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Die Kino-Kritiker: «Mädelsabend»

Film des Monats: «Mädelsabend», dessen Titel etwas völlig anderes verspricht, als der Film schlussendlich bietet, ist ein herrlich braver, dabei jedoch nicht minder frecher Road Trip, in dem es Elizabeth Banks quer durch die unterschiedlichsten Milieus führt.

Filmfacts «Mädelsabend»

  • Kinostart: 26.06.14
  • Genre: Komödie
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 95 Min.
  • Kamera: Jonathan Brown
  • Musik: John Debney
  • Autor: Steven Brill
  • Regie: Steven Brill
  • Darsteller: Elizabeth Banks, James Marsden, Gillian Jacobs, Sarah Wright, Ethan Suplee
  • OT: Walk of Shame (USA 2014)
Sie war und ist die exzentrische Effie Trinket in «Die Tribute von Panem», lieh der weiblichen «LEGO Movie»-Hauptfigur Wyldstyle ihre Stimme und feierte ihr Regie-Debüt im Rahmen des Comedy-Super-GAUs «Movie 43»: Die Rede ist von Elizabeth Banks. Die 40-jährige Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin steht in ihren Filmen selten im Mittelpunkt. Als Nebendarstellerin, vorzugsweise in wenig konventionellen Rollen, ist sie aus Hollywood jedoch nicht mehr wegzudenken. Steven Brill, Regisseur von «Mr. Deeds» und «Beim ersten Mal», macht die geborene US-Amerikanerin nun zum Mittelpunkt seiner Komödie «Mädelsabend», deren deutscher Titel nicht nur erschreckend nichtssagend ist, sondern zudem vollkommen falsche Erwartungen an das weckt, was den Zuschauer in den kommenden eineinhalb Stunden erwartet. Der Originaltitel «Walk of Shame» hätte dem Streifen hierzulande besser zu Gesicht gestanden. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der deutsche Verleih sich durch den Zusatz „Nüchtern zu schüchtern“ wohl noch einige Extra-Lacher erhofft. Lässt man die Erwartungshaltung an einen weiblichen Partyfilm der Marke «Project X» oder «Party Animals» allerdings beiseite, offenbart sich einem eine freche, dabei jedoch um Bodenständigkeit bemühte Komödie, die sich vorzugsweise oberhalb der Gürtellinie aufhält und den Trend zum immer derber werdenden Humor nicht mitgeht. Gespickt mit einer kurzweiligen Story, spitzfindigen Dialogen sowie einer enormen Spielfreude und Dynamik unter den Darstellern wird «Mädelsabend» zur bislang lustigsten Komödie des Jahres – und eignet sich damit dann doch irgendwie als stimmungsvoller Partyfilm.

Für die ehrgeizige Journalistin Meghan Miles (Elizabeth Banks) scheint ein Traum wahr zu werden: Der lang ersehnte Job als Nachrichtensprecherin bei einem landesweiten TV-Sender ist in greifbare Nähe gerückt. Als sie jedoch erfährt, dass sie den Karrieresprung nur knapp verpasst und sich auch noch ihr Freund von ihr getrennt hat, beschließt die sonst eher geradlinige, konservative Meghan den Kummer zusammen mit ihren Freundinnen in einer rauschenden Partynacht zu vergessen – gekrönt von reichlich Alkohol und einem One-Night-Stand mit einem schönen Unbekannten (James Marsden). Dumm nur, dass sich Meghan am nächsten Morgen nicht nur verkatert, sondern auch völlig hilflos ohne Telefon, Geld, Ausweis oder Auto wiederfindet – und das mitten in L.A. Ein Missverständnis folgt dem anderen und bald hat Meghan auch noch die Polizei am Hals. Zu allem Überfluss ist sie nun doch wieder im Rennen für den Traumjob, wenn sie es nur rechtzeitig zum Vorsprechen beim Sender am anderen Ende der Stadt schafft.

Das titelgebende Besäufnis der drei Freundinnen nimmt in «Mädelsabend» gerade einmal zehn Minuten der gesamten Laufzeit ein und dient einzig als Aufzug für eine Story, die von allen Komödienhits der letzten Jahre ein bisschen was hat und doch vollkommen für sich alleine steht. So erinnert die Aufwach-Szene nach der durchzechten Nacht merklich an «Hangover». Auch «Ey Mann, wo is‘ mein Auto?» lässt grüßen, wenn sich Meghan auf der Suche nach Fahrzeug und Geldbörse quer durch die Stadt schlägt. Ein wenig «Morning Glory» versprüht der Blick hinter die Kulissen des Fernsehsenders und die Dynamik unter den Freundinnen könnte so ziemlich jeder frauenaffinen Comedy-Produktion der letzten Jahre entstammen. Doch bereits der aus Versprechern und Pannen an den Sets diverser Nachrichtensendungen bestehende Prolog gibt in «Mädelsabend» den humoristischen Ton vor. Banks, die als angehende Nachrichtensprecherin ihre erste Probesendung moderieren darf und vor der Kamera ein möglichst perfektes Bild abzugeben versucht, beweist hier wieder einmal ihren Sinn für komödiantisches Timing. Wenn sie später von der Trennung ihres Freundes erfährt und auf der Party ordentlich die Sau rauslässt, kommt auch ein Spiel mit Gestik und Mimik dazu, das sich stets an der Grenze zu Overacting und Grimasse befindet, diese jedoch nie überschreitet. Wenn sich die kurvige Schauspielerin schließlich auch noch ein viel zu enges und – mit Verlaub – bewusst potthässliches (da knallgelbes) Kleid zwängt, beweist Banks Mut zur Hässlichkeit und ein Gespür für Selbstironie. Es besteht kein Zweifel: Elizabeth Banks stemmt «Mädelsabend» die gesamte Laufzeit über gänzlich allein und wuppt dieses erstmalige Unterfangen mit Bravour.

An der Seite der sympathischen, mit einer gewissen Bauernschläue ausgestatteten Hauptfigur agieren clever geschriebene Nebencharaktere, die vor allem in der Originalfassung vor Charme nur so sprühen. Wenn Meghan vom Straßenstrich ins Drogenmilieu flüchtet und schließlich mitten in einem nicht ganz koscheren Kloster landet, begegnet die immer mehr an sich und der Welt zweifelnde Frau so vielen Charakteren, dass «Mädelsabend» an jeder Ecke für einen Lacher gut ist. Das stur geradeaus erzählende Skript und die recht simpel gestrickte Geschichte schützen dabei vor Übersättigung und verhindern, dass der Streifen zu überladen daherkommt. Als großer Publikumsliebling entpuppt sich Serienstar Alphonso McAuley («The Middle»), der in die Rolle des treudoofen, naiven Drogendealers Pookie schlüpft und einen Duktus an den Tag legt, dass hier Tränen Lachen vorprogrammiert ist. Auch seine direkten Mitspieler Lawrence Gilliard Jr. («The Walking Dead») und Da'Vone McDonald («Fast verheiratet») sind auf den Punkt gecastet und stellen unter den Nebendarsteller mit Abstand das Highlight dar. Als Meghans Love Interest überzeugt James Marsden («Die Hochzeit unserer dicksten Freundin») mit einer sympathischen, leicht unbeholfenen Art. «Community»-Star Gillian Jacobs und Sarah Wright («21 & Over») in der Rolle ihrer Freundinnen haben zwar wenig Screentime, sind insgesamt jedoch herrlich überdreht und damit voll in ihrem Element.

Wirft man vielen Hollywood-Komödien vor, immer wieder nach dem gleichen Schema zu funktionieren, kann sich «Mädelsabend» diesen Vorwurf nicht zu Herzen nehmen. Selbstredend dürfte den Zuschauer ein Happy End nicht überraschen, im Falle von Steven Brills Komödie ist jedoch der Weg das Ziel. Elizabeth Banks‘ Roadtrip ist gezeichnet von solch unterschiedlichen und auch für sich allein stehend urkomischen Stationen, dass die 90 Minuten wie im Flug vergehen und der Streifen zudem definitiv beide Geschlechtergruppen ansprechen dürfte. Dass man innerhalb der einzelnen Episoden dann doch teilweise recht konventionelle Plotwege geht, sei «Mädelsabend» an dieser Stelle vor allem deshalb verziehen, weil die Komödie dabei dennoch nie um eine Überraschung verlegen ist. Teilweise steht lediglich die technische Inszenierung der Authentizität des Films im Weg; etwa dann, wenn die Aufnahmen von Kameramann Jonathan Brown («Prakti.com») im Drogenmilieu vom selben Hollywood-Lack geprägt sind wie die TV-Studios.

Fazit: Elizabeth Banks auf Abwegen! «Mädelsabend» ist mit ihrer unbeschwerten Inszenierung, den süffisanten Dialogen und allerhand kurios-sympathischen Figuren ein wahrer Lichtblick unter den Hollywood-Comedies 2014. Einzig der Filmtitel bleibt auch bei mehrmaliger Betrachtung eine Frechheit.

«Mädelsabend» ist ab dem 26. Juni 2014 bundesweit in den Kinos zu sehen.
25.06.2014 11:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/71421
Antje Wessels

super
schade


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