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Die 75. «Golden Globe Awards»: Hollywoods Nabelschau

Die Preisverleihung in der vergangenen Nacht stand ganz im Zeichen von #MeToo. Dabei verkörperten Moderator Seth Meyers und die Sonderpreisträgerin Oprah Winfrey zwei völlig verschiedene Stoßrichtungen.

Gewinner 2018

Hier geht es zur Liste mit den Gewinnern der diesjährigen Golden Globe Awards.
Hollywood war selten so mit sich selbst beschäftigt wie gestern Abend bei der Verleihung der 75. Golden Globe Awards – und gleichzeitig doch so meinungsfreudig in Richtung der amerikanischen Politik. Schon Seth Meyers’ Monolog – seine undankbare Rolle verglich er mit dem ersten Hund, den man damals in den Weltraum schoss, um zu gucken, ob Säugetiere auch nur den Hauch einer Chance haben, dort zu überleben – setzte den Ton des Abends, der nicht nur aus Solidarität mit den Opfern, sondern gleichsam einer komödiantisch nur dünn kaschierten Aggression gegen die Täter bestand. Die Feindbilder waren klar, und die versammelte Truppe arbeitete sich turnusmäßig an ihnen ab: Harvey Weinstein, den man in zwanzig Jahren noch ausbuhen wird, wenn er in der In-Memoriam-Sequenz auftaucht, und Kevin Spacey, der Päderast, der als Schauspieler schon am Südstaatenakzent gescheitert ist.

Wo Meyers dafür zuständig war, in seinen selbstreferentiellen Elogen die gemeinsame Abneigung vor den Monstern der Branche als Grundlage für ein Wir-Gefühl zu zementieren, das zu drei Stunden langer, unter anderen Umständen vielleicht mühsamer Harmonie im Saal führen sollte, lag es an Oprah Winfrey, den anderen Betrachtungswinkel auf #MeToo zu finden. Sie erhielt in diesem Jahr den Cecil B. DeMille Award, der für besonders exponierte Persönlichkeiten des amerikanischen Kino- und Fernsehbetriebs vorgesehen ist, die die Branche besonders langanhaltend und nachhaltig prägten. Sie sprach von ihren höchstpersönlichen Erfahrungen als junge schwarze Frau aus einfachen Verhältnissen im Mittleren Westen, und von der normativen Wucht, die von Veranstaltungen wie den Golden Globes, den Oscars und den Emmys gerade für junge Menschen aus benachteiligten Schichten ausgehen kann. Während Meyers gerne zynisch war, zog sie die positiven Konsequenzen aus all den schrecklichen Enthüllungen der letzten Monate und der Elektrisierung der amerikanischen Zivilgesellschaft durch die Präsidentschaft Trumps, dem sie im Militärjagon eine Belagerung der Presse als demokratische Institution vorwarf.

Hollywood ist – vor allem in seinen Preisverleihungen, wenn die Branchenschaffenden besonders leicht Gehör finden können – gerade dann politisch, wenn seine nach außen getragenen Werte der Offenheit, der Menschenfreundlichkeit, der Liberalität und der Akzeptanz von den Autoritäten unter Beschuss oder gar in Gefahr geraten, und wenn die oft überkonstruierte Diskrepanz zwischen dem als angeberisch, narzisstisch und moralisch ambivalent verschrienen La-La-Land in Südwestkalifornien und dem als beschaulich, aufrichtig und hartarbeitend verklärten Middle America von Magnolien, Landwirtschaftsbetrieben, Stahlarbeitern und kleinen betulichen Ortschaften besonders groß scheint. Diese Diskrepanz ist in dieser Zuspitzung natürlich Unsinn; zumindest erfolgt der Bruch nicht klar an diesen Trennlinien.

Denn Hollywood ist ein Spiegel dieses Amerikas, wenn auch gerne ein kritischer, manchmal ein verzerrender. Die Auseinandersetzung Amerikas mit sich selbst erfolgt in besonderem Maße durch das System Hollywood und ist gefärbt von seinen Wertvorstellungen und ethischen Prioritäten: denen der Offenheit, der Liberalität, der Akzeptanz, der Gleichberechtigung.

Dass diese Werte von Hollywood bedauerlich oft nicht selbst gelebt werden, ist ein bekannter Vorwurf. Die Gestalt der Vorwürfe gegen zahlreiche besonders bekannte und exponierte Branchenschaffende vor und hinter den Kulissen war daher besonders bitter – im Kern war es das Versagen Hollywoods, das in Amerika eben nicht nur Traumfabrik, sondern auch Wertemaschine ist, und nicht nur das Bild von Amerika in der Welt prägt, sondern im selben Maße das Bild von Amerika in Amerika. Vielleicht konnte es nur dieser Institution mit ihren Kernwerten der Offenheit und Liberalität gelingen, tatsächlich mit ihren Monstern abzurechnen. Sie aus dem Betrieb und der kollektiven Gemeinschaft auszuschließen, wäre als letzte Konsequenz freilich viel zu kurz gedacht. Doch es bleibt ein erster Schritt, den viele Organisationen und Milieus in ähnlicher Position nicht schaffen. Werte wie Offenheit und Liberalität machen nicht nur empfänglich für Selbstkritik, sie machen sie zur Vorbedingung für nahezu alles.

Natürlich sitzt der Schock tief. Natürlich ist es im mindesten ein Armutszeugnis und zeugt von immenser Schändlichkeit, wenn Leute wie Harvey Weinstein und Kevin Spacey jahrzehntelang ungestört, ungestraft und geschützt von einem ausgeklügelten System williger Helfershelfer ihre Perversionen an mitunter selbst mächtigen, exponierten Persönlichkeiten ausleben können. Aber wenn Einsicht der erste Schritt zur Besserung ist, ist dieses immer nur im Äußeren glamouröse La-La-Land ihn gegangen. Seth Meyers‘ manchmal etwas rabiater Duktus war dafür genau die richtige Methode und gerade im Kontrast zu Oprah Winfreys optimistischeren, positiven Ausführungen wirksam. Die Twittersphäre schreibt ihr bereits ernsthafte Ambitionen auf das Amt der US-Präsidentin zu. Hollywood würde es freuen – und Amerika auch.
08.01.2018 11:41 Uhr Kurz-URL: qmde.de/98241
Julian Miller

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