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Etienne Gardé: ‚Die Leute wollen mehr Authentizität und Echtheit‘

Wir sprachen mit dem Mitgründer von Rocket Beans TV über den Deutschen Fernsehpreis, Ratschläge ans klassische Fernsehen und neue Entwicklungen bei Rocket Beans TV.

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Zur Person:

Etienne Gardé wurde am 8. Dezember 1978 in Frankfurt am Main geboren. Seine ersten Schritte als Fernsehmoderator und Redakteur ging Gardé ab dem Jahr 2000 im Rahmen der Videospiel-Sendung «GIGA Games» des Senders GIGA, für die er durch über 3000 Live-Sendungen führte. Von 2009 bis 2011 war er Redakteur und von 2011 bis 2014 Moderator der Computer- und Videospielesendung «Game One». Gardé ist Mitbegründer der Medienproduktionsfirma Rocket Beans Entertainment GmbH und Moderator bei deren Sender Rocket Beans TV.
Herr Gardé, kurz vor dem Start von Rocket Beans TV im Januar 2015 hatte MTV Ihre Sendung «Game One» gerade eingestellt und Sie haben den riskanten Versuch unternommen, einen nicht rentablen YouTube-Kanal in Deutschlands ersten 24-stündigen Online-Sender zu verwandeln, der zunächst zu großen Teilen über Spenden Ihrer Fans finanziert wurde. Was würden Sie dem Etienne Gardé von damals mit auf den Weg geben?
(lacht) Ich würde sagen: Entspann dich, alles wird gut! Aber das ist mit dem Wissen von heute leicht gesagt, denn damals bestand ein großes Risiko, gepaart mit einer großen Unsicherheit, Existenzängsten und 1000 Fragezeichen. Wir haben uns damals schon gefragt, was das genau eigentlich werden wird. Es ist ja nicht so, dass wir geplant hatten, innerhalb von drei Monaten 30 Mitarbeiter mehr zu haben oder dass wir auf eine genaue Vorstellung unserer Website hinarbeiteten. Wir haben einfach versucht, 24 Stunden irgendwie Content zu produzieren und dann geschaut, wie weit wir kommen. Dass das dann so eine große Geschichte wird, hat wirklich niemand gedacht. Wir können es uns auch heute noch nicht richtig erklären (lacht). Wir haben immer noch große Angst, dass uns jemand auf die Schliche kommt und sagt: ‚Moment mal, Ihr seid ja gar nicht so geil!“, oder etwas in der Richtung.

Gerade die finanzielle Unterstützung, die die Community zu Beginn aufbrachte, war essenziell dafür, dass Sie nun schon seit knapp 27 Monaten senden. Wie erklären Sie sich die außergewöhnliche Community-Bindung? Das klassische Fernsehen leckt sich nach einem solchen Verhältnis zu seinem Publikum sicher die Finger…
Es war tatsächlich gar nicht so sehr das Finanzielle. Klar ist dort auch etwas herumgekommen, aber es war nicht so viel, dass wir daraufhin ein Jahr Planungssicherheit gehabt hätten. Das diente eher als Signalwirkung in einem Ausmaß, dass man sagen konnte, da sind wirklich Leute bereit, Geld in die Hand zu nehmen und uns zu unterstützen. Und das waren ja auch nicht nur Geldangebote, sondern alles Mögliche. Es haben sich Anwälte, Maler, Kartendrucker, Leute aus verschiedensten Professionen gemeldet und ihre Unterstützung angeboten, um uns zu helfen. Diese unfassbare Resonanz gab den Ausschlag dafür, dass wir uns entschlossen haben, das anzunehmen und daraus etwas zu machen.

Wir halten nicht die Fahne in den Wind oder gehen nach dem neuesten Trend, sondern machen das, was wir immer gemacht haben und das mit großer Leidenschaft.
Etienne Gardé
Ich erkläre mir das auch mit dem Werdegang von Simon, Nils, Budi und mir. Ich mache das jetzt zum Beispiel schon seit 17 Jahren und wir sind uns immer treu geblieben in unserer Art und Weise und den Inhalten, die wir gemacht haben. Wenn du ein so großes Durchhaltevermögen aufbringst, dann baust du dir auch eine Zuschauerschaft auf, die ein großes Vertrauen in dich hat, dich kennt, die weiß, was sie von dir kriegt und daher sehr treu ist. Wir halten nicht die Fahne in den Wind oder gehen nach dem neuesten Trend, sondern machen das, was wir immer gemacht haben und das mit großer Leidenschaft. Die Leute merken, dass wir echt und authentisch sind und honorieren es. Zu «GIGA Games»-Zeiten waren außerdem viele unserer Zuschauer noch jung, eventuell im Teenager-Alter. Sie sind mit uns gealtert. Wie bei uns haben sich dadurch ihre Interessen vielleicht ein bisschen verschoben, sie können sich aber noch immer mit uns identifizieren und wollen das auch weiterhin.

Wir sind generell sehr transparent in Bezug auf die Vorgänge, die in unserem Haus ablaufen.
Etienne Gardé über Kooperationen
Mittlerweile refinanziert sich Rocket Beans TV sowieso selbst und schloss dafür auch viele Kooperationen und Partnerschaften mit anderen Unternehmen. Gleichzeitig müssen Sie jedoch aufpassen, die treue Community bei Laune zu halten und so authentisch bleiben, wie Sie es gerade beschrieben haben. Gab es schon Situationen, in denen Sie dadurch in ein moralisches Dilemma geraten sind oder es Proteste der Zuschauer gab? Haben Sie für solche Angelegenheiten eine klare Maßgabe?

Wir sind generell sehr transparent in Bezug auf die Vorgänge, die in unserem Haus ablaufen. Natürlich können wir nicht jede Zahl offenlegen und das wollen wir auch gar nicht, weil wir nicht der Meinung sind, Rechenschaft schuldig zu sein. Aber wir versuchen so transparent zu sein, wie es eben geht und den Leuten immer zu erklären, warum wir Entscheidung treffen. Wer uns kennt, weiß auch, dass es bei uns nicht primär um die Kohle geht. Wir hätten beispielsweise schon früher viel leichter als Influencer Geld verdienen können als 80 oder 90 Leuten eine Festanstellung zu bieten – das kostet ja sehr viel Geld. Uns merkt man trotzdem an, dass wir immer versuchen, Dinge zu machen, hinter denen wir stehen. Je mehr Mitarbeiter man hat, desto schwieriger gestaltet sich das, denn wir haben ihnen gegenüber eine Verantwortung und müssen deshalb auch auf die Wirtschaftlichkeit achten. Diese Wirtschaftlichkeit und unsere Leidenschaft versuchen wir immer so gut es geht miteinander zu vereinbaren.

Es gab noch nie so richtig große Konflikte, weil wir bislang nichts gemacht haben, wofür wir uns schämen müssen. Wir hatten mal eine Kooperation mit RTL II You, wo unser Programm gespiegelt wurde und das zu einer Zeit, zu der RTL II bei unserer Community nicht den allerbesten Ruf genoss. Dann haben wir unseren Zuschauern jedoch klargemacht, dass das für uns eine gute Möglichkeit darstellt, unsere Reichweite zu erhöhen und es selber besser zu machen für einen großen Kunden. Das sind Dinge, bei denen uns keiner einen Vorwurf machen kann.

Ich sehe das so: Bei uns gibt es 24 Stunden am Tag kostenlos Programm, deshalb jammert man auf hohem Niveau, sollte mal irgendwo ein Werbespot oder eine Sendung laufen, die man vielleicht nicht gut findet. Ich kenne auch niemanden, dem beispielsweise jede Sendung auf ProSieben gefällt. Da trifft man als Zuschauer ja auch eine Programmauswahl. Wir können es als Sender mit unseren Entscheidungen nicht allen Leuten Recht machen. Solange wir uns und unserer Philosophie treu bleiben, kann daher gar nicht so viel passieren. Die Leute wissen auch, dass wir am Ende des Tages unser Produkt so sehr lieben, dass wir kein Interesse daran haben, das kaputtzumachen. Größere Shitstorms gab es deshalb bisher nicht, nur weil wir versucht haben, Geld zu verdienen.

Sie haben Rocket Beans TV Anfang 2015 auf Twitch gelauncht, seit Sommer letzten Jahres senden Sie über YouTube. Inwiefern hat sich der Wechsel für Sie ausgezahlt?
Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wir hatten die Idee, dass Twitch als Gaming-Plattform vielleicht nicht die richtige für uns ist, da wir ja nicht nur ein Gaming-Sender sind, sondern auch ein Entertainment-Sender, der viele weitere Themen abdeckt. Unsere Hoffnung war, dass bei YouTube als Branchenprimus mehr Leute auf uns aufmerksam werden als bei Twitch. Das hat sich anfangs in Viewer-Zahlen nicht direkt ausgedrückt, weil es immer schwierig ist, eine Plattform zu wechseln. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und man vergisst oft, wie schwer Leuten dieser Wechsel fallen kann und wie viel Laufkundschaft es auch auf Twitch gab, die einfach mal reingezappt und uns nicht gezielt ausgewählt hat. Deshalb sind die Zahlen am Anfang erstmal gesunken.

Uns haben auch bestimmte Features, die Non-Exklusivität und die Inhaltshoheit bei YouTube besser gefallen.
Etienne Gardé über den Wechsel von Rocket Beans TV zu YouTube
Hinzu kam, dass YouTube in dem Streaming-Segment noch eine komplett neue Plattform darstellte. Wir haben bewusst gesagt, wir ziehen dorthin um und bauen das mit YouTube auf, weil wir auch glauben, dass das in Zukunft wachsen wird. Außerdem haben wir zu dieser Zeit intensiv am Programm gearbeitet, sodass einfach sehr viel in Bewegung war. Darunter hat die Quote erstmal gelitten, dafür stiegen die On Demand-Zahlen in unserer YouTube-Mediathek. Nach der Content-Umstellung und nachdem wir eine große Evaluation mit unserer Community durchgeführt haben, ist es dann auch bei YouTube wieder aufwärtsgegangen. Für uns stellt auch die Verweildauer eine sehr wichtige Maßeinheit dar, denn wir machen ja nicht klassische YouTube-Clips mit einer Länge von drei, vier Minuten, sondern richtige Shows. Dementsprechend gilt bei uns eine andere Währung. Uns ist klar, dass ein dreiminütiger Clip, in dem jemand eine Katze in die Mikrowelle steckt, mehr Klicks zieht als eine einstündige Talk-Show über Retro-Spiele. Insofern interessiert uns auch die Qualität und wie lange Leute bei unseren Formaten zuschauen. Diese Zahlen sind bei YouTube alle gestiegen. Letztendlich gibt es Vor- und Nachteile bei beiden Plattformen. Uns haben auch bestimmte Features, die Non-Exklusivität und die Inhaltshoheit bei YouTube besser gefallen. Unterm Strich war der Wechsel zu YouTube aus vielen Gründen ein wichtiger Schritt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite von Etienne Gardés Erfahrungen auf dem Deutschen Fernsehpreis, was sich das klassische Fernsehen von Rocket Beans TV-Formaten abschauen kann und warum Rocket Beans TV für Medienschaffende so attraktiv ist.
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11.05.2017 11:15 Uhr Kurz-URL: qmde.de/92966
Timo Nöthling

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schade

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Familie Tschiep
11.05.2017 14:59 Uhr 1
Rocket beans ist in die Marktlücke gestoßen, die Viva, giga.tv oder joiz hinterlassen haben, daher resultiert der Erfolg.

Ich bin skeptisch, was die Behauptung angeht, dass die Zuschauer mehr Authentizität und Echtheit wollen, weil dahinter der Irrglaube steht, alles müsste spontan kommen. Eine gute Sendung braucht schon eine gute Vorbereitung, man muss etwas in den Zylinder packen, um es herauszuholen. Was allerdings Phantasie behindert, ist der Gedanke: "Was will das Publikum sehen?"
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