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«It's Showtime»: Hochwertiges Feiglings-TV mit deutlichen Längen

So recht weiß man nach der Auftaktfolge der neuen Sat.1-Primetimeshow nicht, was man ihr wünschen soll: Einen Erfolg für die guten Künstler und sympathische Jury oder einen Misserfolg für das abgegriffene Konzept, das man sehr ähnlich schon dutzende Male gesehen hat. Nach seinem jüngsten Flop muss der Sender jedenfalls liefern.

Quoten der Sat.1-Sonntagsshows

  • «The Voice» (17 Folgen): 19,2%
  • «Duell der Stars» (4 F.): 6,1%
  • «The Voice Kids» (8 F.): 11,9%
  • «Little Big Stars» (3 F.): 6,7%
Durchschnittliche Marktanteile aller Folgen bei den 14- bis 49-Jährigen.
In der Chefetage von Sat.1 dürfte man in diesen Zeiten glücklicher denn je darüber sein, das «The Voice»-Franchise auf seiner Seite zu wissen. Und das nicht nur aus dem Grund, dass die Casting-Show sowie ihr «Kids»-Ableger auch nach Jahren noch immer für Topwerte beim Publikum zu haben ist, sondern auch, weil dank dieser Marke der noch relativ frische Show-Sonntag alles in allem noch immer als Erfolg durchgeht - und das, obwohl es auch nach einem guten halben Jahr noch immer nicht gelungen ist, auch nur einen einzigen wirklich frischen Hit zu installieren. Was den neuesten Hoffnungsträger «It's Showtime» anbetrifft, wird man in den kommenden Wochen aber wohl die eine oder andere bittere Pille zu schlucken haben. Das Kernproblem ähnelt jenem des Januar-Flops «Duell der Stars»: Die Show ist unterhaltsam, die Protagonisten sehr ordentlich - aber letztlich mieft das dargebotene Gesamtpaket wieder einmal viel zu stark nach langweiliger, am Reißbrett entworfener Konvention.

In der mit mehr als drei Stunden durchaus abendfüllenden Sendung von RedSeven Entertainment treten jeweils drei Künstler in verschiedenen Kategorien (etwa Artisten, Sänger, Magier oder Tänzer) gegeneinander an und müssen im ersten Schritt die dreiköpfige, mit Michelle Hunziker, Michael "Bully" Herbig und Sasha durchaus hochkarätig besetzte Jury von ihrem Können überzeugen. Jeweils ein Vertreter jeder Kategorie kommt dann ins finale Voting, in dem das Studiopublikum über den Gesamtsieger der Folge bestimmt und ihn um 25.000 Euro reicher nach Hause schickt.


Sowas gab es noch nie - sagt man selbst (mal wieder)


Wer sich angesichts dieser Beschreibung eine weitere Talentshow vorstellt, in der ein Act nach dem anderen vorgestellt wird, auf die Bühne tritt, von der Jury beurteilt wird und anschließend von weiteren Künstlern abgelöst wird, bei denen das Vorgehen exakt identisch abläuft, der... hat schon ganz gut erfasst, was er dort zur besten Sendezeit geboten bekommt. Eine total austauschbare Sendung nämlich, die zu allem Überfluss auch noch einen nahezu absurden Feuereifer dabei an den Tag legt, sich selbst als völlig neu und innovativ zu bezeichnen. Es ist geradezu paradox, was im TV-Zuschauer vorgeht, wenn Sasha bei der x-ten Show, an der er binnen weniger Monate partizipiert, zum x-ten Mal einleitend behauptet, sich "nicht daran erinnern" zu können, "dass es so etwas schon einmal im deutschen Fernsehen gab". Ein Satz, der dermaßen abgegriffen tönt, dass sich durch ihn alleine schon finanzielle Nöte hunderttausender Menschen beseitigen ließe, gäbe es eine verpflichtende Phrasenabgabe für einfallslose Fernsehmacher.

Im Verlauf der Show ist man dann ein wenig hin- und hergerissen: Auf der einen Seite spricht eine gute Selektion der auftretenden Künstler für sie, da sie zwar auch nichts wirklich Neues darbieten, es aber immerhin auf einem durchgehend hohen Niveau tun. Die Jury hat sichtlich Freude an ihrer Arbeit und weiß dank ihrer jahrelangen TV-Erfahrung auch, diesen Spaß ans Publikum weiterzugeben. Die Moderation von Annemarie und Wayne Carpendale ist unspektakulär, aber kaum peinlich oder anstrengend. Und die Idee, am Ende des Abends bereits einen festen Sieger zu haben, der sich über einen saftigen Geldsegen freuen kann, ist auch charmanter als die künstlichen Bemühungen einiger Konkurrenten, irgendeinen Pseudo-Wettbewerb über Wochen aufbauen zu wollen, obwohl der Zuschauer nachweislich ohnehin nur noch wenig Interesse daran besitzt, irgendeinen Super-Irgendwas gefühlte Ewigkeiten zu begleiten.

Anderseits zieht sich der abendliche Wettbewerb in gleich vier Kategorien mit der Zeit wie Kaugummi, da der Ablauf streng und zu jeder Zeit vorhersehbar nach Schema F geregelt ist und über die Auftritte der Kandidaten hinweg kaum etwas vorhanden ist, was das Interesse des Betrachters weckt. Die Juroren sind zwar sehr telegen und unterhaltend, degradieren ihre eigene Lobhudelei aber zugleich auch mit viel zu hohen Wertungen zur belanglosen Obligatorik, wenn schon eine 8/10 für ein enttäuschtes Künstlergesicht sorgt, da sonst ohnehin nur am laufenden Band Höchstnoten vergeben werden. Hier mangelt es schlichtweg an Differenzierung zwischen guten und wirklich herausragenden Auftritten, da Sasha, Hunziker und Bully erkennbar alles toll finden wollen - und damit letztlich doch irgendwie gar nichts sagen.

Wie hat euch der Auftakt von «It's Showtime» gefallen?
Sehr gut, ich freue mich schon auf die weiteren Folgen.
22,7%
War in Ordnung, da kann man zumindest mal reinschauen.
30,9%
Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
20,4%
Habe es (noch) nicht gesehen.
26,1%


Die Verzweiflung des ewigen Sat.1-Déjà-vus


Umso mehr sagt dann am Ende des Abends der Umstand aus, dass ein Auftritt den Abend gewinnt, der zuvor bereits beim «Supertalent» aufgetreten war. Letztlich ist das, was «It's Showtime» hier als neueste Wunderwaffe präsentieren will, nichts weiter als hochwertig dekorierte Konserve von ideenlosen Produzenten, die Konzept, Personal, Auftritte und Hintergrundmusik zusammenstibitzt haben und unter neuem Titel an den Konsumenten bringen wollen. Das ist reichlich trist für den hart umkämpften Sonntagabend, trägt seine wieder einmal viel zu üppig bemessene Sendezeit bis 23:30 Uhr nicht in Ansätzen und bringt den kritischen Beobachter fast schon zur Verzweiflung - nicht, weil das gezeigte Material so unterirdisch schlecht ist, sondern weil dieser Sender schlichtweg immer wieder die gleichen Fehler zu begehen scheint.

Um bei einem aktuellen Vergleichsfall zu bleiben, könnte man das Verhalten von Thomas Schreiber und seinem NDR-Team bei der deutschen Songauswahl für den «ESC» zu Rate ziehen: Nachdem das Rezept, eine junge Frau mit einem nett-beliebigen Popsong auf die große europäische Bühne zu schicken, zweimal gnadenlos nach hinten losging, bot man dem Publikum diesmal beim Vorentscheid eine so schwache Vorauswahl an, dass es automatisch auf eine junge Frau mit nett-beliebigem Popsong hinauslaufen musste - um sich nach dem erwartbaren neuerlichen Desaster betont überrascht und enttäuscht zu geben. Sat.1 wiederum bietet nach einer qualitativ ordentlichen Spielshow, die aber in der schieren Angebotsmasse in diesem Genre nur wie die x-te Reproduktion des Altbekannten wirkte, eine qualitativ ordentliche Talentshow an, die aber ebenso altbekannt daherkommt und darüber hinaus an massiver Überlänge leidet. Nach einer Talentshow übrigens, die nach dem Schnitt-Desaster aus den Untiefen der Fernsehhölle schon nach einer Folge massive negative PR hervorrief. Es wäre keine Überraschung, müsste man sich in wenigen Stunden wieder überrascht und enttäuscht geben, sobald die Quoten vom Sonntag vorliegen.

Geplant hat Sat.1 indes übrigens fünf weitere Folgen von «It's Showtime», die ebenfalls sonntagabends um 20:15 Uhr auf Sendung gehen und bis weit nach 23 Uhr dauern sollen.
15.05.2017 00:55 Uhr Kurz-URL: qmde.de/93127
Manuel Nunez Sanchez

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Duell der Stars ESC It's Showtime Kids Supertalent The Voice


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