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Review: Das neue «Akte X» – erst fad, dann in Fahrt

Mulder & Scully sind zurück und geraten erneut in die Mühlen aus Verschwörung, Werwölfen und verrückten Wissenschaftlern. Wir haben uns die Auftaktfolge angesehen und verraten, was euch erwartet!

Prolog


Vielleicht auch eine X-Akte? Ein unerklärlicher Reboot-, Rewamp- und Remakewahn geht in Hollywood um – man könnte auch sagen: Die lauwarmen Brüder und Schwestern einstmals geliebter Formate fallen wie die Untoten aus «The Walking Dead» über die Fernsehgemeinde her.

Ob «The Muppets» oder «Star Trek», «Battlestar: Galactica» oder «MacGyver», «Prison Break», «24» oder «Full House». Irgendwo zwischen gutem Willen, liebevollem Angedenken und Kassenklingeln muss irgendwann jemanden auffallen, dass in der Vergangenheit zu leben nicht der Schlüssel zur Zukunft sein wird. Und dennoch freuen sich weltweit ausreichend Fans der alten Stoffe auf ein Wiedersehen mit ihren Helden: Auch in diesem Fall.

«The X-Files» war und ist eine der bedeutendsten TV-Serien aller Zeiten, stilprägend in ihrer Präsentation und bis heute in vielen Momenten en par mit den besten Erzählungen im Serienbereich. Doch birgt eine Reanimation auch immer Risiken – schon der zweite Kinofilm war 2008 nur ein müder Aufguss und wurde der Reihe nicht gerecht. Würde man nun endgültig den letzten Sargnagel einschlagen oder war es tatsächlich denkbar, die Serie fünfzehn Jahre nach ihrem Ende in ein neues Zeitalter zu führen?

Wir haben für euch reingeschaut und möchten euch einen ersten Überblick geben, ohne inhaltlich zu viel vorwegzunehmen.

Episode 1: My Struggle


Schwierig, schwierig. Die Wartezeit war lang, die Vorfreude riesengroß. Dann endlich sind sie wieder da – die Helden längst vergangener Zeiten. Man stelle sich für einen Moment vor, Han Solo hätte in seiner ersten Szene im neuen «Star Wars»-Film nicht mit seinem liebgewonnenen, spitzbübischen Lächeln Chewie, wir sind Zuhause! gesagt, sondern als deprimierter, vollbärtiger Häftling schweigend und zitternd in einer kargen Gefängniszelle gesessen.

Episode VII hätte dann den Leidesweg des Gescheiterten nachgezeichnet um erst in Episode VIII zu einer Handlung zu kommen, wie wir sie dann letztlich in The Force Awakens gesehen haben. Nein – J. J. Abrams ist sicher kein Arthouse-Regisseur, der uns die Sinnhaftigkeit des Seins oder Nicht-Seins durch den metaphorischen Ab- und Wiederaufstieg einer Identifikationsfigur veranschaulichen möchte.

J. J. Abrams hat etwas verstanden: Er hat verstanden, wer dieser Han Solo in den Filmen IV-VI war und warum die Fans ihn liebten. Und obwohl er ihn nun wieder als Schmuggler arbeiten lässt, ist er im Kern exakt der selbe Mann wie vor dreißig Jahren – begleitet vom ebenfalls identischen Side-Kick Chewbacca. Das ist kein großes Denker-Kino. Das ist nicht mal besonders realistisch – das ist einfach Unterhaltung. Und Abrams ist ein Meister der selbigen.

Bei My Struggle nun sieht der Fall ganz anders aus: Mulder ist Jahre nach der endgütigen Schliessung der X-Akten ein gescheiterter Mann mit Dreitagebart und abgetragenen Klamotten - desillusioniert, frustriert und depressiv. Sein Kampf hat ihn ausgelaugt und von Schwermut erfüllt. Er sieht sich als ewiger Spielball finsterer Mächte, als hoffnungsloser Naivling im Meer der Großen. Scully hingegen hat zumindest eine etwas bessere Balance gefunden. Sie arbeitet und lebt, ohne jedoch zu viel Emotionalität zuzulassen. Ihre Verarbeitung ruht, jedoch so dicht unter der Oberfläche, dass Mulders Auftauchen direkt Wirkung zeigt.

Beide sind desillusionierte und verbrauchte Schemen in einer sich verändernden Welt. Ohnmächtig und leergesaugt von ihrem langen Kampf, der sie letztlich nur im Kreis geführt hat. Keine Frage: Das ist verdammt realistisch und verdammt schlau weitergedacht. Es hat jedoch im ersten Moment nichts mit den Charakteren zu tun, die man mit so vielen Jahren Abstand im Herzen trägt. Und es frustriert und entfremdet auch uns auf Anhieb - der Gegenentwurf zur Solo-Geschichte also.

Zur Story der ersten Episode, die sich um diese Charakterentwicklungen rankt, nur so viel: Sie ist gerade für Neulinge und Gelegenheitsseher unübersichtlich und schwer zu fassen. Vieles bleibt vage, nebulös und teils unglaubwürdig, der Rest bemüht sich hingegen zu sehr, neue Zuschauer zu positionieren, ohne sie direkt zu verlieren. Das ist weniger als man gehofft hat, aber vermutlich das Maximum des an dieser Stelle machbaren. Gut ist, dass zum Ende Fahrt aufgenommen wird und sich ein Cliffhanger ergibt, der hungrig auf mehr macht. Besser spät als gar nicht.

Kennt man sich mit der Serie aus, machen viele der angedeuteten Wendungen jedoch durchaus Sinn und verbinden die bekannten Themen mit denen aktuellerer Vertreter wie «Person of Interest». Dass mit dem Drehbuch in einer zentralen Szene, als Mulder sein Endzeitszenario entwirft, aber alle Gäule durchgehen, schrammt haarschart an einer Persiflage vorbei. Hier sollte man in Zukunft einen etwas flacheren Ball spielen. Ob das Autorenteam also in der Lage sein wird, zukünftig bessere Arbeit zu leisten, als am Mythologie-Arc der ersten neun Staffeln, muss man selbstverständlich abwarten - das Interesse konnte man aber in jedem Fall wecken.

Chris Carter hat es sich definitiv nicht leicht gemacht. Er hat die Lebensgeschichten seiner Protagonisten und der Welt in der sie leben weitergedacht, auf den Kopf gestellt und alles neu ausgerichtet. Das ist kreativ, clever und grundehrlich im Umgang mit seiner Schöpfung, aber eben nicht der Stoff, aus dem Fanträume sind – zumindest nicht im ersten Moment. Auf den zweiten Blick jedoch offenbart der von ihm gewählte Weg eine Wertschätzung, eine Zuneigung und Liebe zu den Figuren, die man goutieren sollte.

Denn eines ist sicher: Carter & sein Team wollen und werden Mulder und Scully nicht lange ausschließlich an diesem dunklen Ort, wirrer Regierungsverschwörungen, verweilen lassen – das zeigen schon die folgenden Episoden. Somit ist My Struggle für den Moment zwar ein klaustrophobisch-depressiver und dabei kaum greifbarer Mix aus Exposition und Setup und kann als solcher sicher nicht jeden begeistern - die Hoffnung ist aber definitiv noch da draußen.

Wertung: 75%

Episode 2: Founder´s Mutation


In dieser von James Wong («The X-Files», «Millenium», «Space: Above and Beyond», «American Horror Story», «Final Destination») geschriebenen zweiten Episode, bei der er auch Regie führte, treffen Scully und Mulder auf einen verrückten Arzt, der Experimente an schwangeren Frauen durchführt.

Zugegeben: In vielen Serien wie «The X-Files» selber, aber zum Beispiel auch «Lost» oder «Fringe» hat man einen sehr ähnlichen Plot schon einige Male gesehen – dennoch gelingt Wong hier ein cleverer und verstörender Dreh, der die Episode zu einer unterhaltsamen Retro-Angelegenheit für Fans der ersten Stunde macht.

Auch bringt er die Charaktere wieder mehr zu den Personen zurück, die man damals liebgewonnen hatte und verstrickt ihre Charakter-Arcs (Stichwort: William) auf elegante und emotionale Weise in den aktuellen Plot. Somit darf Wong in abgeschwächter Form die Früchte ernten, die Carter vermutlich vorsätzlich noch nicht angerührt hat und generiert so die ersten Momente echten X-Feelings.

Dabei ist die Episode in der Summe natürlich noch nicht der ganz große Wurf, aber definitiv auch nicht weit davon entfernt und gibt dem Zuschauer etwas verspätet das Gefühl, doch wieder in die bekannt-beliebte Serie eintauchen zu können.

Wertung: 85%

Episode 3: Mulder and Scully Meet the Were-Monster


Darin Morgan, der für Klassiker wie War of the Coprophages und Jose Chungs from Outer Space verantwortlich zeichnet, durfte diese dritte Episode schreiben und ebenfalls die Regie übernehmen.

Die Episode, die nicht nur den verrücktesten Titel der kurzen Staffel (und retrospektiv sogar der ganzen Serie) erhalten hat, sondern vermutlich auch inhaltlich eine absolute Sonderstellung einnimmt, kann zu jeder Zeit mit Morgans besten Werken mithalten und wird auf Anhieb sogar zu einer der besten Episoden der ganzen Reihe.

Der zelebrierte Humor, das Abarbeiten an einem Subtext der Serie und der Serienlandschaft im Allgemeinen sowie das ungeheure komödiantische Timing und Tempo des Drehbuchs zeugen davon, wieviel Energie und Leben «The X-Files» noch in sich trägt. Auch wirken Duchovny und Anderson hier wie wachgeküsst, ihre Performances sind merklich nuancierter und besonders Duchovny scheint den Humor des alten Mulders mit einem Mal wiedergefunden zu haben.

Keine Frage: Mulder and Scully Meet the Were-Monster ist die mit Abstand beste Episode des ersten Staffelblocks und ein ganz klares Highlight, für das alleine sich die Neuauflage schon gelohnt hat.

Wertung: 95%

Ausblick: Episoden 4-6


Neue X-Akten

  • “My Struggle“ (D&R: Chris Carter)
  • “Founder´s Mutation” (D&R: James Wong)
  • “Mulder and Scully Meet the Were-Monster” (D&R: Darin Morgan)
  • “Home Again” (D&R: Glen Morgan)
  • “Babylon” (D&R: Chris Carter)
  • “My Struggle II“ (D: Chris Carter & Margaret Fearon & Anne Simon, R: Chris Carter)
Legende: D=Drehbuch, R=Regie
Die Staffel wird abgeschlossen von den Episoden Home Again (von Darins Bruder Glen Morgan, der auch Produzent der Miniserie ist), Babylon von Chris Carter und My Struggle, Part II erneut von Chris Carter (unter Mitarbeit von Margaret Fearon & Anne Simon) – letztere fungiert als eine Art Abschluss der Eröffnungsepisode und des Rahmens der neuen Staffel.

Am 22. Februar ist in den USA bereits alles wieder vorbei und es wird sich zeigen müssen, ob es sich um ein einmaliges Experiment handelt oder ob uns weitere unheimliche Fälle des FBI ins Haus stehen.

Das Urteil


Auch wenn die erste Episode zuerst definitiv verstört und wenig Massenkompatibilität versprüht: «The X-Files» besitzt noch das alte Feuer und eine Menge erzählerisches Potential – zwar erfinden die Autoren rund um Serienschöpfer Chris Carter das Rad bei Weitem nicht neu, zelebrieren aber immerhin die Stärken der Serie und der Charaktere und liefern mit der ersten Staffelhälfte ein homogenes Gebilde und eine Palette, die an beste Zeiten erinnert.

Wenn die nächsten Episoden dieses Niveau halten, könnten Fans weltweit vermutlich nicht glücklicher sein – es sei denn ProSieben erbarmt sich doch noch, Benjamin Völz in der (Sprech-)Rolle des Mulders zurückzubringen. Dann wären vermutlich sogar die deutschen Fans wunschlos glücklich. Dies ist nach aktuellem Ermessen jedoch leider nahezu ausgeschlossen.
Glaubt ihr an einen Quotenerfolg der neuen Staffel in den USA?
Ja, es wird ein großer Erfolg.
66,7%
Es wird ein mittelprächtiges Vergnügen.
30,4%
Nein, es wird ein Flop.
3,0%

Wo kann man die Episoden sehen?


Die Ausstrahlung der neuen Episoden erfolgt in den USA seit 24. Januar auf Fox. Am 3. Februar geht es auf 3+ in der Schweiz los, am 4. Februar beginnt der ORF mit der deutschssprachigen Ausstrahlung, ProSieben legt ab 8. Februar nach. Außerdem bieten Amazon Prime und iTunes nach Ausstrahlung die Episoden als OmU an.
26.01.2016 11:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/83387
Björn Sülter

super
schade

91 %
9 %

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Tags

24 Above and Beyond American Horror Story Battlestar Battlestar: Galactica Final Destination Fringe Full House Galactica Lost MacGyver Millenium Person of Interest Prison Break Space Space: Above and Beyond Star Trek Star Wars The Muppets The Walking

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