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Die Rolle des Buches im Zeitalter der Bilder – Zwischen «Das Literarische Quartett» und «Game of Thrones»

Einst das weltweite Fiktionsaushängeschild und heute von zahlreichen „Mitbewerbern“ abgehängt? Ist das Medium „Buch“ schon am Ende? Mitnichten! Seine Rolle hat sich nur verändert.

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Dass der Großteil einer Generation über mehrere Jahre zahlreiche solcher „Leseerinnerungen“ parallel sammelt, ist äußerst selten. Dass ein solches Szenario allerdings eintreten kann, hat eine gewisse Joanne K. Rowling – ihres Zeichens Erfinderin von Harry Potter, dem jungen Zauberer, der innerhalb kürzester Zeit zu einer Bekanntheit gekommen ist wie kaum ein anderer Buchcharakter jemals zuvor – eindrucksvoll bewiesen. Unvergessen sind die nicht nur hierzulande inzwischen geradezu legendären Lesenächte, die erstmals unmittelbar vor dem Veröffentlichungstag von „Harry Potter und der Feuerkelch“, also dem vierten Band der Reihe, im Jahr 2000 veranstaltet worden sind. Zu diesem Zeitpunkt war auch längst klar, dass nur wenige Monate später (Ende 2001) «Harry Potter und der Stein der Weisen» ins Kino kommen würde – ein Film, auf den noch 7 weitere folgen sollten, da das finale Abenteuer des Jungen mit Blitznarbe auf der Stirn („Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“) als Zweiteiler produziert worden ist. Für die Fans begann nun also eine regelrechte „Schlaraffenlandphase“, da sie sich, wenn es nicht gerade literarischen Nachschub gab, an filmischem erfreuen durften und umgekehrt. Außerdem wurden alle Bände selbstredend auch als Hörbuch aufgenommen, was dazu führte, dass Rufus Beck, der sieben Mal im Aufnahmestudio Platz nahm und jedem der unzähligen Figuren auf einzigartige Weise Leben einhauchte, für „Potterheads“ im deutschsprachigen Raum auf ewig untrennbar mit diesem Universum verbunden bleiben wird.

Dieser unglaubliche Hype kam jedoch nicht aus dem Nichts. Fantasy war spätestens seit dem Moment, als öffentlich verkündet worden war, dass Peter Jackson die „Der Herr der Ringe“-Trilogie von J. R. R. Tolkien verfilmen würde, wieder in aller Munde. Und nebenbei erhielt auf diese Weise eine von Genre-Liebhabern verehrte Saga aus den 50ern nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die Anerkennung, die sie eigentlich schon viel früher hätte erhalten müssen. So gesehen war in erster Linie der Beginn des neuen Jahrtausends fest in fantastischen Händen. «Der Herr der Ringe: Die Gefährten» etwa startete nämlich im Dezember 2001 in Deutschland und damit nur knapp einen Monat nach dem ersten Potter-Film von Chris Columbus. «Harry Potter und die Kammer des Schreckens» lief fast auf den Tag genau ein Jahr später an und «Der Herr der Ringe: Die zwei Türme» wieder circa vier Wochen danach. Der Winter 2003 gehörte dann ganz dem mit 11 Oscars (unter anderem „Bester Film“) ausgezeichneten «Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs», während «Harry Potter und der Gefangene von Askaban» erst im Sommer 2004 für Schlangen an den Kinokassen sorgte.

2011 strömten all jene, die mit Harry, Ron und Hermine aufgewachsen sind – und nicht nur die –, vorerst zum letzten Mal in die Lichtspielhäuser ihres Vertrauens, um aus nächster Nähe mitzuverfolgen, wie ihre Lieblinge Lord Voldemort endgültig besiegten. Wer nun aber dachte, dass die Nachfrage nach Stoffen dieser Art mittlerweile stark nachgelassen oder sich eine Übersättigung eingestellt hätte, der irrte gewaltig. Im Gegenteil: Längst war die Suche nach dem legitimen Nachfolger in vollem Gange. Sie gestaltete sich allerdings als nicht gerade einfach: Ob „Die Chroniken von Narnia“, „Eragon“, „Tintenherz“ oder „Percy Jackson“, an adaptionswürdigen Vorlagen mangelte es nicht, und trotzdem konnte keine der auf ebendiesen basierenden Verfilmungen auch nur im Ansatz eine ähnliche Welle der Begeisterung auslösen, wie es einst den Hogwarts-Schülern oder den Bewohnern von Mittelerde gelungen war. Dieses einzigartige Erbe anzutreten, dürften die Köpfe hinter den «Twilight»-Umsetzungen nicht im Sinn gehabt haben. Stephenie Meyers Tetralogie hatte für ein echtes Vampir-Comeback gesorgt – glühende Anhänger und scharfe Kritiker inklusive. Die fünf Abendfüller (man machte auch hier aus dem letzten Band einen Zweiteiler), die zwischen 2008 und 2012 erschienen, generierten jedoch zufriedenstellende Umsätze und puschten darüber hinaus die Buchverkäufe. Dies hatte vornehmlich damit zu tun, dass sich neben denjenigen, die mehr und mehr (lesend) in all die mystisch-magischen Universen eingetaucht waren und stets nach neuen potenziellen Hits Ausschau hielten, inzwischen auch immer mehr Menschen zu Fans dieser sogenannten „Franchises“ erklärten, die durch die Filme erstmals mit der Materie in Berührung gekommen waren. Und diese Entwicklung sollte sich in den Folgejahren bis zum heutigen Tag nur verstärken. Ein weiteres Beispiel dafür sind die vier «Die Tribute von Panem»-Teile, die auf der Trilogie von Suzanne Collins basieren – ja, auch hier wurden die Geschehnisse aus dem finalen Buch in zwei Teile gepackt.


Obwohl die drei «Der Hobbit»-Blockbuster (2012 – 2014) zufriedenstellende Box-Office-Zahlen einfuhren, konnten sie inhaltlich Peter Jacksons erstem Großprojekt nicht im Ansatz das Wasser reichen – was auch an der weit weniger umfangreichen Vorlage im Vergleich zu den „The Lord of the Rings“-Bänden lag. Und so langsam durfte die Frage erlaubt sein, ob es überhaupt möglich war, diese riesigen Schuhe auszufüllen? Die Antwort: Ja, nur eben keiner Filmreihe. Längst hatten Serien wie «Die Sopranos», «Lost»oder «Breaking Bad» für Furore gesorgt, weshalb immer häufiger vom „Golden Age of Television" zu hören und zu lesen war. Dieses zeichnete sich von Beginn an primär durch Formate mit einer horizontalen Erzählweise aus, solche also, die auf Langlebigkeit ausgelegt sind und mit einer möglichst komplexen Handlung aufwarten können. Exemplarisch für diese Art Produktion ist «Game of Thrones» (2011 – 2019), die mit Auszeichnungen überhäufte Serie, die für den dritten Fantasy-Boom von riesigem Ausmaß im neuen Jahrtausend verantwortlich war – und – richtig – auf einer Buchreihe basiert. Entwickelt hatte diese George R. R. Martin, der auch TV-Erfahrung besaß und von D. B. Weiss und David Benioff, den kreativen Masterminds hinter «GoT», von Anfang an miteinbezogen wurde. Der Plan: Martin sollte in aller Ruhe die Geschichte beenden, während „D&D“ aus dem Inhalt seiner bereits vollständig vorliegenden Bände die Auftaktstaffeln entwickeln sollten. Gesagt, getan: Mit jeder Season wuchs die weltweite Fangemeinde spürbar, bis man irgendwann – ohne Übertreibung – von einem globalen Phänomen sprechen durfte.



Gleichzeitig mussten das neue „dynamische Duo“ der Branche bald feststellen, dass sie ab einem Punkt X die Serie würden eigenständig beenden müssen. Immerhin teilte Martin den beiden mit, wie er gedachte, die wichtigsten Handlungsfäden enden zu lassen. Und schon musste sich «Game of Thrones» den Vorwurf gefallen lassen, ohne „literarischen Leitfaden“ nachzulassen. Das änderte nichts daran, dass bis zur Ausstrahlung der letzten Folge („Der Eiserne Thron“) in diesem Jahr das Interesse an «GoT» nicht nachließ – Kritik hin oder her, mitreden können wollten die meisten auch weiterhin. Das war nämlich aufgrund der sich an der Nachfrage orientierenden Veröffentlichungspolitik seitens HBO, dem US-Pay-TV-Sender, dem Popkulturbegeisterte dieses Westeros zu verdanken haben, nun möglich. In Schulhöfen, Universitäten, Büros, Supermärkten, heimischen Wohnzimmern und natürlich im Internet wurde leidenschaftlich über das Format debattiert. Zudem war es selbstverständlich in allen großen Medienportalen Thema – und immer wieder war in diesem Kontext das Wissen der Buchleser gefragt, was wiederum viele, die lange kein Buch zum persönlichen Vergnügen mehr angerührt hatten, wieder zu Lesern machte.

Diejenigen hingegen, die sich bereits sehr früh die Romanen zugelegt hatten, sie vielleicht sogar seit Mitte der 90er kannten oder seitdem sie nach etwas gesucht hatten, um die Leere zu füllen, die sich nach dem fünften Durcharbeiten sämtlicher „Der Herr der Ringe“- oder „Harry Potter“-Bände so langsam dann doch bei ihnen eingestellt hatte, verschafften sich ebenfalls immer häufiger nachhaltig Gehör. Anfangs noch auf Blogs, später vermehrt auf YouTube und schließlich mithilfe von Podcasts – und zwar vielfach auf hohem Niveau und zum Teil gar mit einem eigenen künstlerischen Anspruch. Das mittlerweile zum festen Bestandteil der Medienindustrie gewordene „Influencertum“ beweist bis heute gerade im Zusammenhang mit Popkultur oftmals, dass es dessen Vertreterinnen und Vertretern eben doch nicht immer, wie ihnen nicht selten vorgeworfen wird, um die maximale Klickanzahl oder den größten Werbedeal geht. Im Internet konnte das, was vor nur wenigen Jahren von vielen Chefredakteurinnen und Chefredakteuren noch für eine absolute Nische gehalten wurde, wachsen, gedeihen und immer mehr Zuspruch finden. Interessanterweise erreichen aber auch dort Videos von Kanälen, die sich bevorzugt oder ausschließlich dem geschriebenen Wort widmen, bei Weitem nicht die Abrufzahlen, wie es bei solchen der Fall ist, die sich mehrheitlich um Serien und/oder Filmen drehen. Ebenso spannend: Die meisten sogenannten „BookTuberinnen“ und „BookTuber“ stellen häufig Werke vor, die dem Bereich der Fantastik zuzuordnen sind, oder bezeichnen das Genre als dasjenige, das sie am meisten anspricht, beeinflusst oder überhaupt erst zum Lesen gebracht hat. Und in den zugehörigen Kommentarspalten, in denen es im Übrigen auffallend harmonisch zugeht, ergibt sich häufig ein ähnliches Bild. Umso bemerkenswerter ist das, wenn man sich einmal vergegenwärtigt, wie schwer sich das Feuilleton lange mit Fantasy-Literatur (oder auch Science-Fiction) getan hat und in Teilen nach wie vor tut.

Lesen Sie auf der nächsten Seite alles über die Pläne der großen Sender und Streamingdienste und erfahren Sie, inwiefern Buchadaptionen dabei eine Rolle spielen.
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29.12.2019 10:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/114694
Florian Kaiser

super
schade


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