Berlin, Leipzig und Teilen von Tschechien statt. Haben Sie die unterschiedlichen Corona-Regeln mitbekommen?
Eigentlich nicht, hüben wie drüben war Lockdown. Also unterschiedslose kulturelle Tristesse.

Hatten Sie eigentlich auch Zeit Prag anzuschauen oder waren Sie lieber auf dem Hotelzimmer, um sich vor potenziellen Corona-Infektionen zu schützen?
Meine Spaziergänge durch Prag während der Schließungen werde ich niemals vergessen. Ich war schon oft in der Stadt, aber diesmal war ich jedes Mal nahezu der Einzige auf den Straßen. Ich ging über die Karlsbrücke und stellen Sie sich vor: nur zwei andere Menschen gingen mit mir über die Moldau. Normalerweise kommt man nur zentimeterweise vorwärts, so vollgestopft mit Touristen ist die Brücke.

Die Situation erinnerte mich an einen Spaziergang durch Kairo während eines hohen islamischen Feiertages: endlich konnte ich Architektur, Licht und die Komposition aus Natur und Geologie auf mich wirken lassen

Und können Tipps geben, die man unbedingt sehen sollte?
Sie sollten spazieren spazieren spazieren. Lassen Sie sich treiben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
22.02.2022 11:36 Uhr Kurz-URL: qmde.de/132653
Fabian Riedner

super
schade

86 %
14 %

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Tatort 8 Tage ZERV – Zeit der Abrechnung ZERV

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