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Der Fernsehfriedhof: Monster und Möpse

Christian Richter erinnert an all die Fernsehmomente, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 321: «Hilde’s Wilde Horrorshow» - Der bizarre Sommer des Grauens voll Sex und Gewalt. Typisch RTL der 90er.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer wahren Trash-Perle mit mächtig großen Vorbildern.

«Hilde‘s Wilde Horrorshow» wurde am 26. Juni 1992 bei RTLplus geboren und entstand zu einer Zeit, als sich das deutsche Privatfernsehen immer stärker zähmte und versuchte, verlässlichere Strukturen und markante Referenzpunkte im Programm zu schaffen. Etwa war es im Kinderfernsehen längst üblich, die einzelnen Cartoons zu Programmflächen wie «Konfetti», «Trick 7 oder «Bim Bam Bino» zusammenzufügen. Besonders weit gingen diese Bemühungen beim «Disney Club» oder dem «Li-La-Launebär», wo die Serien zusätzlich mit Spielen und Beiträgen garniert wurden. Parallel dazu schuf man feste Sendeplätze für Filmausstrahlungen und versah diese mit einem gemeinsamen Label – beispielsweise dem berüchtigten «Sat.1 Film Film». Das Ziel hinter all diesen Maßnahmen war es, auch unabhängige und eigenständige Elemente in eine konstante, berechenbare Serialität zu überführen.

Zugleich war RTLplus bestrebt, sein Angebot neu auszurichten und sich vom jahrelang bedienten Schmuddel-Image zu befreien. Diesen Anstrengungen fielen vor allem die Strip-Show «Tutti Frutti» sowie viele Wiederholungen von billigen Sexfilmchen aus den 70er-Jahren zum Opfer. Es hatte sich damit in der Lederhose ausgejodelt. Dadurch wurden wiederum nächtliche Programmplätze frei, die es mit möglichst billigem Inhalt zu füllen galt. Auf der Suche nach geeignetem Material stießen die Verantwortlichen in ihrem Archiv offenbar auf unzählige, bisher nicht gezeigte Horrorfilme und Gruselklassiker, die perfekt für eine nächtliche Verwertung geeignet waren. Dem Trend der voranschreitenden Serialität folgend, war es dafür noch nötig, einen passenden Rahmen zu schaffen, in dem all die Monster und Mörder auf das Publikum losgelassen werden konnten.

Im Gruselkabinett des US-Fernsehens


Gefunden hatte man diesen im amerikanischen Fernsehen, wo die Lokalsender bereits auf eine lange Tradition von wöchentlichen Horrornächten zurückblickten. In diesen präsentierte in der Regel eine skurrile Figur billige Trash-Ware oder sehr alte Produktionen innerhalb einer eigenen Reihe. Dabei stammten viele der gezeigten Filme aus dem sogenannten «Shock Theater» - einer Sammlung von 52 frühen Werken, welche die Universal Studios am Ende der 50er Jahre als Paket billig an TV-Stationen verkauft hatte. Darunter waren solche Meilensteine wie «Dracula» (1931) mit Bela Lugosi, «Frankenstein» (1931) mit Boris Karloff und «Die Mumie» (1932).

Im Laufe der Jahre entstanden durch solche Deals im US-Kabelfernsehen über 60 verschiedene Versionen von Spooky-Filmnächten, die alle ähnlich funktionierten und durch ihre Motive selbst auf Horror-Legenden und Grusel-Klischees verwiesen. Darin luden zwielichtige Gestalten wie Dr. Creep, Baron von Wolfstein, Moira The Banshee, Doktor Goulfinger, Dr. Lucifer, Dr. E. Nicky Witty, Mr. Lobo, Baron Daemon, Professor Anton Griffin oder Count Gore De Vol in ihre geheimen Labore, dunklen Keller oder zerfallenen Villen ein, die jedoch allesamt in Studios errichtet waren und entsprechend unecht wirkten. Zunächst begrüßten sie ihre Zuschauer vor dem Hauptfilm, bevor sie sich vor oder nach den Werbepausen zusätzlich meldeten. Oft waren diese kurzen Ansagen albern oder schlicht mäßig witzige Sketche.

Sinnlichkeit und sinnlose Gewalt


Den Ursprung für all diese kuriosen Filmnächte lieferte ein kalifornischer Kabelsender, der im Jahr 1954 erstmals die exotische „Vampira“ als Ansagerin für seine Archiv-Leichen einsetzte. Kinofans mögen diese eventuell aus Ed Wood’s «Plan 9 From Outer Space» sowie aus Tim Burtons Biografie über jenen Ed Wood kennen. Vampira diente zu Beginn der 80er Jahre auch als Vorbild für „Elvira – The Dark Mistress“, die schnell zur beliebtesten Figur im Zirkus der „TV Horror Hosts“ aufstieg. In «Elvira’s Movie Macabre» zeigte sie wie all ihre Kollegen Horrorstreifen, konzentrierte sich allerdings ausschließlich auf schlechte B-Movies und ließ die Klassiker aus. Ihre Beliebtheit erklärte sich daraus, dass sie anders als die meisten ihrer Kollegen kein männlicher Gruseldoktor war, sondern sich als verführerische Femme Fatal inszenierte, die freizügig angezogen war und unentwegt zweideutige Anspielungen fallen ließ. Sie tat dies aber stets mit großer Selbstironie, wodurch ihre Auftritte trotz aller sexuellen Aufladungen eine gewisse Klasse behielten. Das lag nicht zuletzt an der Darstellerin Cassandra Peterson, welche die Rolle (nicht nur im Brustbereich) hervorragend ausfüllen konnte.

Doch zurück zu RTLplus. Dort wählte man für eine sommerliche Sonderprogrammierung unter all den gruseligen Vorbildern natürlich Elvira und passte ihr Format den eigenen Ansprüchen an. Im Zuge dieser Adaption wurde aus «Elvira’s Movie Macabre» dann «Hilde’s Wilde Horrorshow», wobei der in der deutschen Version wenig erotisch klingende Name Hilde schlicht auf dem Reimschema zu basieren schien. Während Elvira in der Regel auf einem Sofa saß, räkelte sich Hilde lasziv auf einem Bett mit roten Bezügen und goldenen Verzierungen. Und trotzdem gelang es der heimischen Sängerin Christine Oedingen nicht, ihrer Figur eine ähnliche Sinnlichkeit, Erotik und Eleganz zu verleihen. Vielmehr wirkte sie im direkten Vergleich zu Elvira aggressiver, aufgesetzter und billiger. Dies lag nicht zuletzt daran, dass sich Hilde unverkennbar ebenfalls an der «Rocky Horror Picture Show» und insbesondere an Tim Currys Rolle Dr. Frank Furter orientierte. Dafür sorgte schon das Kostüm von Sylvia Bouquet. Diese war zuvor für die Kleider von Hella von Sinnen in «Alles Nichts Oder?!» verantwortlich, benötigte aber für ihre neuen Auftrag nun deutlich weniger Stoff.

Den fehlenden Sex-Appeal vermochte sogar Hildes Strip im Finale nicht zu kompensieren. Eher im Gegenteil, denn gleichzeitig sang sie tatsächlich folgende Zeilen: „Ich mach‘ nen Trip. Wohin? Nach Elba. Macht‘s Euch doch selber.“ Aus diesem Beispiel lässt sich hervorragend ableiten, auf welchem Niveau sich ihre vorgetragenen Texte bewegten, die mit Anzüglichkeiten und schlechten Wortspielen gespickt waren. Kein Wunder, stammten sie doch mit Marie Reiners und Gerhard Schmidt von zwei Autoren, die auch für die Albernheiten in «Alles Nichts Oder?!» sorgten. So kam es, dass Hilde in der Premiere die Grusel-Gestalt Freddy Krueger folgendermaßen ankündigte: "Dieser Typ ist eine Mischung aus Freddy Quinn und Hardy Krüger [...] aber keine Angst, er singt nicht."


Im Unterschied zu den amerikanischen Varianten, in denen in der Regel pro Woche bloß ein Film vorgeführt wurde, gab es bei Hilde stets ein Double-Feature zu genießen, nämlich erst ein relativ aktuelles Splatter-Movie sowie im Anschluss einen jener Klassiker, unter denen sich mit «Frankenstein», «Frankensteins Sohn» und «Dracula» ebenso Werke aus dem «Shock Theater» von Universal befanden. Ein echtes Highlight stellte die Ausstrahlung «Freaks» aus dem Jahr 1932 dar, der in der Horrorshow erstmals eine deutsche Tonspur erhielt. Für noch größeres Aufsehen (auch abseits der Cineasten) sorgten indessen die jüngeren Streifen, unter denen sich heutige Kultfilme wie «Prom Night» (Teil 1 + 3), «Das Böse» (Teil 1 + 2), «Mary Lou» sowie «Die Nacht der reitenden Leichen» inkl. zweier Fortsetzungen befanden. Für einen zusätzlichen Reiz sorgte der Umstand, dass viele der Schocker in ihrer ungeschnittenen Videofassung gezeigt wurden. So war es beispielsweise möglich, dass der erste Teil von «Nightmare – Mörderische Träume» unzensiert zu sehen war.

Etwas hat überlebt...


Zu großen Quotenerfolgen führten die Ausgaben trotzdem nicht. Dazu waren die Filmauswahl zu speziell, der Moderationsstil von Hilde zu steif und die Sendezeit am Freitagabend zwischen Mitternacht und 4:00 Uhr zu fortgeschritten. Dennoch existiert bis heute eine treue Fangemeinde, die nostalgisch auf jenen Sommer des Grauens zurückblickt und sich in entsprechenden Foren nostalgisch darüber austauscht, wie sie durch Hilde zum ersten Mal in Berührung mit dem Genre Horror gekommen sind und wie nachhaltig sie die ungefilterte Gewalt beeindruckt hat. Besonders prägend, weil am häufigsten erwähnt, müssen die Abende mit Freddy Krueger und den reitenden Leichen gewesen sein. Zugleich wird dort flächendeckend bemängelt, dass eine solche Plattform dem heutigen Fernsehen fehlen würde.

Obwohl Hilde am Ende des Sommers 1992 versprach, bald zurückzukehren, erfuhr ihr Gruselkabinett keine Fortsetzung. Zwar zeigte RTL im kommenden Jahr erneut wöchentlich Horrorfilme – diesmal am Mittwochabend - ließ jedoch ein Rahmenprogramm entfallen. So fiel auch dieses schräge Konzept den Professionalisierungsbestrebungen zum Opfer und musste wie viele andere Beispiele industriell-gefertigten Hochglanzformaten weichen. Aber darauf gehen wir an anderer Stelle ausführlicher ein.

«Hilde’s Wilde Horrorshow» wurde am 28. August 1992 beerdigt und erreichte ein Alter von zehn Folgen. Die Show hinterließ die Darstellerin Christine Oedingen, die ihre Figur in die kurzlebige und albernde Quatschsendung «Die Gailtalerin» noch mitnahm. Nachdem sie ihr Kostüm dann am Ende des Jahres endgültig auszog, fiel sie im Fernsehen nicht mehr weiter auf. Anders erging es ihrem Vorbild Elvira, die ihr «Movie Macabre» bereits zweimal (2010 und 2014) reaktivieren durfte. Bis heute zählt ihr Kostüm übrigens zu den beliebtesten Verkleidungen der Amerikanerinnen zu Halloween. Das Konzept, spezielle Filme in eine Reihe einzubetten, griffen derweil Oliver Kalkofe und Peter Rütten erstmals im Jahr 2013 in «Die schlechtesten Filme aller Zeiten» («SchleFaZ») wieder auf, wo sie sehr ähnlich vorgingen, wenngleich sie sich nicht lediglich auf Horror spezialisierten und sich deutlich mehr Zeit nahmen, die einzelnen Szenen auseinanderzunehmen. Mit «Blacula» zeigten sie schon ein Exemplar, das zuvor von Elvira präsentiert wurde.

Möge die Show in Frieden ruhen...oder wie Hilde stets zu sagen pflegte: „Ich wünsche Euch feuchte Laken und ein böses Erwachen.“

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am Donnerstag, den 25. August 2016.
28.07.2016 11:05 Uhr Kurz-URL: qmde.de/87110
Christian Richter

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