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Die Kritiker: «Für immer Sommer 90»

Eine schönere Geschichte hätte der Corona-Sommer gar nicht schreiben können: In einer vierteiligen Serie reist Charly Hübner als Frankfurter Banker zurück in seine ostdeutsche Vergangenheit.

Stab

Darsteller: Charly Hübner, Lisa Maria Potthoff, Deborah Kaufmann, Christina Große, Stefanie Stappenbeck, Karoline Schuch
Regie: Jan Georg Schütte und Lars Jessen
Drehbuch: Jan Georg Schütte, Lars Jessen und Charly Hübner
Kamera: Moritz Schultheiß
Produzenten: Lars Jessen und Klaas Heufer-Umlauf
Florida Film GmbH im Auftrag der ARD Degeto für Das Erste
Andy Brettschneider (Charly Hübner) dürfte in seinem Alltag als erfolgreicher Banker in Mainhatten selten an seine Jugend zurückdenken. Aufgewachsen ist er irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, bevor er sich im Sommer nach seinem Abitur am Morgen nach einer durchzechten Nacht in einen Zug nach Belgien gesetzt hat und einfach weg war. Jetzt soll er in ein paar Tagen einen hundertmillionenschweren Deal in Schweden eintüten; doch plötzlich tritt sein Chef auf die Bremse: In der Unternehmenszentrale ist ein anonymes Schreiben eingegangen, in dem Andy bezichtigt wird, am Abend seines Abschieds aus Ostdeutschland eine Freundin vergewaltigt zu haben.

Andy ist kein Typ, der jetzt die Füße stillhalten könnte. Also steigt er in seinen Tesla und fährt die Wohnorte seiner Freunde aus Jugendtagen ab: Eine arbeitet in Salzgitter als Arzthelferin, eine andere lebt mit Mann und Tochter in einer schicken Großstadtwohnung, ein anderer versauert im schweineteuren Eigenheim seines Spießbürgerlebens.

Doch diese Haltestellen sollen weniger verdeutlichen, wie gut es den Wendegewinnern geht und wie perspektivlos die Verlierer des Umbruchs vor sich hin vegetieren. Stattdessen markieren sie den Weg von Andy zu sich selbst, die Findung seines Friedens mit seiner Biographie, von der er nie dachte, mit ihr überhaupt im Clinch zu liegen.

Dabei setzt das Konzept dieser Serie sehr stark auf Improvisation. Das war auch bitter nötig, schließlich haben sich die Corona-Auflagen nicht nur auf den Drehplan (glücklicherweise im Hochsommer) ausgewirkt, sondern auch inhaltlich Einzug in das Format gehalten. Fernsehfiguren mit Alltagsmasken und Berührungsscheue zu sehen, ist dabei immer noch befremdlich – und verdeutlicht gleichzeitig unterschwellig ziemlich effektiv das Herantasten von Andy an seine ehemaligen Freunde und Weggefährten.

Dabei läuft gerade Charly Hübner zur Hochform auf: Wie gemacht scheint für ihn diese Rolle eines eleganten, klugen, aber irgendwie einsamen Machers, der aus dem rustikalen, zurückgelassenen Hinterland erwachsen ist und so vor Selbstbewusstsein strotzt, dass ihn niemand überhaupt zu einer Entscheidung zwingt: Bist du noch ganz der Alte oder nur so ein dahergelaufener Finanz-Fuzzi?

Dabei lässt sich «Für immer Sommer» ganz auf diese Figur ein und bleibt in seinen Handlungsschritten und seiner szenischen Ausgestaltung sehr alltäglich, der Zuschauer verharrt in einer beobachtenden Stellung, ohne dabei jemals ins Voyeuristische abzudriften. Dieser Andy ist einfach ein verdammt interessanter und stimmiger Charakter, der unverhofft aus seiner Alltagsrealität herausgerissen wird und nun noch einmal an seiner Vergangenheit reifen muss, ehe er sich erneut für sein Leben entscheiden darf. Eine schönere Geschichte hätte der Corona-Sommer gar nicht schreiben können.

Im Ersten sind alle vier Folgen von «Für immer Sommer» am Mittwochabend, den 6. Januar, ab 20.15 Uhr zu sehen.
03.01.2021 17:56 Uhr Kurz-URL: qmde.de/123864
Oliver Alexander

super
schade

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Für immer Sommer

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