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«Blood & Oil»: Blind Date zwischen Bohrtürmen

Nach dem Mega-Erfolg «Empire» ist das Soap-Opera-Genre in den USA wieder salonfähig geworden. ABC versucht es nun auf die klassische «Dallas»-Art: Lebensträume, Western, Intrigen, viel Geld. Gelingt der Mix?

Cast & Crew

  • Creator: Josh Pate, Rodes Fishburne
  • Darsteller: Don Johnson, Chace Crawford, Rebecca Rittenhouse, Scott Michael Foster, Amber Valletta, India de Beaufort u.a.
  • Regie: Jonas Pate u.a.
  • Musik: Mark Isham
  • Ausf. Produzenten: Tony Krantz, Don Johnson, Robert Sertner u.a.
  • Drehort: Salt Lake City, Utah
  • Produktion: ABC Studios, Flame Ventures
Der Tatort ist Rock Springs, North Dakota: Ein regelrechter Goldrausch ist es, der zahllose Menschen in das einst verlassene Dörfchen treibt. Nur dass es diesmal nicht um Gold, sondern um Öl geht – nach der größten Entdeckung an Ölvorkommen in Amerikas Geschichte. Rock Springs wird zum Symbol einer Aufbruchsstimmung, zum Symbol unvollendeter Lebensträume und ungeahnten Reichtums. Campingstädte wachsen aus dem Boden, das Gesetz des Stärkeren gilt. In den Bars wird geflucht und getrunken bis zum Morgengrauen. Die mieseste Absteige kostet 2000 Dollar im Monat. Am verwunderlichsten aber ist sicher das Jahr, in dem es alle nach Rock Springs zieht: Es ist nicht 1851 oder 1903. Sondern 2015.

Auf den ersten Blick scheint die Prämisse der neuen US-Soap «Blood & Oil» ziemlich aus der Luft gegriffen. Tatsächlich basiert die Story jedoch auf wahren Begebenheiten; seit einigen Jahren boomt North Dakota und gilt als Labor für neue Fördertechnologien. Immer wieder verirren sich auch Journalisten dorthin, um den Wahnsinn zu dokumentieren. Der „Stern“ titelte noch im Januar: „Ihr Geld liegt unter der Straße“. Und spricht vom Öl-Boom, der „einfache Arbeiter zu Millionären“ werden lässt. Mittlerweile aber verwaist das Land wieder – der stark gesunkene Ölpreis hinterlässt seine Spuren. Dennoch ist die realistische Hintergrundgeschichte wichtig, um die neue US-Serie durch die richtige Brille zu sehen: Es gibt sie tatsächlich, die modernen Goldgräber und intriganten Geschäftemacher. Die Tellerwäscher-Millionäre. Man kann von diesen wahren Geschichten lesen. Und «Blood & Oil» mag vielleicht glaubwürdig die eine oder andere dieser Geschichten erzählen. Es war einmal...

Die Story von Soap Operas ist auch immer eine von Lebensträumen. Hier begegnen sie uns in Form von Billy und Cody, einem jungen Ehepaar. Die beiden lassen ihr bisheriges Leben hinter sich, gehen volles Risiko, ziehen nach Rock Springs. Als sie auf dem Weg verunglücken, ihre Maschinen und ihr Wagen Totalschaden erleiden, stehen sie vor dem totalen Ruin. Sie fangen ganz unten an, freunden sich mit einem alten Landbesitzer an. Und bekommen die Chance ihres Lebens: Für 100.000 Dollar können sie sein – strategisch wichtiges – Land erwerben. Viel Zeit, um das Geld aufzutreiben, haben sie nicht: Ölfirmen reizen den Landbesitzer bald mit viel lukrativeren Angeboten.

Eine Art moderne Western-Story ist es, die «Blood & Oil» uns hier präsentiert. Oder eine Art «Deadwood» und «Dallas» in der heutigen Zeit. Prachtvolle Landschaften in der Totalen sind ein Blickfang fürs Auge, auch die vielen nächtlichen Szenen, die wunderbar mit Lichtern und Schatten spielen. Wenn im Hintergrund die Bohrtürme lodern oder an den Bars die Neonreklamen flackern, spielt die Atmosphäre ihr Bestes aus.

Schnell ist die Aufsteiger-Story um Bill und Cody eingeführt, schnell lernt man den vermeintlichen J.R. kennen, die Fronten sind bald geklärt. Dennoch ergibt sich die Serie (noch) nicht in allzu schneller Schwarzweißmalerei: Wer wirklicher Antagonist ist, wer Intrigen im Sinn hat und mit welchen wahren Motiven einige Protagonisten handeln, lässt sich nicht immer sagen. Insofern baut «Blood & Oil» ein interessantes Netz an Figuren und -konstellationen auf, das nach mehr verlangt. Auch das Lebenstraum-Konzept funktioniert: Man räumt den gebeutelten Protagonisten Bill und Cody genug Screentime ein, um sie als Sympathieträger und Identifikationsfiguren zu etablieren. «Gossip Girl»-Star Chace Crawford und Rebecca Rittenhouse («Red Band Society») spielen das Paar sehr einvernehmend. Schauspielerischer Aufhänger der Serie ist aber «Miami Vice»-Legende Don Johnson, der einen zwielichtigen Ölbaron porträtiert.

Weniger ist gut dagegen, mit welchen Storywendungen man die ordentlich gezeichneten Charaktere inszeniert. Hier setzen auch die Probleme der Soap an: Zu unrealistisch wirkt dann doch die eine oder andere Entwicklung in der Premierenfolge; im Deus-Ex-Machina-Stil tauchen plötzlich Heilsbringer auf, treten Saboteure auf den Plan, werden Deals gemacht. Um die Erzählung actionreich und spannungsgeladen zu halten, werden Kohärenz und – hier dann doch – Glaubwürdigkeit geopfert. So früh in der Geschichte einer Soap Opera ist das eigentlich ein schlechtes Zeichen. «Nashville» beispielsweise kam erst spät in der ersten Staffel an diesem Punkt an, an dem man glaubt, den Autoren fehlt ein wenig Kreativität. Dass entsprechende Probleme nicht kleiner werden, ist vorauszusehen: Nur zwei Monate nach Produktionsstart wurde der Showrunner für «Blood & Oil» ausgetauscht, aufgrund kreativer Differenzen. In jedem Fall bleibt das Projekt damit gespannt zu verfolgen; der neue Showrunner stieg mit Folge drei ein, also in einer frühen Phase.

Wie viel Zeit «Blood & Oil» aber überhaupt bleibt, ist eine andere Frage. Nur etwas mehr als sechs Millionen Menschen verfolgten den Start im US-Fernsehen, vor allem aus der Zielgruppe waren die Quoten schwach. Die kommenden zwei bis drei Wochen werden alles entscheidend sein. Bei Soap Operas kommt es – mehr als in jedem anderen Genre – darauf an, ob man den Nerv der Zuschauer trifft, ob man sie mit guten Cliffhangern und einnehmenden Geschichten bei Laune halten kann. Bestes Beispiel ist «Empire», das seine Reichweiten innerhalb der ersten Staffel verdoppeln konnte.

Mehr zum echten Öl-Boom in North Dakota

Allerdings: «Empire» startete bereits mit fast der dreifachen Quote beim jungen Publikum, die «Blood & Oil» nun einfuhr. Vielleicht ist die Story um den großen Öl-Boom in North Dakota dann nicht nur in der Realität begraben – sondern bald auch schon im Fernsehen.
02.10.2015 12:33 Uhr Kurz-URL: qmde.de/81121
Jan Schlüter

super
schade


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Tags

Blood & Oil Dallas Deadwood Empire Gossip Girl Miami Vice Nashville Red Band Society

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