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«Der große Rudolph»: Satire? 80er-Zeitkolorit? Klischeesammlung.

Die Satire «Der große Rudolph» hat keine wirklichen Ziele und weiß auch nicht so recht, was sie mit der Figur Moshammer anstellen soll.

Cast und Crew

  • Regie und Drehbuch: Alexander Adolph
  • Darsteller: Thomas Schmauser, Lena Urzendowsky, Hannelore Elsner, Robert Stadlober, Sunnyi Melles, Hans Zischler, Daniel Christensen, Franziska Schlattner
  • Kamera: Jutta Pohlmann
  • Schnitt: Dirk Göhler
  • Musik: Christoph Maria Kaiser, Julian Maas
2005 verstorben, doch unvergessen: Modezar Rudolph Moshammer war jahrzehntelang eine der Lieblingspersonen der Klatschpresse, eine prägende Figur der Münchener Schickeria und zudem auch ein Favorit der "einfachen Leute". Daran dürften nicht zuletzt seine wohltätigen Engagements einen großen Anteil gehabt haben. Dass Moshammers Tod Mitte der 2000er-Jahre ein großes Medienecho auslöste, ist vor diesem Hintergrund selbsterklärend – jedoch fanden sich schon damals auch viele kritische Stimmen: Die Presse und vor allem der Sender Sat.1, der sich exklusive Senderechte an der Trauerfeier zu Ehren Moshammers gesichert hatte, würden das tragische Ablebens des Modedesigners kommerziell ausschlachten.

Womöglich war es dieser Backlash, der dazu führte, dass das Thema Moshammer nach der Beisetzung des Müncheners in dem Medien rasch runter kochte. Während Moshammers Grabstätte weiterhin rege besucht und geschmückt wird, blieben Pläne für TV-Filme über die exzentrische Person lange liegen. Die Umstände, die zu Moshammers Tod führten, spielten bei dieser medialen Zurückhaltung erwartungsgemäß ebenfalls eine relevante Rolle, wie die Redaktion des Ersten erläutert.

Nun hat man sich aber doch an Moshammer herangetraut – aus Pietät, wie es heißt, aber nur in stark fiktionalisierter Form. Die Geschehnisse und mehrere Nebenfiguren sind frei erfunden, generell verfolgt der Neunzigminüter mehr den Anspruch, mittels der Person Moshammer die Konsumgesellschaft der 80er-Jahre vorzuführen, und weniger das Ziel, den Modezar zu charakterisieren. Nicht, dass das unbedarfte TV-Publikum, das sich nicht mit dem Pressematerial rund um den Film befasst, dies beim bloßen Anblick der ARD-Produktion erkennen würde. Die ist ähnlich wirklichkeitsgetreu beziehungsweise überspitzt wie diverse andere öffentlich-rechtliche Produktionen über jüngere Zeitgeschichte. Tonal und narrativ schlägt «Der große Rudolph» jedenfalls keine satirisch-bissigen Pfade ein …

Das liegt zu weiten Teilen an der generischen Handlung: Exzentrischer, erfolgreicher Geschäftsmann mit eigenwilligen Familienverhältnissen (Thomas Schmauser) pflegt sein freundliches Image, ist hinter den Kulissen allerdings ein regelrechter Drachen und sieht seiner sinkenden Popularität entgegen. Also lacht er sich ein graues Mäuschen (Lena Urzendowsky) als neue Muse und Imagepflege auf zwei Beinen an. Klingt nach Blaupause, und bleibt es in der gebotenen Umsetzung auch. Vor wenigen Monaten formte Paul Thomas Anderson mit «Der seidene Faden» beispielsweise eine zwar über ihren eigenen Ambitionen stolpernde, aber sehr atmosphärische und fesselnde Geschichte über eine Hassliebe aus diesem Stoff.

Unter Regisseur und Autor Alexander Adolph soll «Der große Rudolph», das sagen jedenfalls die Pressezitate, hingegen daraus eine Gesellschaftssatire werden. Nur stellt sich die Frage: Was will der Film bitte auf die Schippe nehmen? Ist es schon Konsumkritik, wenn Moshammer nach wenigen Tagen einer auf wackligen Füßen stehenden Freundschaft seiner schüchternen Bekannten Evi verrät, wie immens groß die Gewinnmarge an seiner Mode ist? Ist es schon ein Seitenhieb auf die 80er-Jahre, wenn immer wieder von Thomas Gottschalk, Roberto Blanco und Franz Josef Strauß die Rede ist, sobald über mögliche Gäste und einflussreiche Personen gesprochen wird?

«Der große Rudolph» hält anscheinend das für 80er-Jahre-Konsumgesellschaftskritik, was Steven Spielberg, Ernest Cline und Zak Penn in «Ready Player One» als Popkulturhommage einordnen: Die bloße Erwähnung von bekannten Namen genügt, um als profunde Auseinandersetzung durchzugehen. Weshalb es nun absurd, rückblickend unsinnig oder schlicht herausstellenswert ist, dass im Jahr 1983 ein Modedesigner hofft, Gottschalk als Kunden zu haben, kann «Der große Rudolph» aber nicht beantworten. Am ehesten geht die Anmerkung einer Nebenfigur als Satire durch, die übertrieben euphorisch prophezeit: "Schon bald haben wir Hunderte von Privatsendern, wie in Amerika."

Das große Qualitätsmerkmal des ziellos erzählten, sich Spannung und tiefgehender Emotion verweigernden, auf satirischer Ebene jedoch leider keine treffsicheren Gags bietenden Fernsehfilms ist derweil das Schauspiel: Thomas Schmauser ahmt Moshammers Sprachduktus und Gesten überzeugend nach, schafft es aber zugleich, sich über das reine Mimikry hinaus zu ackern und die Stimmungsschwankungen des Film-Moshammers glaubwürdig zu verkaufen. Lena Urzendowsky wird derweil vom Skript kaum gefordert. Obwohl sie die heimliche Hauptfigur ist, da es ihr Wandel vom grauen Mäuschen zur selbstbewussten Frau ist, von dem der Film erzählt, erhält sie nur wenige Momente, in denen ihr als Schauspielerin Raum zur Entfaltung vergönnt ist. Trotzdem macht Urzendowsky das Beste aus dem, was ihr gegeben wird:

So klischeehaft und vorhersehbar Evis Dynamik mit Moshammer sein mag, bewahrt die Mimin darstellerisches Gewicht und täuscht so über einzelne haarsträubende Dialogpassagen hinweg. Und Hannelore Elsner hat so großen Spaß daran, eine garstige, übertrieben vorsorgliche Mutter zu spielen, dass man fast vergisst, wie uninspiriert das Skript sie nach Schema F agieren lässt.

Dennoch: Es fehlt dieser Satire an Biss und Beobachtungsgabe, und will man «Der große Rudolph» doch nicht in der Tradition solcher High-Society-Satiren wie «Kir Royal» sehen, sondern schlicht als Tragikomödie über die überlebensgroße Person Moshammer, so enttäuscht der Film dahingehend, wie einfach er es sich macht. Ja, «Der große Rudolph» hat Respekt vor seiner Titelfigur, reduziert Moshammer nicht etwa auf seine exzentrische Klatschpressenauftritte. Aber das allein macht noch lange keinen sehenswerten Film aus. Denn das, was «Der große Rudolph» über Moshammer erzählt, ist noch immer eine bloße, seichte Ansammlung an Stereotypen. Sie wird bloß gemächlich abgearbeitet, statt grell. Ob das nun schon deutlich respektvoller ist, muss sich jeder selber ausmalen.

«Der große Rudolph» ist am 19. September 2018 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
19.09.2018 11:21 Uhr Kurz-URL: qmde.de/103869
Sidney Schering

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Der große Rudolph Der seidene Faden Kir Royal Ready Player One

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