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Kirkmans «Outcast» – Der Massenmarkt lehnt verstört ab

Wer glaubte, Robert Kirkman würde sich nach dem Erfolg seiner Zombie-Serien entspannt zurücklehnen und wenig Neues bieten, irrte. Mit «Outcast» zelebriert er einen Abgrund, der vielleicht lieber verschlossen geblieben wäre...

On the first day Bob created the Zombie


Robert Kirkman wurde am 30. November 1978 in Richmond, Kentucky geboren. Seinem Namen verbindet man heute direkt mit dem Erfolg von «The Walking Dead» und der Nachfolgeserie «Fear the Walking Dead». Auf Basis seiner Comic-Reihe erschuf man Serien, die nicht nur Genrefans sondern auch das Massenpublikum fanden. Ein unplanbarer Glückstreffer, der noch heute viele Augenpaare innerhalb der Industrie ungläubig auf die Einschaltquoten blicken lässt.

Doch ist sein Werk natürlich umfassender – neben seiner Arbeit an der ebenfalls erfolgreichen Comic-Reihe «Invincible» (seit 2003) schreibt er unter anderem auch noch für Marvel an «Ultimate X-Men» und «Marvel Zombies».

A Darkness surrounds him - indeed


Mit «Outcast» setzt der Sender Cinemax nun einen Stoff um, der in Comic-Form erst seit 2014 auf dem Markt ist und in den USA bisher auf 18 Ausgaben kommt. Die Produktion der Serie begann sogar schon, bevor der erste Comic das Licht der Welt erblickte. Große Vorschusslorbeeren, die sich auch damit fortsetzten, dass Cinemax die Serie für eine zweite Staffel verlängerte, noch bevor man überhaupt etwas zu sehen bekam.

Eines ist dem Zuschauer nach Ansicht der Eröffnungssequenz in jedem Fall: Übel. Zuerst zerquetscht ein kleiner Junge ein Insekt mit dem Schädel, wankt dann blutverschmiert die Treppe seines Wohnhauses hinunter, wo die Mutter sich mit der älteren Schwester streitet, nur um kurz darauf von seiner Erziehungsberechtigten ertappt zu werden, wie er leider keine Chips knuspert, sondern dabei ist, sich das Fleisch von den Fingern zu nagen. Autsch.

Somit ist schon nach nur 3 Minuten klar: Ja, Robert Kirkman kann durchaus noch härter als in «The Walking Dead». Ob man so etwas in letzter Konsequenz jedoch auch sehen möchte, muss erst noch geklärt werden.

I got something on my mind


Wir befinden uns in Rome, West Virginia - einer tristen und grauen Kleinstadt im Nirgendwo der USA, geprägt von heruntergekommenen Bauwerken und für uns Zuschauer treffend unterlegt mit feinstem Country. Hier lernen wir erst einmal die Crème de la Crème des Ortes kennen: Polizeichef, Feuerwehrchef und Priester gemeinsam beim Pokern. Doch unterbricht der Hilferuf der besorgten Mutter das Spiel - schade, fast hätte man die verstörende Eröffnung der Episode erfolgreich verdrängen können.

Szenenwechsel: Wir lernen einen jungen Mann namens Kyle Barnes kennen, der ein I Want to Believe-Poster an der Wand hängen und zudem eindeutig ebenfalls ein Problem hat - neben seinem Hang zur Unordnung. In seinem Traum erleben wir eine junge Frau, vermutlich seine Freundin, mit der es sicherlich noch etwas auf sich haben wird. Wie es scheint hat es aber auch mit seinem Haus an sich eine Bewandnis - in einer Rückblende sehen wir Kyle, wie er als Junge von seiner offenkundig wahnhaften Mutter in der Küche besucht und an den Haaren brutal in die Speisekammer geschleift wird. Gesunde Mutter-Kind-Verhältnisse sollte man in dieser Serie offenbar lieber nicht mehr erwarten.

Doch macht Kyle Barnes diese eigene traumatische Kindheit unter Umständen auch zu einer Art Experten für die Probleme anderer Menschen. Beim Einkaufen mit seiner besorgten Schwester Megan erfährt er per Dorftratsch vom Schicksal des Jungen Joshua. Bei diesem versucht Reverend Anderson zeitgleich eine kleine Austreibung des Bösen - ohne allzu großen Erfolg. In einer weiteren äußerst verstörenden Szene im Halbdunkel des Austin-Hauses spielt sich der kleine Gabriel Bateman alias Joshua in seinen nächsten Rausch, bricht seiner hilflosen Mutter die Nase, schwebt über seinem Bett und befördert den Weihwasser werfenden Geistlichen quer durch den Raum. Der treibende Beat gibt der Szene den Rest. Aufwühlend wäre wohl untertrieben.

I don't believe you're gonna run


Gesunde Vater-Tochter-Beziehungen scheinen nebenbei auch Mangelware zu sein - durch einen schweren Fehler in der Vergangenheit hat Kyle offenbar sein Umgangsrecht für seine eigene Tochter (samt Ex-Freundin) verloren. Dieser Mann hat definitiv zu viele Probleme: Zeit sich eine Beschäftigung zu suchen. Im Haus der Austins wird klar, dass Kyle auch mit Reverend Anderson eine gemeinsame Geschichte verbindet, die im Kern etwas mit der Krankheit seiner eigenen Mutter zu tun hat. Doch können die beiden Männer auch gemeinsam zunächst nichts bei Joshua ausrichten, was Kyle zu einem Abstecher zu seiner Mutter veranlasst, die ans Bett gefesselt in einem Pflegeheim dahinsiecht.

Zu einer interessanten Szene kommt es noch, als Kyle dem ehemaligen Nachbarn seiner Mutter seinen eigenen Verlust erklärt, und dieser das Erlebte in einen Kontext zum Verlust seiner Frau setzt und Hilfe anbietet. Alleine ist Kyle definitiv nicht in dieser Welt - auch wenn sein Leben sich gänzlich anders anfühlen mag.

It cannot be stopped


Den Abschluss der ersten Episode bietet eine weitere hochdramatische Szene, in der Kyle und Anderson Joshua den Teufel, oder was auch immer ihn plagt, vorerst austreiben - die Episode offenbart hier erneut einen Gewaltlevel und eine emotionale Kälte, die kaum zu ertragen ist. Die Ankündigung des Bösen, bevor es Joshua verlässt, setzt offenbar die Rahmenhandlung der Serie in Gang: Das, was in Rome vor sich geht, ist nicht aufzuhalten. Für den Moment zerstreut sich das Böse in einer düster-stimmigen Visualisierung in alle Winde - doch glaubt natürlich niemand an ein Happy-End. Kyle Barnes ist eine zutiefst gebrochene Seele, die nicht nur den Wahn seiner Mutter, sondern scheinbar sogar den seiner Freundin erleben musste und letztlich alles verlor. Seine größte Prüfung scheint ihm nun jedoch in globalerem Ausmaße noch bevor zu stehen...

It's too dark in here


Der Serie gelingt mit ihrem Piloten (und soweit bereits absehbar auch mit den weiteren Episoden) ein abgründiger Seelenstriptease, der ein wenig an Chris Carters Versuche erinnert, nach dem Erfolg mit «The X-Files» noch eine Spur düsterer und härter («Millenium») sowie brutaler und verrückter («Harsh Realm») zu werden. Damals war dieser Weg jedoch ein erfolgloser.

Eines muss man verwundert feststellen: «The Walking Dead» ist im direkten Vergleich der klar zugänglichere Stoff von Kirkman. Klischees zitieren beide ungehemmt, die Präsentation legt in Sachen Deutlichkeit hier jedoch noch eine ganze Schippe Düsternis, Zynismus und Boshaftigkeit zu. Dass Kirkman mit seinen Zombies eine so breite Masse an Zuschauern erreichen konnte, war nicht unbedingt zu erwarten. Der harte, brutale und emotional aufwühlende Stoff hätte auch gut und gerne nur das übliche Nischenpublikum finden und die Masse dankend ablehnen lassen können. Doch gelang dem Schöpfer in der Figurenzeichnung und der Verwurzelung der Ängste der Protagonisten im Hier und Jetzt ein Kunststück, das sich schwer replizieren lässt - und wenn man die Auswüchse der Besessenheit der erkrankten Charaktere in «Outcast» gesehen hat, wünscht man sich ohne zu Zögern ein simples Zombie-Virus herbei.

So trägt die Produktion eine Brutalität zur Schau, die im Gegensatz zu «The Walking Dead» jeden Comic-Appeal verliert und so schmerzhaft in der Realität von häuslicher Gewalt (aus welchen Beweggründen auch immer) beheimatet ist, dass es schier unerträglich wird, die Serie mit offenen Augen zu konsumieren. Statt Splatter spielt man hier die Psycho-Karte, die im Geiste noch viel größeres Grauen erzeugt, als eine trashige Visualisierung es je könnte.

In dieser Serie gibt es sprichwörtlich keine Möglichkeit zur Flucht vor den Dämonen in uns - sie werden von Episode zu Episode schrittweise entfesselt und stellen die Fortsetzung unserer vermeintlich so zivilisierten Existenz in Frage. Ob wir diesen Weg mit Kyle Barnes und Reverend Anderson gehen wollen, muss jeder für sich selber entscheiden - und letztlich über die ganz individuelle Schmerzgrenze definieren.

Amen


Es gibt nicht wenige Gründe, «Outcast» anzutesten: Die dynamische Klangkulisse, der nervenzehrende Score, der zeitweise stark an «Hannibal» erinnert, die ausgewaschenen Farben und die elegische Kameraführung sowie die erstklassigen Schauspielleistungen (besonders von Fugit, Glenister und Bateman). Die Serie wird allein aufgrund der herausragenden Machart sicher ihr Publikum finden, zudem sorgen der Name Kirkman und die internationalen Verkäufe für eine gewisse Planungssicherheit. Wer bereit ist, den Ekel und das Grauen der Handlung unter Umständen auch mit in den Schlaf zu nehmen, für den ist ein Blick nach Rome sicherlich einen Versuch wert.

Einen Hype wie «The Walking Dead» wird sein neuer, düsterer Streich aufgrund der konsequenten Mainstreamverweigerung aber vermutlich nicht auslösen können – da müsste es diesmal schon wirklich mit dem Teufel zugehen.

«Outcast» startet im US-Fernsehen am 3. Juni 2016 auf Cinemax. Hierzulande zeigt FOX die Episoden immer Montags ab 6. Juni 2016 jeweils um 21.00 Uhr.
03.06.2016 10:40 Uhr Kurz-URL: qmde.de/85899
Björn Sülter

super
schade

92 %
8 %

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Tags

Fear the Walking Dead Hannibal Harsh Realm Invincible Marvel Zombies Millenium Outcast The Walking Dead The X-Files Ultimate X-Men

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Cheops
10.07.2016 03:14 Uhr 1
Outcast ist angelaufen, wir schreiben Juli 2016 und mir ist noch immer nicht klar, worum es eigentlich geht. Einzelne Folgen, in denen es blutige Szenen gibt oder auch nicht, erheben für mich noch keinen Plot, den man wirklich sehen möchte und ist mit Walking Dead weder vergleichbar, noch ein Ersatz.

Ganz großer roter Daumen runter!
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