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Fliegen wie ein Vogel

Die Kritiker: Gleich zu Beginn darf der Zuschauer beim ZDF-Film «Vertraue mir» mit ansehen, wie jemand aus einem Hochhaus stürzt. Ansonsten geht es allerdings eher ruhig zu.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Julia Koschitz («Ruhm») als Elena, Jürgen Vogel («Die Welle») als Marc, Sascha Alexander Gersak («5 Jahre Leben») als Jochen Steiner, August Zirner («Die Fälscher») als Ahrends, Catherine Bode («R.I.S. – Die Sprache der Toten») als Kommissarin, Nele Kiper («Griechische Küsse») als Sekretärin und andere


Hinter den Kulissen:
Regie: Franziska Meletzky, Buch: Franziska Meletzky und John-H. Karsten nach einer Vorlage von Guy Meredith, Musik: Wolfram de Marco, Kamera: Markus Eckert, Produzenten: Sam Davis und Kim Fatheuer, Produktion: Rowboat Film und Fernsehproduktion

Die Sonne geht auf zwischen Frankfurts Banktürmen. Langsam, entspannt, noch ohne die Hektik des anstehenden Arbeitstags. Fast könnte man meinen es handele sich um ein idyllisches Fleckchen Erde. Die Straßengeräusche ausgeblendet, nur die Spiegelung der Sonnenstrahlen in den Glasfassaden der Gebäude ist sichtbar. Doch die Ruhe trügt. Nicht nur, weil der Arbeitstag kommen wird und mit ihnen Abertausende erfolgsstrebende Banker. Nein, auch weil jemand fällt. Wobei fallen zu wenig ist, die Person fliegt regelrecht aus dem 40. Stock des Bankgebäudes. Wer? Warum? Das ist noch unklar. Und obwohl der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt quasi noch nichts weiß, leistet der ZDF-Film «Vertraue mir» schon hier ganze Arbeit: Die Kamera fängt so spannungsgeladen Details ein, fährt interessante Wege und landet zunächst auf einem Fünfmarkstück, welches mit dem oder der Toten gefallen ist, gibt schließlich erst etwas später den Blick auf die von der Polizei abgesperrte Szenerie frei. Und auch die Stimmung der Produktion wirkt gleich: In der Ruhe liegt hier die Spannung, in der Ruhe wird der Kontrapunkt gesetzt.

Und auch das Milieu kann sich der Zuschauer gleich ausmalen: In der Top-Etage eines Bankhauses ist der Film gefangen, egoistisch und unmoralisch geht es zu. Vertrauen? Sucht man an der Stelle vergeblich. Der Handlungssprung zurück in die Gegenwart zeigt das. So wartet Elena auf ihre Beförderung nach ganz oben, wo sich die ehrgeizige Dame doch schon weit hochgearbeitet hat. Doch ihr Boss Dr. Ahrends scheint etwas im Schilde zu führen. Weil sie aber nicht wirklich dahinter kommt, fragt sie ausgerechnet ihren Ex, mit dem es nicht wirklich friedlich auseinandergegangen ist, um Hilfe – Marc. Marc war mal EDV-Leiter bei der Bank, hat aber auch das Unternehmen im Unfrieden verlassen. Dabei macht es eigentlich den Eindruck, als läge es gar nicht an ihm, der doch eigentlich nur das Beste möchte. Aber vielleicht ist gerade das das Problem, mindestens aber ist es der Grund, warum er seine Ex nicht hängen lässt, sondern unterstützend zur Hilfe eilt. Dass er dafür illegal in die Firma eindringen muss, in der er mittlerweile Hausverbot hat, nimmt Marc dafür in Kauf.

Steckbrief

Frederic Servatius schreibt seit 2013 für Quotenmeter. Dabei ist er zuständig für Rezensionen und Schwerpunktthemen. Wenn er nicht für unser Magazin aktiv ist, arbeitet er im Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder schreibt an seinem Blog. Immer wieder könnt Ihr Frederic auch bei Quotenmeter.FM hören. Bei Twitter ist er als @FredericSrvts zu finden.
Nun klingt das nach der obligatorischen Liebesgeschichte, die vor allem eingepflegt wird, um den Rest der Story nicht so langweilig dastehen zu lassen. Diesen Eindruck macht es auch tatsächlich eine ganze Weile lang. Und schließlich gibt es auch den erneuten Kuss zwischen den beiden Protagonisten, nachdem in Flashbacks mit Schleier überzogen auch immer wieder die schönen Momente zwischen ihnen dargestellt wurden. Doch vor allem die Wendung dieser Teilgeschichte gen Ende hin sorgt dafür, dass die Beziehungskiste nicht so vorhersehbar ausfällt und mehr als nur ein notwendiges Übel ist. Die Darstellung des Bankbosses hingegen gleicht phasenweise Stereotypen: Nicht nur, dass ihm völlig wurscht ist, wer vor seinem Haus den Tod gefunden hat, auch scheint es sonst moralisch einige Schwierigkeiten zu geben, eben jenen denen Marc und Elena auf der Schliche sind. Doch auch bei Dr. Ahrends ist nicht alles so, wie es scheint.

Eine Frage wie ein Brotbelag


Die Haupthandlung des Films spielt dabei in einem einzigen Tag und vor allem der dazugehörigen Nacht sowie dem darauffolgenden Morgen. Für Elena gibt das Zeit genug, ihren Assistenten zu feuern, der eine Mail nicht mehr gelesen hatte, weil er zum Geburtstag seiner Tochter wollte und, um Marc nach seinem Jobverlust zu Fragen. „Warte, warum bist Du gefeuert worden?“, will sie dann in einer Art wissen, in der man auch nach dem Belag des Abendbrots fragen könnte. Dass Marc diese Frage mit dem Auflegen des Telefons goutiert, hat dennoch andere Gründe. Zur Erweiterung der Handlung gibt es immer wieder Flashbacks, gelegentlich auch Blicke in die Zukunft. Beides aber ist oft vor allem eingebaut, um die Intentionen und Motive klarzumachen, trägt aber ansonsten kaum zum filmischen Erlebnis bei.

Doch es gibt sie, die wertvollen Rückblicke: So dürfen wir ansehen, wie Marc seine damals noch Zukünftige amüsant-penetrant anquatscht und seine Boombox auf ihrem Auto platziert, ehe er sie für ein Date erpresst. Doch das meiste Relevante passiert eben vor allem in der einen Nacht, dann wenn Marc sich ins Büro schleicht. Als kritischer Moment droht dann der Wachmann immer und immer wieder die Situation auffliegen zu lassen. Diese Szenen werden mit einer Ruhe dargestellt, die den Zuschauer phasenweise fast zur Weißglut treibt, die aber ohne viel geschehen für eine intensive Situation sorgen. Allein dass der Wachmann offensichtliche Dinge wie schmutzige Fußabdrücke trotz des frisch gewischten Bodens oder den Stillstand der Überwachungskamera zwar als Probleme erkennt, nicht aber sinnvolle Handlungen ergreift, erscheint ein wenig seltsam.

Eine Liebeserklärung in Form einer Hasstirade


Doch auch die Story um den Wachmann hat ihr Interessantes: Einerseits wird klar gemacht, welche Bedeutung Menschen in vergleichbaren Positionen haben und wie wenig Wertschätzung sie oft erfahren. So wird auch der zwiespältige Umgang mit ihnen thematisiert, wenn Elena ihn zur Sau macht und sich gleich darauf entschuldigt (wobei sie beides auch aus strategischen Gründen tut). Überhaupt sehen wir eine Protagonistin, die ein recht wankelmütiger aber dadurch sehr interessanter Charakter zu sein scheint. Ähnlich inkonsistent ist sie nämlich auch im Verhältnis zu Marc: Auf Elenas Frage warum er ihr überhaupt helfen würde, antwortet der mit einer Liebeserklärung in Form einer Hasstirade. Diese wiederum nimmt Elena auf und antwortet selbst positiv.

Schwächer als die sonstigen Gewerke agiert vor allem der Score, der im besten Falle unauffällig nebenher plättschert, in einigen Sequenzen aber auch versucht die Situation zur Handlung passend freizuspielen, was misslingt. In der Aussage gut aber in der Inszenierung daneben ist ferner auch das Finale der Story um Wachmann Steiner. Als dieser zunächst Marc entdeckt und ihn damit konfrontiert, dass hier doch etwas nicht stimmt, meint dieser trocken: „Ein übersichtlicher Gedanke.“ Das ist zwar gut umgesetzt, doch die Intention hat man auch knapp 60 Minuten früher schon verstanden. Ganz klar, der Wachmann ist gutherzig und fleißig aber nicht die hellste Taschenlampe auf den Fluren des Bankhauses. Noch schwächer ist es aber, wenn die Zentrale ihren Mitarbeiter anfunkt: „Sie sollten doch am Platz bleiben. Was ist denn das für ‘ne Versager-Nummer, Steiner?“ heißt es dann mit der Subtilität eines abstürzenden Flugzeugs. Und auch, dass gen Ende absolut überzogene Polizeigewalt dargestellt wird, die offenbar unbestraft bleibt, scheint kein Thema mehr zu sein.

Die eigentliche Kern-Story hält aber noch einen netten Kniff bereit, der vor allem Interpretationsspielraum bietet. So richtig klar ist nur eins: Jeder hätte jedem ein bisschen mehr Vertrauen sollen. Das hätte man sich freilich schon bei der Titelgebung des Films denken können, doch wie vielschichtig die Aussage dann am Ende funktioniert ist keineswegs vorhersehbar. Dass dabei mit Steiner der einzige enttäuscht wird, der wirklich Vertrauen hatte, darf dabei wohl als ironischer Kniff verstanden werden. Wirklich klar ist also eigentlich nur eins: Es lohnt sich, diesen ZDF-Film einzuschalten. Zumindest, wenn sie der dazugehörigen Kritik vertrauen.

«Vertraue mir» läuft am Montag, 6. Juni um 20.15 Uhr im ZDF.
05.06.2016 11:36 Uhr Kurz-URL: qmde.de/85957
Frederic Servatius

super
schade


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Tags

Drama Julia Koschitz Jürgen Vogel Thriller Vertraue mir ZDF Öffentlich-Rechtlich

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
05.06.2016 21:40 Uhr 1
Ich werde mal rein Sehen....
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