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«Nightmare Alley»: Das gekonnte Remake eines Film Noir-Klassikers

Oscar-Preisträger Guillermo del Toro hat den Spielfilm von 1947 neu interpretiert. In der Hauptrolle sind Bradley Cooper und Willem Dafoe zu sehen.

Er hat schon Fortsetzungen («Blade II») gedreht, Comics («Hellboy») verfilmt, und für «Shape of Water» gab es für Guillermo del Toro sogar den Oscar. An ein Remake hatte sich der gefeierte Filmemacher aus Mexiko bisher aber noch nicht gewagt. Das kommt jetzt mit «Nightmare Alley», der Neuverfilmung eines Film Noir-Klassikers von 1947 unter der Regie von Edmund Goulding («Menschen im Hotel») und mit Tyrone Powers («Zeugin der Anklage») in der Hauptrolle. Zugegeben, «Der Scharlatan» (so der deutsche Titel) ist nicht so berühmt wie etwa die unvergessenen Film Noir-Vertreter «Die Spur des Falken» (1941) , «Laura» (1944) oder «Frau ohne Gewissen» (1944), aber wer das bisherige Werk von del Toro kennt, wird schnell erkennen, was den Meister ausgerechnet an «Nightmare Alley» nach dem Roman von William Linday faszinierte: Nicht nur die pessimistische Sicht auf die Zeit der großen Depression in den Dreißigerjahren, die Verbrechen provozierte und oftmals das Schlechteste aus den Menschen hervorholte, sondern auch die mystischen Elemente, die in dieser speziellen Geschichte einfließen. Denn die Gasse der Alpträume beginnt in der Welt der Schausteller, Artisten und Wahrsager, die mit Träumereien und Okkultismus die Hoffnungssuchenden ködert und damit ein schamloses Geschäft betreiben.

Auf der Allee des Verbrechens
Der ausgebrannte Stanton Carlisle (Bradley Cooper) flieht vor seiner Vergangenheit und findet eine Anstellung bei einem Wanderzirkus. Unter der Führung von Clement Hoately (Willem Dafoe) wird dem Publikum eine Freaks-Show geboten, die zugleich Erstaunen und Abscheu auslöst. Stan interessiert sich aber vor allem für die Tricks von Zeena (Toni Colette) und Pete (David Strathairn) - zwei Mentalisten, die es verstehen, Menschen zu manipulieren. Genau das will Stan auch können, und als Pete stirbt, übernimmt er fortan dessen Job und arbeitet sich hoch. Mit der jungen Molly (Rooney Mara), die vorgibt, Stromschläge aushalten zu können, kehrt er dem Jahrmarkt schließlich den Rücken, um in der Glamour-Welt einer Großstadt zu Ruhm und Ehre zu kommen. Das gelingt bis er auf die ebenso durchtriebene Psychologin Lilith (Cate Blanchett) trifft, die ihn sofort durchschaut. Doch anstatt ihn bloß zu stellen, verwickelt sie Stan in ein gefährliches Spiel. Zusammen wollen sie ihren an Schuldgefühlen leidenden Patienten Ezra Grindle (Richard Jenkins) um sein Vermögen bringen.

In den Fängen der Femme Fatale
Bradley Cooper hat nach seinen Komödienerfolg «Hangover» längst bewiesen, dass er noch so viel mehr kann als komisch sein. So brillierte er als traumatisierter Soldat in Clint Eastwoods «American Sniper» und als alkoholkranker Sänger in seiner eigenen Regiearbeit «A Star Is Born». Aber was er hier abliefert, dürfte sein bisheriger Höhepunkt als Schauspieler sein. Ihm geht jede Eitelkeit verloren so wie niederträchtig und opportunistisch er seine Rolle anlegt. Alles andere als ein Sympathieträger. Und doch bleibt man an seinen Fersen und hofft, dass dieser so gutaussehende ‚Glücksritter‘ doch noch geläutert wird und den Weg der Tugend einschlägt. Aber so funktioniert das Film Noir-Genre nun mal nicht. Es geht um menschliche Abgründe in einer menschenverachtenden Umgebung, in der die Protagonisten zum Scheitern verurteilt sind, weil sie stets aus Gier und auf den eigenen Vorteil bedacht die falschen Entscheidungen treffen. Wenn dann noch eine Femme Fatale an der nächsten Ecke lauert, ist der Weg in die Verdammnis gesetzt. Die Femme Fatale ist hier mit der zweifachen Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett («Aviator» & «Blue Jasmine») ebenfalls stark besetzt. Wie Blanchett die kühle Blonde mit stark aufgetragenen Lippenstift und distanzfordernder Eleganz verkörpert, lässt einen erschaudern. Umso sympathischer dürfen Mara Rooney (die mit Blanchett in «Carol» bereits ein lesbisches Paar abgab) als die betrogene Ehefrau von Stan und David Strathairn («Nomadland») als ermüdeter Mentalist, der durch die Schuld von Stan den Tod findet, in Erscheinung treten. Doch gescheiterte Figuren in einer desillusionierten Zeit sind sie alle.



Ein düsterere Stimmungsbild
Neben der herausragenden Besetzung, zu der selbstverständlich auch Willem Dafoe («Der Leuchtturm»), Toni Collette («Dream Horse»), Richard Jenkins («Kajillionaire») und Ron Perlman («Monster Hunter») als Muskelmann gehören, ist es vor allem das düstere Stimmungsbild, dass uns Zuschauende fast schleichend in den Bann schlägt. Auf der einen Seite die verrottete Zirkuswelt als Spiegelbild der verarmten Mehrheit, auf der anderen Seite die ansprechende Art déco-Ausstattung luxuriöser Nachtclubs und Büros der Dreißigerjahre, die nur einer Minderheit vorbehalten ist, sich aber als erstrebenswerte Scheinwelt darstellt. Am Ende muss der untergegangene ‚Held‘ wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist. Damit wird auch dem Publikum jegliche Illusion genommen. «Nightmare Alley» bleibt ein abtrünniger Krimi, in dem sich der Zauber als Humbug herausstellt. Keine höheren Mächte, kein As im Ärmel, keine übersinnlichen Fähigkeiten - irgendwie passt das zu Guillermo del Toro, auch wenn optische Schaueffekte aus dem Computer diesmal eher überschaubar bleiben.

Fazit: Das Remake des Film-Noir-Klassikers «Der Scharlatan» (1947) versetzt das Publikum in die Dreißigerjahre zurück. Die Zeit der großen Depression war von Ängsten, Alpträume und Abgründen geprägt war und Menschen anfällig fürs Okkulte machte. Ein bildgewaltiger und zugleich düsterer Krimi, der einen in den Bann schlägt.

«Nightmare Alley» ist derzeit im Kino zu sehen.
31.01.2022 11:33 Uhr Kurz-URL: qmde.de/132146
Markus Tschiedert

super
schade


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