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Raucher im Film: Cool aber auf dem absteigenden Ast

Glimmstängel haben in den vergangenen Jahren immer weniger on-screen Time. Was aber nicht heißen soll, dass Rauch per se aussterben würde.

Welcher Actionfan versuchte nicht herauszufinden, welche Zigarettenmarke John McClaine (Bruce Willis) im ersten Teil von «Stirb Langsam» dem ersten getöteten Terroristen abnahm und kopfschüttelnd mit einem „tztz, die sind zu stark für dich, die gehen auf den Kreislauf“ kommentierte (es waren filterlose Gauloise Caporal)? Wäre die «Pulp-Fiction»-Szene im Restaurant zwischen Uma Thurman und John Travolta, ja sämtliche Tarantino-Filme nicht ohne die mindestens einmalige Erwähnung der (fiktiven) Red-Apple-Fluppen nicht um einiges ärmer? Rauchen spielte und spielt in der Filmgeschichte immer eine große Rolle – aber warum klassische Kippen immer weiter abgelöst werden, aber Rauch an sich bleiben wird, erklärt der folgende Artikel.

Ein Spiegel des Zeitgeists
Filme, so sie denn nicht in ferner Zukunft oder in der Vergangenheit angesiedelt sind, sind immer ein Spiegel des jeweils vorherrschenden Zeitgeists. In den 1930ern und 40ern, als Raucher-Klassiker wie «Casablanca» herauskamen, konsumierte der Durchschnitts-Amerikaner beispielsweise bereits knapp 1250 Zigaretten pro Jahr – es wäre also, selbst wenn die Folgen des Rauchens damals schon so erforscht gewesen wären, schlicht unrealistisch gewesen, Bogart und Co. ohne Zigarette zu zeigen – denn damals rauchte einfach jeder.

Umgekehrt gilt dies auch für die heutige Zeit. Im beim eingangs erwähnten «Stirb Langsam» zu bleiben, erklärte Bruce Willis beim Dreh des vierten Teils, der 2007 in die Kinos kam, dass er McClane bewusst zum Nichtraucher gemacht habe, weil einerseits Rauchen schon damals viel weniger Mainstream war, als in den ersten Teilen und er andererseits Jugendlichen keine schlechten Angewohnheiten beibringen wollte.

Obendrein leben wir heute zwar in Zeiten, in denen in Deutschland Raucher nur noch ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen – umgekehrt wäre es jedoch unglaubwürdig, Filme und Serien, die in der Vergangenheit spielen oder in denen zumindest ein Charakter in der Vergangenheit verhaftet ist, ohne Zigarette darzustellen.

«Mad Men» etwa wäre schlicht und ergreifend unrealistisch ohne blauen Dunst – jedoch zeigen die späteren Staffeln aber auch sehr schön, wie von Filterlosen zu Filterzigaretten gewechselt wird – ganz wie es tatsächlich im Verlauf der 1960er geschah. Henning Baum, der in der Sat-1-Serie «Der letzte Bulle» als in den 80ern ins Koma geschossener Polizist heute wieder Morde aufklärt, ist ebenfalls ein Kind der Kippen-Epoche und raucht deshalb auch im modernen Polizeirevier (und selbst im Serien-Intro) ganz selbstverständlich – und das nicht nur als Hommage an die 80er, sondern auch, um seine Unangepasstheit zu visualisieren.

Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Und das zeigen ebenfalls einige Filme der jüngeren Vergangenheit, die Rauchen in einem schlechten Licht darstellten und so quasi die heutige Situation vorwegnahmen:
• Am Schluss von «Titanic», als sich Schatzsucher Bill Paxton eine Siegeszigarre nicht anzünden kann
• Bei «xXx-Triple-X», als die Glut eines dauerrauchenden Bösewichts ihm wegen einer wärmesuchenden Rakete zum Verhängnis wird
• Bei «Stirb Langsam 3», als es McClane über den ganzen Film nicht schafft, sich auch nur eine Zigarette anzustecken
• In «Thank you for Smoking», als sich der Protagonist als Tabak-Lobbyist selbst keine einzige Zigarette anmacht

Und heute freut sich das amerikanische Center for Disease Control and Prevention, dass in Filmen von 2015 gut 50% weniger gequalmt wurde als noch 2014 – normales Zigarettenrauchen ist also tatsächlich auf dem absterbenden Ast und wird, wenn überhaupt, in der breiten Mainstream-Masse nur von negativ besetzten Charakteren betrieben.

Rauch geht nicht weg
Allerdings zeigt dieser Zeitgeist-Spiegel eben auch, dass Rauch per se nicht wegzubekommen ist. Die E-Zigarette wird von vielen Menschen mittlerweile als Alternative angesehen, wenn auch, wie die US-Doku «A Billion Lives» erklärt, gar nicht zur Freude der Gesundheitswächter.

Und natürlich wird Hollywood über kurz oder lang auf diesen Zug aufspringen - denn so, wie E-Kippen heute auch in die Online-Shoppingwelt Normalsterblicher gehören, muss dieser Wechsel in Werten und Ansichten sich natürlich auch auf der Leinwand niederschlagen. Rauchen hat heute zwar kein breitgesellschaftliches Image mehr, aber immer noch ein irgendwie cooles und im Sinne seiner Risiken auch das des Outlaws. Der coole Einzelgänger von Morgen wird vielleicht nicht mehr an der Tankstelle seine Zigarettenpackung greifen, aber mit ziemlicher Sicherheit den auf modernem Weg erworbenen Verdampfer einstecken haben. Hollywood macht es ja jetzt bereits vor, mit Charakteren, die „dampfen“:
• Johnny Depp in «The Tourist» (die erste Verwendung in einem Hollywood-Streifen)
• Dennis Quaid in «Beneath the Darkness»
• Zac Efron in «Neighbors»
• John Cusack in «Drive Hard»
• Mila Jovovich in «Anarchy»
• Kevin Spacey in «House of Cards»

Fakt ist nun mal, dass Rauch immer noch einen gewissen gesellschaftlichen Status hat – und so gering er auch geworden ist, ist er immer noch bedeutend genug, dass Drehbuchautoren und Regisseure ihn nicht ignorieren können. Mal ganz abgesehen davon, dass Rauchen sich in den vergangenen hundert Filmjahren auch zu einem machtvollen Stilinstrument entwickelte.

Rauch als stilistische Notwendigkeit
Rauch, Dunst, Nebel sind ein ganz besonderes Stilmittel, denn sie erlauben es, etwas oder jemanden gleichzeitig zu verdecken und sichtbar zu machen:
• Autoscheinwerfer in einer Nebelwand
• Ein Gesicht hinter (Tabak-)Rauch
• Rauch, der ein filmisches Schlachtfeld bedeckt

Das sind alles dramaturgische Notwendigkeiten – bloß lässt sich ein großer Teil nicht anders darstellen. Statt schlängelndem Rauch aus der Zigarettenspitze von Audrey Hepburn in «Frühstück bei Tiffany» ein unglaubwürdig stark dampfender Kaffee? Das funktioniert sicherlich ebenso wenig, wie ein Gandalf, der sein gehauchtes Segelschiff nicht aus der Pfeife, sondern durch Atem bei kalten Außentemperaturen formt.

Ganz abgesehen davon hängt nicht zuletzt auch ein kleines, aber nicht minder bedeutungsvolles Genre zwangsläufig vom Rauch ab, das der klassischen „Kifferfilme“. Natürlich kann man über die Notwendigkeit von Machwerken wie «Lammbock» streiten. Fakt ist aber, diese haben die gleiche Daseinsberechtigung wie jedes andere Genre. Selbst wenn, wie Gesundheitsexperten es fordern, keine einzige Zigarette mehr on screen zu sehen wäre, gäbe es also auf der einen Seite noch mehr als genügend Gründe, warum dennoch in irgendeiner Form ausgeatmeter Rauch oder Dampf benötigt wird. Und andererseits lässt sich nicht alles aus dem Film verbannen, was irgendwie gesundheitsschädigend wäre. Denn dann müsste auch jeder Actionfilm verboten sein – er könnte ja Zuschauer animieren, das dort Gesehene nachzuspielen.

Fazit
Zigaretten und Filme wurden beide zur fast gleichen Zeit massentauglich und sind alleine schon deshalb geschichtlich verbunden. Viel wichtiger ist jedoch, dass Filme immer den Zeitgeist wiederspiegeln – ob nun in Filmen derzeit weniger geraucht wird, weil auch im echten Leben weniger Glimmstängel brennen, oder umgekehrt, ist dabei eine (zweitrangige) Huhn-Ei-Frage. Rauchen wird indes deshalb auch zukünftig eine Rolle spielen – vielleicht nicht als normale, sondern E-Zigarette. Und selbst wenn kein Mensch mehr rauchen würde (was ziemlich unwahrscheinlich ist), bräuchte man dennoch den mobilen „Raucherzeuger“ für unzählige Szenen als Stilmittel.
05.12.2016 10:40 Uhr Kurz-URL: qmde.de/89773

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
22.04.2017 17:02 Uhr 1
In sehr vielen Filmen wird nicht mehr geraucht....dafür aber umso mehr Wein getrunken....:-) :-)
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