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Die Kritiker: «Friesland - Der blaue Jan»

«Friesland» unterscheidet sich normalerweise im positiven Sinne von vielen anderen deutschen Lokal-Krimis. Die neue Folge schert leider aus – und verhebt sich am Gleichstellungs-Gedöns.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Maxim Mehmet als Henk Cassens
Sophie Dal als Süher Özlügül
Theresa Underberg als Insa Scherzinger
Holger Stockhaus als Wolfgang Habedank
Felix Vörtler als Jan Brockhorst
Yunus Cumartpay als Yunus Özlügül
Franziska Weisz als Elke Heseding

Hinter der Kamera:
Produktion: Warner Bros. ITVP Deutschland GmbH
Drehbuch: Jürgen Kehrer und Sandra Lüpkes
Regie: Marc Rensing
Kamera: Pascal Schmit
Produzenten: Sabine de Mardt und Anton Moho
In Leer in Friesland gibt es einen seltsamen Brauch: Einmal im Jahr verkleiden sich vier Männer als „blauer Jan“, erschrecken Frauen und trinken Bier. Sexistische Kackscheiße ist das, findet Süher Özlügül (Sophie Dal) von der örtlichen Polizeiinspektion. Spaßverderberin, nöhlen die männlichen Kollegen. In der Gleichstellungsbeauftragten im Rathaus hat sie jedoch eine Gleichgesinnte, die sich auf die Fahne geschrieben hat, dass die diesjährige Blauer-Jan-Orgie auf ewig die letzte sein wird. Ein entsprechender Antrag im Stadtrat ist eingebracht, morgen wird abgestimmt und dann war’s das.

Blöd, dass die Gleichstellungsbeauftragte am nächsten Tag tot in ihrem Büro liegt. Aufgespießt wurde sie von einem blauen Jan: Am Tatort finden sich Federn der sonderbaren Kluft. Kann nicht sein, stellt sich Sühers Kollege Henk (Maxim Mehmet) schützend vor seine Kumpanen aus dem Traditionsverein. Und tatsächlich: Jan Brockhorst (Felix Vörtler), der mal wieder in die verhasste Provinz rödeln musste, um vor Ort die Mordermittlungen zu koordinieren, stellt schnell fest, dass keiner von Henks Kumpels es gewesen sein kann – und ruft zügig die Jagd auf den Imposter aus.

Doch bald wird der Fall weit weniger mystisch. In Leer werden gerade umfassende Entscheidungen über ein neues Baugebiet getroffen: Dort hatte neben der toten Gleichstellungsbeauftragten auch der Stadtkämmerer seine Finger im Spiel. Der Mann hat ein Motiv – ebenso der Gatte der Toten, ein Fahrschullehrer, der seinen Fahrschülerinnen beim Anfahren am Berg gerne unsittlich zur Hand gegangen sein soll.

«Friesland» gefällt normalerweise wegen seines unaufgeregten, humorigen, heimatlichen, dabei aber eben nicht anbiedernden oder verklärenden Duktus. Anders als zahlreiche ähnlich gelagerte Krimi-Reihen will man weder auf einer zweiten Ebene irgendetwas von gesellschaftlichem Belang erzählen noch dezidiert klischeehaften Lokalkolorit vorführen.

Die neue Folge unterscheidet sich von diesen Merkmalen, vielleicht sogar eklatant. Sie hat ein Thema: Gleichstellung und Gleichberechtigung und das Spannungsfeld zwischen (überkommenen? sexistischen?) Traditionen und dem Anspruch einer modernen Gesellschaft, diese (sexistischen und überkommenen?) Rituale hinter sich zu lassen. Damit jedoch wird sie anfällig für ein Problem, an dem zahlreiche Regionalkrimis im deutschen Fernsehen reihenweise krachend scheitern: Oberflächlichkeit.

Denn es hat etwas Unangenehmes, in den schlimmeren Momenten geradezu Reaktionäres, wenn die Infragestellung alter Traditionen mit sexistischen Ursprüngen auf Gleichberechtigungs-Gedöns heruntergeschrieben wird, und sämtliche Charaktere, die ob ihrer persönlichen Empfindungen oder ihrer intellektuellen Ansichten gegen die Aufrechterhaltung dieser Tradition mobil machen, zu Spaßverderberinnen degradiert werden, während im Gegenzug eine rückständige, dezidiert männliche Solidarität als fröhliches Gegenmodell etabliert wird.

«Friesland» konnte bisher durch das Gegenteil positiv auffallen: dadurch, dass die Reihe wusste, was sie war und sein konnte, dass sie sich nicht verhob an Themen, die sie unter ihren dramaturgischen Rahmenbedingungen nur verzerrt und infantil bearbeiten konnte. Vielmehr gelang es ihr, nah an ihren liebenswerten Charakteren zu erzählen, mit einer gewissen Aufrichtigkeit und Menschenfreude, mit Gefallen am Exzentrischen und einer eleganten Figurenführung. Und genau damit konnte sie auch etwas zum gesellschaftlichen Diskurs beitragen: nämlich durch die dezidierte Normalität, mit der eine Frau mit Migrationshintergrund als kompetente, aufrichtige und allseits geschätzte Polizistin in der deutschen Provinz vorgestellt wurde. Die in „Der Blaue Jan“ nun aber völlig unnötig zur Gleichstellungs-Gedöns-Nöhl-Tante degradiert wird. «Friesland», du warst mal so idyllisch.

Das ZDF zeigt «Friesland – Der Blaue Jan» am Samstag, den 13. Januar um 20.15 Uhr.
11.01.2018 19:06 Uhr Kurz-URL: qmde.de/98322
Julian Miller

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