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Die Kritiker: «In Wahrheit - Jagdfieber»

Joachim Król schießt einen Neubau zusammen, und Christina Hecke schaut betroffen durch die Gegend. Dazwischen werden junge Frauen ob der Gefahren einer freizügigen Sexualität belehrt.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Christina Hecke als Judith Mohn
Robin Sondermann als Freddy Breyer
Rudolf Kowalski als Markus Zerner
Jeanne Goursaud als Lisa
Joachim Król als Wolfgang Abeck
Judith Neumann als Nadine Abeck
Barbara Prakopenka als Tanja Abeck

Hinter der Kamera:
Produktion: Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH
Drehbuch: Fabian Thaesler
Regie: Thomas Roth
Kamera: Nicolay Gutscher
Produzenten: Jutta Lieckl-Klenke und Dietrich Kluge
Das erzählerische Kernelement des Western-Genres ist der Mann, der die Welt nicht mehr versteht – eine inhaltliche Überschneidung mit der öffentlich-rechtlichen Art, Fernsehen zu machen, die ihrer Zuschauerschaft jede nicht bereits in den siebziger Jahren wohletablierte Lebensweise als irgendwie suspekt vorstellt.

Nun mag es befremdlich sein, die raubeinige Grenzenlosigkeit und kraftmeiernde Zuversicht des Wilden Westens im Saarland zu verorten, jenem Bundesland, das uns die Familie Heinz Becker, Annegret Kramp-Karrenbauer und die perverse Kombination aus Ei und Maggi geschenkt hat. Doch wenn man im Wesentlichen davon erzählen will, wie sich „ein junges Mädchen“ nachts im Wald mit zwei Männern vergnügte und diese sexuelle Zügellosigkeit in gewisser Konsequenz (!) mit dem Leben bezahlen musste, passt es irgendwie, dass man diese Geschichte damit beginnt, wie Joachim Król mit einem Jagdgewehr in den Händen querfeldein durch die Prärie marschiert, bis er zu einem hübschen Neubau vordringt, in dem er dann kräftig rumballert.

Król spielt den Vater von besagtem „Mädchen“, das nach jener seltsamen Nacht im Wald die letzten vier Jahre im Wachkoma verbracht hat, ehe es vor zwei Wochen starb. Seine beiden männlichen Begleiter wurden wegen Vergewaltigung und versuchten Totschlags angeklagt, aber „aus Mangel an Beweisen“ freigesprochen. Dieser Formulierung haftet im Volksmund – und damit auch in der öffentlich-rechtlichen Denkweise, die einer „empfundenen Gerechtigkeit“ gerne das Wort redet, – die Vorstellung vom „Freispruch zweiter Klasse“ an. Denn nichts Genaues weiß man ja nicht.

In diesem perfiden Gedankenkomplex ist es also irgendwie logisch, dass sich Króls Figur eines spätsommerlichen Tages zum Haus von einem der Freigesprochen aufmacht und dort alles zusammenschießt. Dass er damit dessen zweifellos unschuldige Ehefrau abmurkst, ist zwar tragisch, bleibt jedoch ein Randaspekt.

Um zu verhindern, dass dieser Stoff nun ganz in einen Exploitation-Vigilante-Duktus abdriftet, lässt Christina Hecke in ihrer Rolle als Kommissarin Judith Mohn kaum eine Minute vergehen, um mit vor Sorge zerfurchtem Gesicht eine aufdringliche Empathie zu transportieren. Und während sich Króls vorbestrafter Autoschlosser mit Jagdschein schon den zweiten Freigesprochenen gekrallt hat und ihm nun in einer abgefuckten Kaschemme allerhand Geständnisse abpresst, gibt diese Judith Mohn den einfachen Gedanken des Publikums eine Stimme: „‘ne junge Frau, zwei Männer, das klingt doch alles nach Missbrauch“, ist ihr Kernansatz, bevor sie mit minimaler Sachkompetenz, aber umso mehr Bauchgefühl in zwei Sätzen einen ganzen Großprozess zerlegt: „Deshalb werden die freigesprochen? Da stimmt doch was nicht.“

Auf Kritik wie diese tragen die Macher solcher Filme gerne vor, dass es ihnen um juristische Spitzfindigkeiten und eine korrekte Darstellung des Tatsächlichen ja gar nicht gehe. Genauso wenig geht es ihnen im Fall von „Jagdfieber“ aber um eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Seelenleben eines verwaisten Vaters oder zweier angesehener Männer, deren sexuelle Bedürfnisse nicht kongruent zum saarländischen Minimalkonsens sind. Stattdessen geht es diesem Film um das Anrüchige und Anstößige, das mit völlig überkommenen und antiquierten Motiven hemmungslos bedient wird. Dabei scheint „Jagdfieber“ gar nicht bewusst zu sein, wie exploitativ es die säftelnde Altherren-Fantasie einer jungen Frau in den Händen von zwei älteren Männern bedient – und wie es selbigen jungen Frauen gleichzeitig jede Handlungsmacht über ihre eigenen sexuellen Wünsche abspricht, sofern die sich nicht in den eng gezogenen Grenzen der Vorstellungen selbiger alter Männer bewegen. Genauso konsequent – aber scheinbar unbewusst – macht sich der Film die uralte Vergewaltigerlogik zu Eigen: Dann knöpft halt die Bluse zu und zieht den Rock hoch! Oder mit den Motiven von «In Wahrheit» gesprochen: Wenn du nicht im Wachkoma enden willst, geh ja nicht nachts mit zwei zugedröhnten Männern allein in den Wald, sonst biste irgendwie selber schuld. Selbst in seinen misogynsten Rollen war John Wayne noch ein größerer Feminist.

Das ZDF zeigt «In Wahrheit – Jagdfieber» am Samstag, den 12. September um 20.15 Uhr.
10.09.2020 04:39 Uhr Kurz-URL: qmde.de/121264
Julian Miller

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In Wahrheit In Wahrheit – Jagdfieber

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