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«Nobody Speak»: Prominente ohne Privatheit

Netflix' Dokumentarfilm beschäftigt sich mit dem Prozess gegen das Online-Medium Gawker, das widerrechtlich das private Sexvideo eines Prominenten veröffentlicht hatte - mit einer Haltung zum Haareraufen.

Das amerikanische Online-Medium „Gawker“, lange Jahre bekannt für Boulevardjournalismus der widerlichsten Sorte, hat ein Sexvideo des Wrestlers Hulk Hogan veröffentlicht. Widerrechtlich, wie die Gerichte entschieden. Der dem Kläger zuerkannte Schadensersatz und Strafschadensersatz war dabei so eklatant hoch, dass die Publikation in Konkurs geriet. Die Klägerseite hatte im Klageverfahren finanzielle Unterstützung des Silicon-Valley-Milliardärs Peter Thiel erhalten, dessen Motive wohl darauf zurückzuführen sind, dass „Gawker“ ihn Jahre zuvor als homosexuell geoutet hatte. Seinen Beitrag zur Schließung des Mediums bezeichnete er einmal als die größte philanthropische Leistung seines Lebens.

Für deutsche Verhältnisse ist das ein vielleicht exzentrischer, aber keineswegs außergewöhnlicher Vorgang. Äußerungsrechtliche Angelegenheiten, gerade aus dem boulevardesken Sektor, beschäftigen die kontinentaleuropäische Justiz regelmäßig. Dabei gilt es auch als eine kulturelle Norm, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung durch das Recht des (auch prominenten!) Individuums auf Privatheit beschnitten wird, erst recht, wenn von einer etwaigen Berichterstattung der höchstpersönliche Lebensbereich (Stichwort: Sexvideo) berührt wird.

Das angelsächsische – und speziell amerikanische – Verständnis des Rechts auf freie Meinungsäußerung ist dabei ein Anderes: Es fasst diese Freiheit zumindest bei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens deutlich weiter. In seinem Prozess gegen Hulk Hogan erhielt „Gawker“ daher Unterstützung von weiten Teilen der seriösen Presse – wenn auch stets mit der expliziten Unterdrückung eines starken Würgereizes.

Das Thema ist eigentlich schon lange ausführlich und zur Genüge besprochen worden. Doch eine neue Dokumentation von Netflix mit dem Titel «Nobody Speak» griff den Sachverhalt kürzlich erneut auf. Der von Hogan geführte und vom Milliardär Thiel finanzierte Prozess gegen „Gawker“ sei nichts Anderes gewesen als der abzulehnende Versuch, ein Presseorgan und damit ein notwendiges demokratisches Instrument, ein Korrektiv zur Macht der Herrschenden, mundtot zu machen. Zumindest implizit stellt die Dokumentation „Gawker“ gar in die Tradition der Watergate-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein, explizit wird eine Verbindung zur von Donald Trump und seinen Schergen angefachten Stimmung der äußeren amerikanischen Rechten gegen „Mainstream-Medien“ im Allgemeinen und ein vermutetes „liberales Establishment“ im Besonderen hergestellt, sowie zu einem lokalen Skandal aus Nevada, wo ein Milliardär über Strohmänner eine große örtliche Publikation erwarb und Verleumdungsprozesse gegen ihm unliebsame Journalisten führte.

«Nobody Speak» will eine Diskussion führen, die jedwede Unterscheidung zwischen relevantem Polit-Journalismus und den ekelhaftesten Auswüchsen der Yellow Press negieren will. „Gawker“, so die Argumentation des Films, mag ein populäreres Medium sein, aber im Endeffekt darf es zwischen einer investigativen Berichterstattung über korrupte bis kriminelle Politiker und dem Mitschnitt aus dem Sexleben eines C-Promis weder juristisch noch medienethisch eine wie auch immer geartete Unterscheidung geben. Beides haben Journalisten der Öffentlichkeit gleichermaßen zur Verfügung stellen zu dürfen.

«Nobody Speak» geht von einem Gesellschaftsbild aus, in dem ein Mindestmaß an Bekanntheit einem radikalen, vollumfassenden Verlust jedweder Privatheit gleichkommt. Erstaunlich, dass die Macher verkennen, dass dieses Gesellschaftsbild düsterer und apokalyptischer ist, als alle exzentrischen, radikal libertären Ideen, die Peter Thiel je geäußert hat.
14.07.2017 14:10 Uhr Kurz-URL: qmde.de/94446
Julian Miller

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