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Amazons «I Love Dick»: Wer will schon einen Macho?

Was passiert, wenn sich eine aufgeklärte Filmemacherin in einen rücksichtslosen Macho verliebt? Die neue Amazon-Serie «I Love Dick» geht auf Identitätssuche, ist Beziehungsratgeber und Anti-Statement. Wir haben reingeschaut.

Cast und Crew «I Love Dick»

  • Idee: Sarah Gubbins, Jill Soloway
  • basiert auf dem Buch von Chris Kraus
  • Darsteller: Kathryn Hahn, Kevin Bacon, Griffin Dunne, Roberta Colindrez, India Menuez
  • Regie: Andrea Arnold, Jill Soloway u.a.
  • Drehbuch: Sarah Gubbins, Chris Kraus, Jill Soloway u.a.
  • Produktion: Amazon Studios, Topple Productions
  • Folgen: 8 (je ca. 30 Min.)
Er raucht, trinkt Whisky, ist schlecht angezogen, trägt Cowboyhut, verkörpert den selbstbewussten Macho. Er redet kaum, und wenn er mal redet, ist er anmaßend und schonungslos. „I’m post idea“, sagt er einmal, als über Kunst und ihre neuen Einflüsse diskutiert wird und er gesteht, seit zehn Jahren kein Buch mehr gelesen zu haben. Sein Name: Dick. Die Mehrdeutigkeit ist im Namen festgehalten. Dick ist Kulturtheoretiker. Und entfacht die Begierde der New Yorker Filmemacherin Chris, die eins Tages im amerikanischen Wüstenstädtchen Marfa absteigt. „What the f— is post idea?“ fragt sie hysterisch beim Gespräch mit Dick. In diesen Momenten wird sie vor Verlangen wahnsinnig. Viel Handlung gibt es in der Serie nicht, immer wieder nur Gespräche und Begegnungen. Dialog über Plot nennt man dieses Konzept, das bei amerikanischen Autoren derzeit beliebt ist.

Irgendwann fällt einem dieser Gegensatz auf, der doch eigentlich in jeder Szene offensichtlich ist: auf der einen Seite der authentisch Dick, auf der anderen Seite die Charaktere, die mehr oder weniger unsicher durchs Leben spazieren, die noch auf der Suche nach ihrer eigenen Authentizität sind, die sich affektiert produzieren, um ihr Ich mit Inhalt zu füllen. Bei Chris ist dies der Arthouse-Film, den sie für ein Festival in Venedig einreicht und der dort für eine Vorführung abgelehnt wird. Der Film – wir sehen daraus ein paar Szenen – strotzt vor gemachter Überhöhung, er riecht zu sehr nach Kunst in seinen stillen Schwarzweiß-Einstellungen. Er bemüht sich zu sehr. Dies projiziert sich auf die Figur Chris, die nicht weiß, was sie will und wer sie ist. Und die in Dick einen Mann erkennt, der genau das Gegenteil ihrer Identität ist, unzweideutig und berechenbar, prinzipienhaft, erwachsen. Dieser Macho weckt die Begierde der Suchenden.

Und damit liest sich die Serie ganz oberflächlich wie ein Statement gegen die aufgeklärte Frau und die moderne Liebe. Wider besseren Wissens brennt ihre Leidenschaft eben doch für diesen eigentlich antiquierten Typ Mann, und nicht für den verständnis- und rücksichtsvollen good guy, der nicht versucht anzuecken. «I Love Dick» könnte man aber umgekehrt interpretieren. Denn Dick ist nur eine Projektionsfläche für Chris: Sie steigert ihre Leidenschaft in eine krankhafte Begierde, schreibt Briefe an ihn, die sie über ihrem Bett aufhängt, schreit seinen Namen beim Sex mit ihrem Mann. Dieses Verlangen entfacht sogar zeitweise neues Feuer in ihrer sonst so langweilig auseinandergelebten Ehe. Sie ist die Suchende, und sie weiß, wen sie finden will. In der Serie läuft alles auf die Frage hinaus: Wenn sie Dick endlich bekommt, findet ihre (Sinn-)Suche dann ein Ende? Wird sie dann glücklich?

Die Serie basiert auf einem autobiografischen Buch der Autorin Chris Kraus von 1997; es wurde damals als großer Wurf der modernen feministischen Literatur gefeiert und ist Vorbild für Künstlerinnen wie Lena Dunham («Girls»). Kritiker schreiben, dass die Serie nicht die intellektuelle Gewalt des Buches einfängt, teilweise auch aufgrund der freien Interpretation der Filmemacher: Die Handlung des Romans pendelt zwischen den gegensätzlichen Metropolen New York und Los Angeles, während die Serie den Handlungsort auf ein isoliertes Dorf in der Wüste reduziert. Dies tut allerdings gut: Seit dem Erscheinen des Buches 1997 sind genug Filme und Serien gedreht wurden, die sich mit der Ich-Suche in New York oder L.A. beschäftigen.

Das eigentlich Faszinierende an «I Love Dick» sind aber ohnehin die Figuren. Ihre nuancenvolle Charakterisierung und die wunderbare Gegensätzlichkeit ihrer Identitäten kommt in den zahlreichen starken Dialogszenen zur Geltung. Man denkt über diese Serie nach. Ihre Spannung speist sie anfangs aus dem Balztanz zwischen Chris und Dick. Dies geht auf Kosten der Nebencharaktere, die lange oberflächlich bleiben und wenig zur eigentlichen Geschichte beitragen. Es sind großartige Darstellungen von Kevin Bacon (Dick) mit seiner reduzierten Cowboy-Attitüde und Kathryn Hahn (Chris) mit ihrer aufgeregten Un-Persönlichkeit, die wir hier bewundern dürfen. Die isolierte Wüstenstadt-Atmosphäre, experimentelle Kameraeinstellungen, sie sorgen dafür, dass sich der Fokus auf diese Charaktere reduziert.

«I Love Dick» ist ein starkes Format. Und eine willkommene Abwechslung im etwas ideenarmen Serien-Frühling.
13.05.2017 12:55 Uhr Kurz-URL: qmde.de/93107
Jan Schlüter

super
schade


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