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Joyn-Serientipp: «Pure»

Rabenschwarz, urkomisch und doch gefühlvoll – «Pure» zeigt das Lustige an einer psychischen Krankheit, ohne sich lustig zu machen.

Stellen Sie sich die im Werden befindende nordenglische Autorin Marnie (Charly Clive) am besten als eine Art gutaussehende Variante von Haley Joel Osment aus «The Sixth Sense» vor, nur mit dem Unterschied, dass sie nicht überall tote Menschen sieht, sondern nackte Menschen – das ist PURE. Egal, ob sie im Bus sitzt, im Wartezimmer beim Arzt oder – mittlerweile – bei einer Familienfeier in einem vollen Veranstaltungssaal weilt: In ihrem Kopfkino trägt grundsätzlich niemand Kleidung, und ständig winden sich alle in den abartigsten Körperpositionen aneinander.

Der Leidensdruck dieser obsessiven Tagtraumhalluzinationen ist für die frischgebackene Uniabsolventin mittlerweile so gravierend geworden, dass sie sich Hilfe holen muss – und das geht nur in London. Nirgendwo sonst in Großbritannien kann ein Mensch mit so einem gravierenden Schaden an der Murmel auf Akzeptanz des eigenen Irrsinns hoffen.

Bei der ersten zaghaften Ursachenforschung wird schnell klar: Die Erlösung von den quälenden Sex-Tagträumen kann für Marnie allein durch eigenständiges sexuelles Experimentieren kommen. Ist sie eine verkappte Lesbe? Kann sie in der Literatur einen Ausgleich finden? Oder muss sie sich mit ihrer Schrulle abfinden und das Beste daraus machen?

Das klingt nicht unbedingt nach einer amüsanten Comedy-Serie, sondern eher nach einem etwas auf witzig getrimmten Melodrama names PURE. Dass dem jedoch nicht so ist, dürfte hauptsächlich zwei Gründe haben: Zum Einen der typisch britische schwarze Humor. Und zum Anderen die Besetzung der Hauptrolle mit Charly Clive, die bei dieser Figur sowohl hinsichtlich ihrer eigenen Biographie als auch ihrer künstlerischen Erfahrung aus den Vollen schöpfen konnte: Mit gerade einmal 23 Jahren wurde bei der Schauspielerin ein gutartiger Hirntumor diagnostiziert, und auf die quälenden Operationen und Strahlentherapien folgte – ein Comedyprogramm, in dem Clive ihren Leidensweg humoristisch verarbeitete.

Dass sich Leid und Humor nicht gegenseitig ausschließen, ist schließlich eine der Grundannahmen dieser Serie, nachdem sie kurz nach ihrer Erstausstrahlung bei Channel 4 im Mutterland ins Portfolio von Joyn aufgenommen wurde.

Dabei gefällt an dieser Serie ganz besonders, wie sehr sie sich auf ihre Hauptfigur einlässt, wie sie sich ihr ohne Scheu nähert, wie sie sie trotz ihrer obskur wirkenden Schrullen ernst nimmt und gerade dadurch eine zündende Komik erzeugt. Das emotionale Herz dieses Formats bleibt hingegen weniger das Drehbuch aus der Feder von Kirstie Swain (und der literarischen, autobiographischen Vorlage von Rose Cartwright), sondern die rundum gelungene Performance von Charly Clive, die ihre Figur mit sehenswerter Authentizität anlegt.
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06.04.2021 08:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/125922

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The Sixth Sense

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