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Der ‚Super Bowl Slot‘: Wenn TV eine Freikarte erhält

Der Sendeplatz nach dem Super Bowl ist der attraktivste des gesamten Fernsehjahres, mit regelmäßig über 20 Millionen Zuschauern. Welche Formate die Sender dort zeigen, wird alljährlich zur strategisch wichtigen Entscheidung.

Lead-out-Programme des Super Bowl seit 2005

  • 2005: «The Simpsons», «American Dad»
  • 2006: «Grey's Anatomy»
  • 2007: «Criminal Minds»
  • 2008: «Dr. House»
  • 2009: «The Office»
  • 2010: «Undercover Boss»
  • 2011: «Glee»
  • 2012: «The Voice»
  • 2013: «Elementary»
  • 2014: «New Girl», «Brooklyn Nine-Nine»
Unzählige Millionen Football-verrückte Fans freuen sich auf diesen Sonntag wie kaum auf einen anderen Tag des Jahres: Der Super Bowl steht an, das Finale der amerikanischen Football-Liga NFL, und es ist eines, das Geschichten schreibt. Da wäre jene um den schon heute legendären Quarterback Peyton Manning, der 2007 bereits den Super Bowl gewann und später durch eine schwere Verletzung zurückgeworfen wurde. Jene um die ehemaligen Spieler der Denver Broncos, die in den vergangenen Jahren ihr Leben lassen mussten. Oder die Geschichten um die irren Werbepreise des Mega-Sportevents. Die vielleicht wichtigste Geschichte aus Sendersicht ist aber jene, die der Super Bowl durch seine riesige Anziehungskraft ermöglicht: Denn dank der regelmäßigen Rekord-Einschaltquoten von rund 110 Millionen Zuschauern erhält der Sendeplatz im Anschluss an die Super-Bowl-Übertragung automatisch ein riesiges Publikum.

Dieses wollen die Networks bestmöglich erreichen; die Entscheidung, welches Programm im „Post Super Bowl Slot“ gezeigt wird, will strategisch gut überlegt sein. Erfahrungsgemäß bleiben mindestens 20 Millionen an den Fernsehbildschirmen, im Schnitt waren es 28,61 Millionen in den vergangenen zehn Jahren. Nur alle drei Jahre bekommt ein Network die Chance, sein eigenes TV-Format mit dem Super Bowl zu pushen, da CBS, NBC und FOX die Übertragungsrechte für den Super Bowl unter sich aufteilen müssen. Weil das vierte Network ABC keinen NFL-Football mehr überträgt, ist es seit 2007 auch am Super Bowl nicht mehr beteiligt.

Wie wertvoll der Sendeplatz sein kann, zeigte NBC eindrucksvoll im Jahr 1996, als man eine zweistündige Special-Episode von «Friends» auf den Bildschirm schickte („The One After the Super Bowl“). Die Comedyserie war damals in ihrer zweiten Staffel und erreichte bereits an normalen Ausstrahlungstagen 25 bis 30 Millionen Zuschauer. NBC trat an den Super-Bowl-Sonntag mit dem Ziel heran, diesen Tag zum Tag mit den höchsten Werbeeinahmen aller Zeiten in der Geschichte des Fernsehens zu machen. Und die Quoten gaben der Strategie im Nachhinein recht: Mit 52,9 Millionen Zuschauern erreichte «Friends» seine höchste Quote aller Zeiten und war das meistgesehene Comedy-Format aller Zeiten nach dem Super Bowl. Bis heute wurde die damalige Rekord-Reichweite von keiner Sendung mehr gebrochen. Rund 600.000 US-Dollar verdiente NBC mit einem halbminütigen Werbespot. Und «Friends» selbst profitierte mittelfristig: Nach der Super-Bowl-Episode holten noch sechs weitere Ausgaben mehr als 30 Millionen Zuschauer – solche Werte erreichte das Format danach nur noch mit seinen berühmten Staffelfinals.

In den drei Jahren zuvor schickten die Networks nach dem Super Bowl keine bekannten Sendungen on air, sondern Neustarts: 1993 lief der Pilot von «Homicide», 1994 von der NBC-Sitcom «The Good Life» und 1995 von der ABC-Abenteuerserie «Extreme». Die beiden letzteren Serien erreichten zu Beginn zwar annehmbare Zuschauerzahlen, stürzten aber schnell ab – das Beispiel «Extreme» gilt daher bis heute als Abschreckung für die Networks, wie falsch man ein Format auf diesem wertvollen Sendeplatz programmieren kann. Seit 1995 setzen die Networks daher fast ausschließlich auf bereits gestartete – oft ohnehin besonders beliebte – Formate nach dem Super Bowl und erhoffen sich einen weiteren Zuschauerschub. Ausnahmen bestätigen hier die Regel: 1999 und 2005 sendete FOX in Verbindung mit je einer «Simpsons»-Folge die Piloten seiner neuen Zeichentrickserien «Family Guy» und «American Dad». Es sollte aber bis 2010 dauern, bis sich ein Sender traute, eine neue Sendung komplett im Alleingang auf den Super-Bowl-Slot zu programmieren: CBS startete damals die Reality «Undercover Boss» und fuhr damit extrem erfolgreich. 38,6 Millionen sahen den Neustart und sorgten für die höchste Reichweite seit 2001 (damals mit der Staffelpremiere von «Survivor», einer weiteren CBS-Reality).

Für Late-Night-Talker Jimmy Kimmel war der Super Bowl ebenfalls ein wichtiger Anker: 2003 lief die erste Episode von «Jimmy Kimmel Live!» in der Nacht nach dem Super Bowl. ABC zeigte zuvor eine Performance von Bon Jovi und eine Episode von «Alias», gegen Mitternacht durfte Kimmel dann erstmals auftreten – eine vielleicht zu große Bürde für den Talker, der die Erwartungen zunächst nicht erfüllen konnte, im Jahr 2003 schlechte Quoten einfuhr und auch qualitativ scheiterte. Erst 2004 begann sein langsamer Aufstieg zum etablierten Late-Night-Host – der Super Bowl jedoch hatte ihm nicht geholfen.

Wie man es besser macht, zeigte «Glee» im Jahr 2011. Ähnlich wie «Friends» produzierte man eine spezielle Super-Bowl-Episode, die Schätzungen zufolge 3 bis 5 Millionen US-Dollar gekostet hat. Die Folge hält damit den Rekord des teuersten Super-Bowl-Programms aller Zeiten. Mit knapp 27 Millionen Zuschauern war man zwar an diesem Tag extrem erfolgreich, schaffte es aber nicht, neue Fans zu gewinnen. Die Episoden in den darauffolgenden Wochen erreichten die damals gewohnten Werte von rund elf Millionen Zuschauern. Dass FOX mit der teuren Special-Episode dennoch vieles richtig gemacht hat, zeigt ein Blick auf das vergangene Jahr 2013: Dort strahlte CBS eine ganz gewöhnliche Folge von «Elementary» aus und verbuchte nur 20,8 Millionen Zuschauer – dies war seit zehn Jahren die schwächste Reichweite eines Formats nach dem Super Bowl.

In diesem Jahr darf FOX die amerikanische Football-Meisterschaft übertragen und hat für den Anschluss «New Girl» sowie den Freshman «Brooklyn Nine-Nine» für die Ausstrahlung ausgewählt. Letzeres erhält mit Adam Sandler einen prominenten Gastauftritt aus dem Comedy-Bereich, bei «New Girl» hat Musiker Prince eine Episodenrolle. Jener Prince, der 2007 eine legendäre Performance in der Halbzeitshow des Super Bowl hinlegte. Ob die Zuschauer sich daran erinnern und bei «New Girl» dranbleiben? Der Serie selbst käme es angesichts der ausbaufähigen Zuschauerzahlen sehr gelegen. Am Montagabend wissen wir, ob die FOX-Strategie aufgegangen ist.
02.02.2014 12:06 Uhr Kurz-URL: qmde.de/68788
Jan Schlüter

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