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Jahresrückblick mit Serdar Somuncu: ‚Karl Lauterbach ist ein unkalkulierbares Risiko‘

Zusammen mit Kabarettist und Podcaster Serdar Somuncu blicken wir das vergangene Jahr zurück. Dabei rechnet er gnadenlos mit den letzten zwölf Monaten ab.

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In ihrem Podcast «Schroeder & Somuncu» sprechen Sie zusammen mit Florian Schroeder häufig über die Corona-Maßnahmen und sind dabei mit ihren Einschätzungen den Maßnahmen der Regierung meist ein paar Tage voraus. Wissen Sie, ob Regierungskreise den Podcast regelmäßig hören? Wie kann es sein, dass Sie offenbar mehr Weitsicht haben als dafür zuständige Politiker?
Auch wenn ich Ihnen sehr dankbar für dieses Kompliment bin, erschreckt es mich ein wenig. Für Florian und mich ist es wichtig in diesem Podcast ein Beispiel für eine aufgeschlossene und unabhängige Diskussion zu geben. Deshalb sagen wir vielleicht auch Dinge, die sich andere nicht auszusprechen wagen. Die Politik versäumt es mittlerweile viel zu oft unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Stattdessen beschwichtigt sie und schiebt Entscheidungen vor sich her. Das merken die Menschen und vielleicht ist es auch der Erfolg unseres Podcasts. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir auch in Regierungskreisen gehört werden und das macht mich nicht nur stolz, sondern es macht mir auch Hoffnung. Denn unsere Ideen sind oft nicht falsch, auch wenn wir uns zwischenzeitlich irren. Aber das gehört nun mal dazu.

Die Politik versäumt es mittlerweile viel zu oft unangenehme Wahrheiten auszusprechen.
Serdar Somuncu über die Politik in Zeiten der Pandemie
In diesem Jahr hat der Fußball eindrucksvoll seine gesellschaftliche Sonderrolle unter Beweis gestellt – Stichwort volle Stadien bei der EM, gefälschter Impfpass von Ex-Bremen-Trainer Markus Anfang, die Impfdebatte um Joschua Kimmich und trotz hoher Inzidenz ein ausverkauftes Rhein-Derby. Können Sie die Bundesliga derzeit eigentlich genießen?
Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, in Zeiten, in denen man von Menschen viele Einschränkungen abverlangt, unbeschwert ins Stadion zu gehen. Ich habe deswegen auch die letzten Spiele bewusst nicht besucht, obwohl ich eine Dauerkarte habe. Zu den kollektiven Maßnahmen, die wir alle einhalten müssen, gehört jetzt auch dass wir auf Privilegien und Annehmlichkeiten verzichten. Mich irritiert es genauso, wenn ich volle Weihnachtsmärkte sehe oder Karnevalsveranstaltungen, auf denen sich die Menschen ohne Maske und Abstand tummeln. Solange wir diese Ungerechtigkeit weiter schüren, in dem wir eine Zweiklassengesellschaft schaffen aus Ungeimpften und Geimpften, werden wir die Probleme der Zukunft nicht konstruktiv bewältigen, sondern nur die Gräben weiter machen, die uns zurzeit trennen. Ich würde mir von der Politik wünschen, dass sie eindeutiger und mutiger ist. Und wenn es so ist, dass wir alle Einschränkungen in Kauf nehmen müssen, dann ist doch das kollektive Gefühl diese Pandemie zu bewältigen viel mehr bestärkt, als dann, wenn wir Alleinverantwortliche suchen, denen wir die Schuld zuschieben. Diese Pandemie ist schon lange keine Pandemie der Ungeimpften mehr, sondern sie ist eine Pandemie von uns allen – auch von den sorglos Geimpften.

Im Dezember schied Angela Merkel nach 16 Jahren endgültig aus dem Amt aus, ihre Amtszeit war dennoch um wenige Tage kürzer als die Helmut Kohls. Glauben Sie Merkel hätte den Altkanzler gerne überholt?
Ich glaube, Angela Merkel war am Ende heilfroh, dass sie aus dem Amt gehen konnte, ohne weiteren Schaden davon zu nehmen. Wenn man sich an die Zeit vor Corona erinnert, weiß man, dass sie in einem großen Teil, insbesondere der ostdeutschen Bevölkerung, sehr unbeliebt war. Sie war sicherlich nicht die beste Kanzlerin, die wir in Deutschland hatten und sie hat auch viele Fehler gemacht. Aber alles in allem war sie eine Kanzlerin, die uns sicher durch sehr viele schwere Krisen geführt hat. Ich weiß nicht, ob ein anderer Kanzler oder eine andere Kanzlerin das besser gemacht hätte. Insofern bin ich ihr dankbar und zugleich auch froh, dass sie weg ist.

Für mich ist der Versuch der privaten Sender politische Bildungsarbeit zu leisten ein lächerliches Experiment.
Serdar Somuncu über die angestrebte Relevanz des Privatfernsehens
Die Ampel-Koalition hat ihre Arbeit aufgenommen. Was erwarten Sie sich von der Regierung?
Die Ampel ist aus meiner Sicht ein fauler Kompromiss, den alle Beteiligten eingegangen sind, weil sie an die Macht wollten. Die SPD bildet sich ein, mit einer verschwindend geringen Mehrheit einen großen Teil der Bevölkerung zu vertreten, während die FDP ihre Ideale über Bord geworfen hat, um an Ministerposten zu kommen. Einzig die Grünen schienen davon überrascht worden zu sein in Regierungsverantwortung zu kommen. Insofern wirken sie auf mich im Moment auch glaubwürdiger als die beiden anderen Koalitionspartner. Obwohl ich Annalena Baerbock gegenüber immer sehr kritisch war, muss ich sagen, dass sie als Außenministerin bisher eine gute Figur macht. Die Chancen für die Ampel Koalition erfolgreich zu sein, sehe ich aber als sehr gering an, denn dafür war der Start zu holprig und die Aufgaben sind zu groß. Olaf Scholz ist ein Leisetreter wie er im Bilderbuch steht. Was wir im Augenblick brauchen, ist aber einer der entschlossen handelt und Vorgaben macht, denen wir folgen können. Insofern müssen wir abwarten, was am Ende dabei rauskommt.

Im Fernsehen gab es in diesem Jahr einige Flops – angefangen mit der verkorksten Ausstrahlung von «Promis unter Palmen» oder aus Quotensicht ProSiebens «Zervakis & Opdenhövel. Live.». Was waren Ihre Flops des Jahres?
Für mich ist der Versuch der privaten Sender politische Bildungsarbeit zu leisten ein lächerliches Experiment. Dafür hat man für teures Geld die Protagonisten aus den Öffentlichen rausgekauft und macht jetzt nichts Besseres. Das ist wirklich schade, denn das Geld hätte man besser investieren können in professionelle und qualitativ gut gemachte Unterhaltung. Dass die privaten Sender jetzt umsteuern und so tun, als wäre Infotainment das oberste Gebot, ist nicht nur verlogen, sondern es spiegelt sich auch in den schlechten Quoten. Die von Ihnen erwähnten Formate nehme ich gar nicht wahr. Für mich sind sie alle Flops und das unabhängig von der Quote. Es ist mittlerweile der Ausverkauf der guten Gesellschaft, wenn Menschen sich an exotischen Locations die Geschlechtsteile zeigen und sinnlose Dialoge führen. Aber nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Voyeure sind an dieser perfiden Ausbeutung des Geschmacks beteiligt. Ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die mehr verdient hätte als plumpe Unterhaltung. Ein weiterer Flop war für mich die vielen Debatten um Identität und Rechthaberei in Fragen der politischen Korrektheit. Zum Teil ist es bis ins Private eingedrungen und hat eine zerstörerische Gewalt entwickelt. Dass sich an diesen hässlichen Diskussionen auch viele öffentlich beteiligt haben, ist ein Zeichen dafür wie sensationsgierig wir mittlerweile geworden sind. Selbstdarstellung sollte eine Grenze haben. Wir sollten als Mediengesellschaft lernen, uns auch in solchen Debatten mehr Einhalt zu gebieten und moralische Werte zu achten. Das gelingt auch oft denjenigen nicht, die sich für Gralshüter der Moral halten. Es ist erbärmlich, wie manche versuchen sich durch eine künstlich aufgesetzte Haltung Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Man muss nur zurückblicken, um zu wissen, dass oft diejenigen, die sich den Orden der Redlichkeit ans Revers heften, selbst angreifbar sind.

Wir brauchen Stimmen, die kritisch sind, und wir brauchen auch Sender, die diese kritischen Stimmen ermöglichen.
Serdar Somuncu über seinen Sender radioeins
Top lief es dagegen für die Rückkehr von «Wetten, dass…?» mit Thomas Gottschalk. Wäre Sie gerne in Nürnberg auf der Couch gesessen?
(lacht) Ich glaube, das wäre nicht gut gewesen. Aber für den Eklat hätte es sich wenigstens gelohnt. Ich war erstaunt, wie alt Gottschalk früher schon ausgesehen hat und wie jung er heute noch wirkt. Er ist ein Reptil in der Zeit von Familien-TV, das es heute nicht mehr gibt. Umso erstaunlicher, dass es reaktivierbar ist. Vielleicht ist es das Zusammenspiel aus Sehnsucht und Angst, dass uns anfällig macht für diese Reminiszenz an eine doch ziemlich spießige Form von TV-Unterhaltung.

Um das Interview auf einer positiven Note zu beenden: Was waren Ihre Tops des Jahres?
Ich war stolz darauf trotz aller Krise weiter arbeiten zu können und ich habe mich auch über die Unterstützung meiner Partner gefreut. Mit radioeins haben wir einen Sender, der einen sehr komplizierten und spannenden Weg mit uns geht und ich bin Ihnen dankbar dafür, dass sie dies auch gegen viele Widerstände durchhalten. In einer Zeit des verengten Meinungskorridors brauchen wir Stimmen, die kritisch sind, und wir brauchen auch Sender, die diese kritischen Stimmen ermöglichen. Die Menschen schätzen das und sie wissen was der Wert darin ist.

Herr Somuncu, vielen Dank für das sehr ausführliche Gespräch!

Tickets für das Weihnachts-Special «Allah Jahre wieder», das am 23. Dezember virtuell stattfindet, sind unter diesem Link erhältlich.
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20.12.2021 11:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/131377
Veit-Luca Roth

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Tags

Eurovision Song Contest Wetten dass…? Allah Jahre wieder Schroeder & Somuncu Promis unter Palmen Zervakis & Opdenhövel. Live.

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Es gibt 54 Kommentare zum Artikel
kauai
29.12.2021 18:52 Uhr 52
Wie oft soll ich es noch wiederholen, eh Du es begreifst? Ich halte nicht alle anderen für das Problem. Jeder der mag, soll sich quartalsweise impfen lassen. Ich werde das nicht kritisieren. Ich werde auch keinen aus der Hochrisikogruppe kritisieren, der sich nicht impfen lässt und die möglichen Folgen bewusst in Kauf nimmt. Ich lehne es nur ab, dass man mir das Impfen vorschreiben oder mich gar dazu verpflichten will. Ich habe mich nie gegen Grippe impfen lassen, habe trotzdem nie Grippe gehabt und hätte trotzdem auch keine Angst vor einer Erkrankung obwohl sie bei manchen einen tödlichen Verlauf nimmt. Gleiches gilt für Corona denn das Prinzip ist das Gleiche.



Und warum sollte ich freiwillig auf eine ärztliche Behandlung verzichten? Ich zahle seit 26 Jahren nicht gerade wenig in die Krankenversicherung ein. Abgesehen vom Hausarzt (zuletzt vor 7 Jahren) und Zahnarzt habe ich noch nie die Praxis eines Spezialmediziners oder gar ein Krankenhaus von innen gesehen. Da werde ich einen Teufel tun und auf eine Behandlung verzichten wenn ich sie Mal benötigen sollte.



Wer der Meinung ist, die Impfpflicht würde das Problem lösen dem empfehle ich einen Blick nach Portugal und den derzeitigen dortigen Massnahmen trotz einer Quote von knapp 90%.
Stargamer
30.12.2021 14:38 Uhr 53
Und da haben wir die beiden mit dem Pippi-Lamgstrumpf-Seint vereint zusammen und erzählen mal wieder hanebüchenen Unsinn, jetzt das Impfungen gar nicht mehr schützen würden.



Merkt ihr wirklich nicht was für Blödsinn ihr hier gerade erzählt oder seit ihr so von der Realität entfernt das ihr diesen Blödsinn wirklich glaubt den ihr hier erzählt von wegen nicht helfender Impfungen?



Und damit bin ich auch raus, euch ist wirklich nicht mehr zu helfen wenn ihr weiterhin solchen Blödsinn erzählt.
kauai
31.12.2021 01:50 Uhr 54

Gähn - wieder Mal ist der Herr raus und wieder Mal ohne Argumente zu erwidern, da es vermutlich keine Gegenargumente gibt. Natürlich schützt die Impfung - vermutlich 3-4 oder maximal 5-6 Monate. Ob sie gegen Omikron hilft, weiß keiner so genau, aber egal. Ich habe keine Lust darauf, in 5 Jahren ein Impfbuch zu haben, dass mehrere Bände umfässt zumal die Impfungen nicht vor einer Erkrankung schützen. Du darfst dich gern alle 3-4 oder vielleicht auch 5-6 Monate impfen lassen, wenn Du es für sinnvoll hältst. Du darfst auch gern weiter glauben, dass sich die Situation bei einer höheren Impfquoten ändern wird und die Schuld den Ungeimpften geben. Ein Blick nach Portugal mit 90% Impfquote könnte helfen, aber den muss man nicht machen. Vielleicht würde ich meine Meinung zur Covid-Impfung ja ändern, wenn vernünftige Gegenargumente kommen, aber bei heißer Luft (wie bei dir) schalte ich erst Recht auf stur! Aber genau wie viele der Geimpften, hast Du keine Argumente für eine faktenbasierte Diskussion. Vermutlich hast Du dich aus folgenden Gründen (wie die Mehrheit) impfen lassen: nicht aus Überzeugung sondern weil Du dich dem Druck der Regierung gebeugt hast und der Meinung warst, das ursprüngliche Leben mit einer Impfung zurück zu bekommen, da Du auch über einen befristeten Zeitraum einfach ohne Kino, Restaurant und Flug in den Urlaub nicht klar kommst. Ich würde sagen: Fehlanzeige und es ist mir herzlich egal, da ich meinebisherige Lebensweise fast gar nicht einschränken musste!
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