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Die Kritiker: «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?»

In der Romantik-Tragikomödie «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden»? findet sich unter sehr viel Ambition auch die Veranschaulichung des schlechten Rufes des deutschen Kinos.

Filmfacts: «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?»

  • Buch und Regie: Kerstin Polte
  • Produktion: Jonas Katzenstein, Maximilian Leo
  • Cast: Corinna Harfouch, Sabine Timoteo, Meret Becker, Karl Kranzkowski, Annalee Ranft
  • Musik: Johannes Gwisdek
  • Kamera: Anina Gnuer
  • Schnitt: Ulf Albert, Julia Wiedwald
  • Laufzeit: 92 Minuten
Im Presseheft von «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» steht, die Tragikomödie sei wie ein „herzerwärmenden Mix aus «Little Miss Sunshine» und «Die fabelhafte Welt der Amelie»“. So richtig erklären, können wir uns diesen Vergleich nicht. Zwar geht es auch auch in Kerstin Poltes Spielfilmdebüt (nach ihrer gefeierten Dokumentation «Kein Zickenfox» über das Frauenblasorchester Berlin) im Großen und Ganzen um einen aus dem Ruder laufenden Roadtrip, in dessen Mittelpunkt die Wiederzusammenführung einer zerstrittenen Familie steht, während der Film gleichzeitig mit einigen hübschen inszenatorischen Finessen aufwartet. Vermissen tut man als Zuschauer dagegen jedwede Leichtigkeit und Verspieltheit, mit der sich vor allem Jean-Pierre Jeunets «Amélie»-Film 2001 eine so große Fangemeinschaft aufbauen konnte.

«Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» wirkt dagegen nicht bloß arg verkrampft, Kerstin Polte ist obendrein auch reichlich bemüht, genau diese Verkrampftheit unter aufregenden Kamerafahrten und Dutzenden von Kalenderspruch-Weisheiten zu verstecken, was ihr ohne jedwede Lebensnähe in Erzählung und Figurencharakterisierung allerdings kaum gelingt. Stattdessen wird ihr Film zum Paradebeispiel dafür, weshalb das deutsche Arthouse-Kino bisweilen den Ruf der Sperrigkeit weg hat und ist daher eher misslungen.

Charlotte (Corinna Harfouch) steckt in einer schwierigen Phase: Nach 37 Jahren, 5 Monaten und 21 Tagen besteht ihre Ehe mit Paul (Karl Kranzkowski) nur noch aus Routine und Missverständnissen. Dabei hätte sie ihm viel zu erzählen; zum Beispiel, dass sie in letzter Zeit mehr vergisst, als sie erlebt. Doch Charlotte hat beschlossen, ihr Leben noch einmal in vollen Zügen genießen. Und so lässt sie ihren Mann einfach an einer Autobahnraststätte zurück, um gemeinsam mit ihrer aufgeweckten Enkelin Jo ans Meer aufzubrechen. Mithilfe der Truckerin Marion (Sabine Timoteo) reisen Paul und Jos chaotische Mutter Alex (Meret Becker) den beiden hinterher. Auf einer einsamen Insel angekommen, treffen sie sich in der äußerst ungewöhnlichen ‚Pension Hörster‘. Allmählich findet die Familie dort wieder zueinander, und auch Charlotte und Paul versuchen, ihre Liebe neu zu erfinden.

Anhand einer Person lässt sich das Grundproblem von «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» ziemlich gut erklären. Es ist jene des Hotelbesitzers Hörster, der auch als Erzähler fungiert und den einen durchaus charmanten Twist umgibt. Deshalb wollen wir auch gar nicht vorwegnehmen, was es mit ihm genau auf sich hat, doch dass Hörster zu den ganz großen Stärken des Films gehört, scheint Kerstin Poller wie so vieles anderes einfach nicht bewusst. Mehrmals im Laufe der knapp 100 Minuten greift sie Handlungsfäden auf, die für sich genommen eigentlich richtig spannend wären, doch schon wenig später lässt sie sie weitestgehend ungeachtet wieder fallen. Dass so Jemand wie der Charakter Hörster in das Schicksal von Jos Familie viel involvierter ist, als es zunächst den Anschein macht, geht da einfach unter, zumal seine Existenz auch nur in sehr wenigen Szenen überhaupt eine Rolle spielt, was schade ist. Darüber hinaus bleiben viele weitere Faktoren innerhalb der Geschichte unklar: Weshalb sind in Jos Familie ausnahmslos alle unzufrieden (und wirken auf den Zuschauer dadurch eher unsympathisch)? Woher rührt das sehr angespannte Verhältnis zwischen Jo und ihrer Mutter? Auch Liaisons und One-Night-Stands – etwa zwischen Alex und der Truckerin Marion oder zwischen Charlotte und Her – umfassen lediglich eine einzelne Szene, haben auf den Rest der Geschichte allerdings keinerlei Auswirkung und machen «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» zu einem einzigen großen Flickenteppich aus teilweise recht nett konzipierten Einzelszenen, die jedoch niemals zu einem großen Ganzen werden.

Dieser Eindruck des erzählerischen Stückwerks spiegelt sich auch in der Inszenierung wider. Sowohl die zwischendurch eingestreuten Off-Kommentare, die weniger zum Nachdenken anregen, als vielmehr Kalenderspruchweisheiten herunterbeten, als auch die sehr um Symbolismus bemühte Kameraarbeit von Kamerafrau Anina Gnuer, in der Türen schon mal ins Nichts führen, oder sich um 180 Grad um Menschen in leeren Räumen drehen, verstärken den Eindruck, «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» sei durch und durch verkopft. Dabei ist es eigentlich lobenswert, wie konsequent sich Kerstin Polte vom Deutschkino-typischen Schuss-Gegenschuss-Einheitsbrei abgebt, würde die Regisseurin dabei nur nicht das Gespür für die Belange ihrer Figuren aus den Augen verlieren, der nur noch vereinzelt zutage tritt – die kurze, aber sehr intensive Szene zwischen Alex und ihrem One-Night-Stand Marion ist der beste Beweis dafür, dass in dem Film eigentlich so viel mehr stecken könnte.

Auch die Schauspieler geben sich alle Mühe, ihre gekünstelten Figuren greifbar zu machen. Corinna Harfouch («Fack ju Göhte 3») und Karl Krazkowski («Grossstadtklein») gelingt das in ihrer authentischen Art, miteinander zu interagieren, noch am besten. Meret Becker («Lügen und andere Wahrheiten») und der Rest des Ensembles können sich von der verkrampften Attitüde des Films allerdings nicht freimachen und aus den ohnehin sehr konstruierten Dialogen kein zusätzliches Leben herausholen. Dabei geht es in «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» eigentlich um wichtige Dinge: um den Glauben an Gott zum Beispiel, um Alzheimer, um Lebenskrisen und um homosexuelle Liebe. Gerade zu Letzterem findet Kerstin Polte dann auch beeindruckende, von Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit geprägte Bilder. Doch genau dieses inszenatorische Fingerspitzengefühl lässt sich nur vereinzelt ausmachen und wird so zu einem Highlight, wo inhaltlich eigentlich gar keines auszumachen ist – und berühren tut es so auch nicht.

Denn egal wie viel Konzept hinter dem sichtbar aufwändig konzipierten Film auch stecken mag: Am Ende verliert Polte die Belange ihrer Figuren aus den Augen und interessante Ansätze wie die Figur des außergewöhnlichen Hörster (Bruno Cathomas), die lebensfrohe Marion und die schon in ihren jungen Jahren so weise Enkeltochter verpuffen im Nichts. Den schalen Ausruf, ob das nun „Kunst ist, oder weg kann“, wollen wir an dieser Stelle zwar nicht bemühen. Doch am Ende muss man für Filme wie diesen wohl gemacht sein, um unter all dem Style auch die Substanz zu erkennen.

Fazit


«Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» ist erzählerisch zu verkopft und inszenatorisch zu gewollt symbolisch, sodass sich die eigentlich viel wichtigeren Faktoren – Geschichte und Figuren – überhaupt nicht entfalten können.

Das Erste zeigt «Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?» am Dienstag, den 22.09.20 um 22:50 Uhr.
21.09.2020 10:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/121481
Antje Wessels

super
schade


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Tags

Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? Little Miss Sunshine Die fabelhafte Welt der Amelie Kein Zickenfox Amélie Fack ju Göhte 3 Grossstadtklein Lügen und andere Wahrheiten

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
21.09.2020 13:04 Uhr 1
ist der echt soooo übel?? Schon alleine wegen des Titels des Film's und deiner wiedeer sehr guten Rezension gehe ich schon mal nicht ins Kino.....werde mir den auch nicht über die Glotze an gucken.
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