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Popcorn und Rollenwechsel: «Score – Eine Geschichte der Filmmusik»

Die Dokumentation «Score – Eine Geschichte der Filmmusik» fasst die Historie einer nicht genügend beachteten musikalischen Kunstform zusammen.

Das Jahr ist erst acht Tage alt – und dennoch habe ich schon jetzt einen Anwärter auf den Titel meiner Lieblingsdokumentation 2018 gefunden: «Score – Eine Geschichte der Filmmusik». Der Titel ist hier Programm: Diese aktuell in ausgewählten deutschen Kinos laufende Dokumentation fasst exemplarisch rund 100 Jahre Filmmusikgeschichte zusammen und garniert dies mit erstaunlichen Anekdoten (die weltberühmte 20th-Century-Fox-Hymne wurde gar nicht für dieses Studio geschrieben!), unterhaltsamen Interviewschnipseln mit Komponisten (Hans Zimmers "Ach, Menschenskinder, was soll's …"-Attitüde ist göttlich!) sowie faszinierenden Fakten über Musik im Allgemeinen und aktuelle Filmscores im Speziellen.

Die Dokumentation ist nicht zwingend etwas für völlig Themenfremde. Sie ist vollauf als Verneigung vor den einflussreichen Scores und Komponisten der bisherigen Filmgeschichte, sowie vor den unbesungenen Helden gedacht. Das rundet diese ihr so umfangreiches Thema stark zusammenraffende Dokumentation auf löblich-originelle Weise ab, da sie sich eben nicht auf die üblichen Verdächtigen beschränkt. Der 93-Minuten-Film erlaubt kurze Einblicke in die Arbeitsweise solcher Komponisten wie Marco Beltrami («The Gunman»), Joe Kraemer («Mission: Impossible – Rogue Nation») und Heitor Pereira («Minions») oder Brian Tyler («Fast & Furious»-Franchise), außerdem kommen Studiomusiker zu Wort, die seit Jahrzehnten unter verschiedenen Komponisten schon zahllose Scores eingespielt haben.

Schade ist nur, dass die kritischen Stimmen der Komponisten auf Entwicklungen in der Branche kurz ausfallen. Es wird etwa pointiert auf den Zeitdruck im Komponistenleben eingegangen, doch über verlorene kreative Kämpfe wird praktisch gar nicht gesprochen, obwohl diese ebenso sehr zum Branchenalltag gehören wie bedrohlich tickende Uhren. Dafür gibt es in der via Crowdfunding finanzierten Doku allerhand andere sehr informative Passagen zu begutachten:

Es wird unter anderem auf die unterschiedliche Akustik mehrerer Tonstudios eingegangen und am Beispiel des «Transformers: Ära des Untergangs»-Scores erläutert Steven Jablonsky, wie wichtig ihm die Abmischung während der Postproduktion ist. Regisseur Matt Schrader streut ganz zeitökonomisch diese Anmerkungen, Feststellungen und Beobachtungen rein assoziativ rund um den roten Faden über die historische Entwicklung der Filmmusik – und nimmt sein Publikum nicht etwa an die Hand, indem er erklärt, weshalb dies oder jenes wichtig, beeindruckend oder ungewöhnlich ist. «Score – Eine Geschichte der Filmmusik» verfolgt teils den "Fliege an der Wand"-Stil und beobachtet unkommentiert Komponisten bei der Arbeit, teils den "Experten geben ihre Meinung kund"-Pfad, und verzichtet auf eine einordnende Erzählerfunktion.

Um aus dem Nichts ein Feuer des Interesses für Filmmusik zu entfachen, ist diese Dokumentation daher vielleicht einen kleinen Deut zu fachspezifisch. Filmbegeisterte, die bereits ein offenes Ohr für Filmmusik sowie Anekdoten rund um sie herum haben, werden hier hingegen zweifelsohne bedient, und finden auch gerade wegen dieser Herangehensweise neue Anreize, noch tiefer in die Materie zu gehen.

So komprimiert Schrader im roten Faden seiner Dokumentation die Wandlung der Filmmusik von Kinoorgeln zur Stummfilmzeit hin zu früher, sinfonischer Orchestermusik, weg zu jazzigen Kompositionen, zurück zum Orchester, hin zum elektronisch-experimentellen Klang, der heute zumeist Aufsehen erregt und nennt für jeden "Evolutionsschritt" ein paar Beispiele, die von Experten und Branchenmitgliedern kommentiert werden. Das weckt zwangsweise Lust darauf, selber auf Entdeckungsreise zu gehen und (erstmals oder nun mit geschärftem Ohr für diese Wandlung) einflussreiche Scores zurückliegender Jahrzehnte gegenüberzustellen.

Und all jene, die durch «Score – Eine Geschichte der Filmmusik» Interesse daran bekommen haben, noch mehr über die in der Dokumentation gezeigten Komponisten zu erfahren, über ihre Sicht auf Kollegen und ihre verschiedenen Arbeitseinstellungen, werden glücklicherweise ebenfalls von Schrader bedient: Schrader stellt auf der offiziellen Filmwebseite neben der DVD und Blu-ray der Dokumentation auch ein in die Tiefe gehendes Begleitbuch sowie eine DVD mit insgesamt sechs Stunden an Interviewmaterial zum Verkauf. Wer also nach «Score – Eine Geschichte der Filmmusik» tiefer graben möchte, kann direkt bei Schraders Arbeit bleiben.
08.01.2018 12:10 Uhr Kurz-URL: qmde.de/98234
Sidney Schering

super
schade


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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Nr27
08.01.2018 21:09 Uhr 1
Ehrlich gesagt finde ich, daß der Versuch, zwei Themen - Geschichte der Filmmusik und Arbeitsweise der (vor allem heutigen) Filmmusiker - in einen 90-Minuten-Film zu pressen, nur bedingt geglückt ist. Natürlich ist das für Interessierte unterhaltsam und teils auch informativ mitanzuschauen, aber richtig in die Tiefe geht es eben nie - wobei ich persönlich auch noch einen anderen Schwerpunkt gesetzt hätte, denn die Entwicklung der Filmmusik nahm für mich mit gefühlt maximal 30% einen viel zu geringen, zudem arg hollywoodlastigen Raum ein (wichtige Europäer oder Europäischstämmige wie Dimitri Tiomkin, Erich Wolfgang Korngold, Vangelis, Basil Poledouris oder Maurice Jarre wurden ja nicht mal erwähnt!).

Schade, da wäre definitiv noch mehr drin gewesen - aber vielleicht macht Schrader aus seinem Material ja irgendwann mal einen TV-Mehrteiler, der dann hierzulande bei Arte läuft. :)
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