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Als Journalist in Paris: Stadt der Liebe, Stadt des Terrors

2017 – Ihre Wahl: Ellis Fröder leitet das ARD-Studio in Paris. Sie lernte die Stadt in einer Zeit kennen, in der Frankreich vom Terror erschüttert wurde. Von ihrer Arbeit in der französischen Hauptstadt.

Kurzfragen an Ellis Fröder

1. Wissen Sie schon, wen Sie im Herbst wählen werden oder müssen Sie sich erst noch entscheiden? Ja.
2. Wen würden Sie gerne einmal interviewen - und was würden Sie ihn fragen? Macron. Frage: Woher er seinen unglaublichen Optimismus und seine Zuversicht nimmt.
3. Wie können Sie als Journalist gegen Politik-Verdrossenheit vorgehen? Durch guten, relevanten Journalismus. Gut aufbereitet, so dass man Lust aufs Thema bekommt. Die Franzosen können so herrlich streiten und sich die Köpfe heiß reden. Das würde und Deutschen auch gut tun. Nicht bierernst, sondern engagiert und leidenschaftlich.
4. Haben Sie jemals überlegt, selbst in die Politik zu gehen? Nein. Ich bin und bleibe Journalistin. Also schließt sich das aus.
5. Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag lang Bundeskanzler wären? Ganz normal arbeiten.
„Paris, je t’aime“ – es ist die Stadt der Liebe, der Liebenden und derjenigen, die sich innerhalb kürzester Zeit in sie verlieben. Doch der Ort, der wie kaum ein zweiter mit besagter Liebe, mit Kultur und Essen verbunden wird, musste sich in der jüngeren Vergangenheit großen Herausforderungen stellen. Solchen, die man keiner Stadt wünscht. Schon im Januar 2015 wurde Paris mit dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo zum Ort des Terrors, spätestens mit weiteren, noch schrecklicheren Taten im Herbst des gleichen Jahres zum Ort der kollektiven Trauer. Die Geschehnisse hinterließen Spuren im französischen Lebensgefühl, das man doch sonst mit Philantropie und Lebensgenuss verbindet. Die neu eingekehrte Angst, die gestreuten Zweifel am bisherigen Selbstverständnis machten sich 2017 Rechtspopulisten im Zuge der französischen Präsidentschaftswahl zunutze.

Kurzum: Es gab in den vergangenen Jahren viel aus der französischen Hauptstadt zu berichten– für Zeitungen, Online-Medien, das Fernsehen. Für die Öffentlich-Rechtlichen, die ARD und Ellis Fröder, Leiterin des ARD-Studios in Paris. Über ein Volontariat beim SWR, Stationen bei HR und WDR 2, wo sie ab 1992 als Moderatorin und freie Redakteurin des Morgenmagazins fungierte und 2000 zur stellvertretenden Leiterin der WDR-Programmgruppe ‚Zeitgeschehen aktuell‘ aufstieg, dort für «Tagesschau» und «Tagesthemen» verantwortlich war, übernahm sie ab 2008 die Redaktionsleitung des ARD-Presseclubs, ehe es 2012 nach Paris ging.

Arbeit in der ARD-WG, Joggen um den Eiffelturm


Im deutschen Nachbarland fand Fröder ein neues Arbeitsumfeld vor: „In den anderen Rundfunkanstalten, besonders im WDR, habe ich in großen Häusern gearbeitet. Die Redaktion konnte immer auf viele Produktionsmitarbeiter zurückgreifen, die im Notfall einspringen konnten“, erzählt Ellis Fröder. In Paris sei das anders. „Wir sind ein verhältnismäßig kleines Studio mit zwei Korrespondenten, zwei Cutterinnen, zwei Technikern und einem Kameramann“, schildert die gebürtige Mainzerin. Fehlt jemand, müsse der andere schnell Überstunden machen und man sei viel mehr aufeinander angewiesen, als in einem großen Haus. Alles stressiger also? Nicht für Ellis Fröder – das mache doch den Reiz aus. „Wir sind wie eine zufällig zusammengestellte Wohngemeinschaft, die weiß, dass sie sich aufeinander verlassen kann.“

Dass sich die WDR-Journalistin sichtlich wohl fühlt in Paris, merkt man ihr an. Auf der WDR-Website berichtet sie von ihrem Alltag in der europäischen Metropole. Joggen um den Eiffelturm, bummeln am schönsten Markt von ganz Paris, Hintergrundgespräch beim Lunch, zum Kaffee in St. Germain. „Da gab es nicht viel zu überlegen“, antwortet Fröder auf die Frage, wie ihre Entscheidung für die Leitung des Pariser Studios verlief. Die Arbeit im Ausland war ihr schon zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht fremd. „Ich hatte in den vergangenen 15 Jahren regelmäßig Vertretungen im Ausland gemacht. Vor allem in Moskau, aber auch in Washington und New York. Als die Anfrage für Paris kam, passte alles. Der Zeitpunkt, die Stadt. Ich habe sofort ja gesagt“, blickt Fröder zurück.

Paris ist jedoch längst nicht nur pure Lebensfreude. Stimmung und Lage verschlechterten sich unter der Regierung der Sozialisten deutlich, das erlebte Fröder in den vergangenen Jahren hautnah mit. Diese Situation greifbar zu machen, erfordert Erfahrung, die Fröder zum Dienstantritt 2012 bereits mitbrachte. „Durch meine früheren Vertretungen wusste ich, wie die Arbeit in einem Auslandsstudio aussieht. Ich hatte immer in politischen Redaktionen gearbeitet, das aktuelle Arbeiten ist mir vertraut. Insofern war es eigentlich nur ein neues Land mit neuen politischen Akteuren“, so Fröder. „Aber dann kamen die Terroranschläge und alles war anders. Das war die wohl einschneidendste berufliche Erfahrung, die ich gemacht habe.“

Arbeit im Zeichen des Terrors


ARD-Stationen Ellis Fröders

  • 1984-1985: Volontariat bei Südwestfunk
  • 1985-1987: Redakteurin Hessischer Rundfunk
  • 1987-1988: Redakteurin Südwestfunk
  • 1988-1992: Moderatorin, freie Redakteurin Westdeutscher Rundfunk, WDR 2 Morgenmagazin; RIAS 2 Berlin
  • 1993-2000: CvD, Planerin ARD Morgenmagazin, WDR
  • 2000-2012: Redakteurin, stv.Programmgruppenleiterin PG Zeitgeschehen aktuell, Tagesschau/Tagesthemen
  • seit 2008: Redaktionsleiterin ARD Presseclub
So erwartete Ellis Fröder im Herbst 2015 eine neue Herausforderung ungeahnter Größenordnung – und fast ganz Deutschland schaute zu, als sie an diesem Abend in einer «Tagesschau»-Sondersendung vor die Kameras trat und versuchte, die Fragen von Moderatorin Susanne Daubner nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Einige Beobachter kritisierten die ARD-Berichterstattung im Nachhinein. Zu wenige gesicherte Informationen mit heißer Nadel gestrickt, sogar von einer gewissen Hilflosigkeit war die Rede. Nicht wenige sahen in den Kritikpunkten an der ARD jedoch auch eine unerfüllbare Anspruchshaltung. „Wir haben unsere Arbeit gemacht und berichtet so gut wir es konnten. Wir waren in unseren Einschätzungen und Bewertungen immer sehr vorsichtig, haben meist den Konjunktiv benutzt. Das gilt auch für die Berichterstattung der Terrormorde am 13. November“, schildert Fröder ihre Sicht der Dinge.

„Mein Kollege Mathias Werth ist mit unserem Team nachts sofort zum Anschlagsort rausgefahren, ich habe die Berichterstattung live aus dem Studio gemacht. Das Bedürfnis nach Informationen ist an solchen Tagen extrem groß, wir haben manchmal geschaltet, auch wenn es keine neuen Informationen gab“, fasst die WDR-Frau den für Frankreich prägenden Abend aus ARD-Sicht zusammen. Eine gewisse Redundanz sei nach Ansicht Fröders in diesen Situationen gerechtfertigt, weil es in gewisser Weise für die Zuschauer auch zur Verarbeitung beitrage.

Ihre Arbeit in Frankreich, das kann Fröder jetzt schon sagen, steht zu großen Teilen im Zeichen dieser Terroranschläge: „Sie haben das Land und die Franzosen in ihren Grundfesten erschüttert. Hier herrscht immer noch der Ausnahmezustand, Militär und Polizei sind allgegenwärtig. Auf meiner Jogging-Strecke patrouillieren regelmäßig Militärs. Daran habe ich mich gewöhnt. Würde ich eine solche Szene in einem Film sehen, wäre ich entsetzt und würde denken: Wie kann man da joggen, wenn schwerbewaffnete Militärs herumlaufen?“


Über den richtigen Umgang mit Rechtspopulisten


Der Terror in Europa rief schließlich auch in Frankreich Rechtspopulisten auf den Plan, die die Geschehnisse für ihre Ziele instrumentalisierten. Bis zuletzt konnten Populisten in der Politik der jüngeren Vergangenheit auf große Erfolge verweisen. Auf die Entscheidung für einen Brexit zum Beispiel oder auf den US-Präsidenten Donald Trump. Während Medien im Umgang mit diesen Akteuren teilweise fahrlässige Arroganz vorgeworfen wurde, weil diese im Vorfeld häufig nicht als ernsthafte Option betrachtet wurden, sah Ellis Fröder diese Gefahr bei der französischen Präsidentschaftswahl um die lange Zeit aussichtsreiche Marine Le Pen nicht. Immer wieder habe man in den letzten Jahren beim rechtsextremen Front National gedreht, Berichte gemacht oder sich vor Ort einen Eindruck verschafft, berichtet Fröder.

„Uns war klar, dass diese Partei, gerade in den entindustrialisierten Gebieten im Norden und Osten des Landes, sehr gute Chancen hat. Es war teilweise erschreckend mitanzusehen, wie sehr diese Menschen, die oft hoffnungslos waren, den Lügen und den Versprechungen der Rechtsextremen geglaubt haben. Dadurch, dass wir das Thema immer eng beobachtet haben, wussten wir, dass die Rechtsextremen eine ernstzunehmende Gefahr darstellen“, erzählt die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin. Ihrer Ansicht nach unterliegen die Maßgaben zur Berichterstattung über populistische Akteure daher journalistischen Ansprüchen, die sie ohnehin an ihre Arbeit stellt, „darunter ordentliche Recherche, selbst vor Ort sein und die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden“.

Die Populisten – ob Donald Trump, der Niederländer Geert Wilders oder eben Marine Le Pen – ziehen durch ihre häufig kontroversen Aussagen die Medien regelrecht an. Fröder sieht darin eine Gefahr, lenkt die ausschweifende Berichterstattung über die politischen Akteure doch von der eigentlichen Lage im Land ab. „In Deutschland hat man sehr stark auf die rechtsextreme Marine Le Pen geguckt. Die Redaktionen waren fast schon auf Le Pen fokussiert. Da musste man schon etwas Überzeugungsarbeit leisten und darauf aufmerksam machen, dass es auch ein anderes Frankreich gibt“, kommentiert Fröder den Umgang deutscher Medien mit der Präsidentschaftsanwärterin. „Erst als ‚En Marche‘ auch in Deutschland bekannter wurde, haben sich die Redaktionen auch für die vielen jungen Menschen interessiert, die sich plötzlich politisch engagiert haben.“

In eine ruhigere Zukunft?


Durch die Wahl des jungen Parteilosen wird sich auch die Arbeit für Ellis Fröder in den kommenden Jahren verändern, schließlich bedeutet ein neuer französischer Präsident häufig auch eine veränderte Beziehung zwischen Paris und Berlin. „Deutschland und Frankreich werden enger zusammenarbeiten, um die EU umzubauen“, prognostiziert Fröder das zukünftige Verhältnis zu Deutschlands so wichtigem Nachbar. „Macron hat sehr genaue Vorstellungen dazu, Deutschland ist da etwas zögerlicher, vor allem wenn es ums Geld geht. Aber das Verhältnis der beiden Staaten wird enger werden, weil beide sich brauchen und weil Europa beide braucht.“ In Frankreich werde es vor allem um Wirtschaftsreformen gehen und um den Kampf vieler Franzosen dagegen.

Ellis Fröder ist sehr gespannt, wie und ob sich das Land mit dem jungen und optimistischen Emmanuel Macron verändert - zumindest ordentlich Schwung habe er reingebracht. „Die etablierten Parteien sind quasi abgewählt, hier hat eine kleine Revolution stattgefunden. Ich war am Abend seines Wahlsiegs am Louvre und konnte das live miterleben“, erzählt die Journalistin. „Jetzt muss man sehen, ob die Franzosen ihren neuen Präsidenten unterstützen. Man darf nicht vergessen, dass ein Großteil der Franzosen Macron nur gewählt hat, um die rechtsextreme Marine Le Pen zu verhindern. Aber er braucht die Unterstützung seiner Landsleute und auch die Unterstützung Deutschlands.“ Sollte dadurch endlich wieder mehr Ruhe und Zufriedenheit in Frankreich einkehren, wünscht man diese Zukunft Frankreich von ganzen Herzen. Dann könnten sich die Franzosen wieder öfter mit den schönen Dingen des Lebens befassen – Liebe, Kultur, Essen. Auch Ellis Fröders Lauf um den Eiffelturm wäre wieder unbeschwerter.


02.06.2017 18:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/93547
Timo Nöthling

super
schade


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Tagesschau Tagesthemen

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