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Die Kritiker: «Tabula Rasa»

Am Mittwoch startet bei ZDFneo eine deutsch-belgische Serienproduktion über eine Frau mit unheimlichen Gedächtnislücken: ein exzellent gespielter und geschriebener Genre-Mix.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Veerle Baetens als Mie
Stijn Van Opstal als Benoit
Cécile Enthoven als Romy
Gene Bervoets als Inspecteur Wolkers
Hilde Van Mieghem als Rita
Natali Broods als Dr. Mommaerts
Jeroen Perceval als Thomas De Geest

Hinter der Kamera:
Produktion: Caviar Films, VRT und ZDFneo
Showrunnerin: Malin-Sarah Gozin
Drehbuch: Veerle Baetens, Christophe Dirickx, Malin-Sarah Gozin
Regie: Kaat Beels, Jonas Govaerts
Kamera: Dries Delputte, Brecht Goyvaerts
Produzent: Frank Van Passel
Die junge Belgierin Mie (Veerle Baetens) leidet seit einem Unfall vor einigen Monaten an anterograder Amnesie: An sämtliche Ereignisse ihres Lebens vor dem Unglück kann sie sich problemlos erinnern. Doch sie hat große Schwierigkeiten, neue Erlebnisse im Langzeitgedächtnis zu speichern. Sie vergisst also die offensichtlichsten Dinge, ist oft orientierungslos und tut sich auch mit den alltäglichsten Verrichtungen wie Kochen schwer, weil stets die reelle Gefahr besteht, dass sie dabei das Haus abfackeln könnte.

Glücklicherweise hält die moderne Technik einige Methoden bereit, um ihr Leben etwas einfacher zu gestalten. Ihr Mann Benoit (Stijn van Opstal) kann sie bei Bedarf über sein Handy orten. In der Küche baut er Kameras ein und an der Tür einen Sensor, der laut „Tür schließen!“ tönt, sollte Mie selbiges vergessen. Um wieder zu sich zu kommen, ist sie kürzlich mit ihrem Mann und ihrer Tochter Romy (Cécile Enthoven) in ein abgeschiedenes Haus auf dem Land gezogen.

Doch das verstärkt ein großes Problem ihrer Krankheit, gegen das auch die technischen Bemühungen ihres Mannes und seine emotionale Unterstützung nichts ausrichten können. Weil ihr Gedächtnis viele ihrer Erlebnisse nicht speichert, füllt Mies Fantasie die Lücken selbstständig aus: Das wird mitunter ziemlich unheimlich – besonders in der Abgeschiedenheit eines alten Hauses in der Peripherie: Die Serie weiß dies stilistisch gekonnt auszunutzen und lässt ihre Zuschauer mit einem gekonnt konstruierten horizontalen Spannungsbogen lange im Unklaren über die genauen Hintergründe. Was ist (nur) Mies Konfabulation – und was vielleicht tatsächlicher Spuk im Staate Belgien?

Monate später ist Mie in die geschlossene Psychiatrie verbracht worden. Auch die spezifischen Umstände dieser Entwicklung werden erst nach und nach offenkundig. Ihr Mann Benoit und ihre Mutter Rita (Hilde Van Mieghem) sind jedenfalls sehr damit beschäftigt, den behandelnden Arzt davon zu überzeugen, dass dieser Schritt unnötig sei und Mie zurück in ihr häusliches Umfeld gehöre. Doch Inspecteur Wolkers (Gene Bervoets) von der Polizei will den Kontakt zwischen Mie und ihren Angehörigen sogar noch weiter minimieren: Mie sei die letzte Person gewesen, die den vor einigen Tagen verschwundenen Thomas De Geest (Jeroen Perceval) gesehen habe. Jede weitere emotionale Aufwühlung könnte noch mehr Erinnerungen in Mies Gedächtnis vernichten, auf die die Ermittler verzweifelt angewiesen sind.

Der erzählerische Goldstandard für Stoffe um Protagonisten mit anterograder Amnesie ist sicherlich Christopher Nolans nicht nur dramaturgisch innovativer Film «Memento». «Tabula Rasa» gibt sich strukturell freilich weniger verspielt; doch eine Diskrepanz hinsichtlich der künstlerischen Ambition beider Werke ist eher unbedeutend.

«Tabula Rasa» nimmt sich viel Zeit, um die Situation und eine gewisse unheimliche, aber gleichzeitig auch nahbare Atmosphäre zu etablieren. Dabei legt die Serie großen Wert darauf, ihre starke Symbolik nicht zu überreizen und die zahlreichen Genres, die sie bedient, nicht gegeneinander auszuspielen: Sie ist ein Mystery-Stoff, eine Kriminalserie und zugleich ein Drama. Doch all diese verschiedenen Zugänge zu ihren Figuren und ihrer Handlung schaffen kein wildes Potpourri oder unauflösliche Widersprüche, sondern ergänzen einander äußerst klug.

Inhaltlich erhebt sie sich erfolgreich klar über triviale Mitknobelfilme, sie lebt stark von der psychologischen Komponente, in der sich Realität und Fiktion, das tatsächliche und durch die Wahrnehmung verfremdete Erleben begegnen und sich so lange Diskrepanzen anstauen, bis der Verstand an die Grenze des Zumutbaren kommt. «Tabula Rasa» ist ein unheimlicher Stoff, aber ohne die einfache Planting-Pay-off-Strategie lieblos heruntergekurbelter Genreformate, sondern atmosphärischer, dichter, gewissermaßen erlebbarer. Denn sie spielt mit einer urmenschlichen Angst: der Angst vor der Sinnestrübung und –täuschung und der daraus resultierenden Unmöglichkeit, zu unterscheiden, was real und was (grausige) Fiktion ist. Atmosphärisch dicht und psychologisch packend ist diese deutsch-belgische Koproduktion eine klare Bereicherung des ZDFneo-Portfolios.

ZDFneo zeigt «Tabula Rasa» mittwochs am dem 31. Januar um 23.15 Uhr.
30.01.2018 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/98679
Julian Miller

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Memento Tabula Rasa

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