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Die Kritiker: «Viel zu nah»

Corinna Harfouch spielt eine alleinerziehende Mutter, deren Sohn ihr langsam entgleitet. Der Film ist arm an Handlung - und leider auch arm an Inhalt.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Corinna Harfouch als Caro
Simon Jensen als Ben
Peter Lohmeyer als Manni
Philipp Hochmair als Oliver
Gustav Peter Wöhler als Chef
Inga Busch als Evelyn
Marie-Lou Sellem als Nina

Hinter der Kamera:
Produktion: Hessischer Rundfunk
Drehbuch und Regie: Petra K. Wagner
Kamera: Armin Alker
Caro (Corinna Harfouch) und ihr 18-jähriger Sohn Ben (Simon Jensen) leben in augenscheinlich glücklichen Verhältnissen miteinander in Frankfurt. Ben geht zur Schule, Caro ist in leitender Position bei der Frankfurter Polizei beschäftigt.

Doch Caro beginnt eine zunehmende Entfremdung von ihrem Sohn zu spüren. Der Junge kifft viel, hängt mit seltsamen Typen ab, beginnt zu lügen und sich seltsam-einschüchternd zu verhalten. Caros Psyche reagiert mit plötzlichen Panikattacken, die sie vor ihrem Kind und ihren Kollegen rigide geheim hält. Graduell verstärken sich die familiären Schwierigkeiten, bis Caro schließlich guten Grund zu der Annahme hat, dass Ben in die Machenschaften einer schwerkriminellen Räuberbande involviert ist. Was sie freilich in Konflikt mit ihrer Arbeit bringt. Scheinbar nonchalant frisiert sie Datensätze in Computersystemen, hält ihre eigenen Verdachtsüberlegungen geheim, lenkt die Gespräche in Sitzungen weg von Maßnahmen, die ihren Sohn als Straftäter überführen könnten.

Psychisch zahlt sie dafür freilich einen hohen Preis. Sie wird fahrig, hektisch, eine Gefangene ihrer Ängste, kurz: eine Frau, die aus dem Tritt geraten ist, deren Leben entgleitet, vielleicht eine „Frau unter Einfluss“, aber nicht, wie sie sich Cassavetes vorgestellt hat, als Ausgelieferte diffuser psychischer Leiden, sondern als Opfer äußerer Umstände, die jenseits ihrer Kontrolle liegen.

«Viel zu nah» ist ein leiser, ein beobachtender Film, der bei genauer Betrachtung arm an äußerer Handlung ist. Doch daraus entsteht nur punktuell ein psychologisch sinniger und ausreichend komplexer Gesamtzusammenhang. Das hat sowohl inszenatorische als auch narrative Gründe, allen voran: das zu plumpe Spiel mit den Symbolen. In der gutbürgerlichen Frankfurter Siedlung geht ein herrenloser Hund um, der Caro Angst einjagt, und dessen Auftritte gerne in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit den größeren Wendepunkten des Films platziert werden. Zeitlupen sollen in Form alternativer Albtraumszenarien Caros stete Angstzustände illustrieren. Dass sich Ben in einer der ersten Szenen hinter einer ominösen Maske versteckt und mit der Dienstwaffe seiner Mutter herumfuchtelt, ist gleichsam ein wenig subtiler Anklang an seine psychische Undurchsichtigkeit.

Autorin und Regisseurin Petra K. Wagner hat mit «Viel zu nah» freilich eine sehr ambitionierte Arbeit geschaffen. Doch anders als mit ihrem äußerst gelungenen Film «Nie mehr wie immer» läuft sie hier ständig Gefahr, sich an ihrer Ambition zu verheben, und eine Vielzahl ihrer Ansätze endet im Diffusen, Ungreifbaren. Das mag dramaturgisch so gewollt gewesen sein; schließlich bleibt für den Zuschauer wie für Hauptfigur Caro lange Zeit unklar, ob Ben tatsächlich an den ominösen Taten beteiligt ist oder ob seine Mutter sich in einer obskuren, aber wohlbegründeten (!) Wahnvorstellung verheddert. Eine erzählerisch befriedigende Endnote – ganz gleich, ob positiv oder negativ – macht dies aber so gut wie unmöglich.

Wagners – prinzipiell völlig richtiger – Instinkt, von einer Dialogisierung des Innenlebens der Hauptfigur abzusehen, zwingt sie dazu, starke, prägnante Momente zu finden, die Wendepunkte in der Mutter-Sohn-Beziehung darstellen. Geglückt ist ihr die Darstellung des langsamen, graduellen Entgleitens. Doch das lange Schwelen dieses Konflikts bleibt auf Dauer, ähnlich wie die letztendliche Auflösung des Films, unangenehm inhaltsleer, wirkt gekünstelt und manchmal gestelzt. Trotz seines visuellen wie narrativen Bemühens hat uns «Viel zu nah» erstaunlich wenig zu sagen, und vergeudet so sein immenses erzählerisches und künstlerisches Potential.

Das Erste zeigt «Viel zu nah» am Mittwoch, den 15. März um 20.15 Uhr.
14.03.2017 12:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/91797
Julian Miller

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Nie mehr wie immer Viel zu nah


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