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Der Fernsehfriedhof: Die „Holzpuppe bei tm3“

Christian Richter erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 285: Die 9Live-Billig-Version von «Wer wird Millionär?».

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir des letzten deutschlandweiten Auftritts vom sogenannten „Frühstücksdirektor“.

«Greif an!» wurde am 02. Juli 2001 bei tm3 geboren und entstand zu einer Zeit, als sich der ehemalige Frauensender in einem gewaltigen, strukturellen Umbruch befand. Anstatt auf eine klassische Finanzierung über den Verkauf von Werbezeiten zu setzen, strebte das Unternehmen nunmehr an, einen Großteil seiner Einnahmen über die Gebühren von Anrufern zu generieren. „Transaktionsfernsehen" oder „Impulsfernsehen" nannte die damalige Geschäftsführerin Christiane zu Salm diese neue Strategie, die zuvor anhand der Sendung «Call TV» im Vormittagsprogramm von RTL II erfolgreich erprobt wurde. Stufenweise verschwanden infolgedessen sämtliche früheren Formate und wurden durch interaktive Spielshows ersetzt, deren inhaltliches Ziel lediglich darin bestand, mit einladenden und simplen Aktionen möglichst viele Menschen zum Anrufen zu bewegen.

In dieser Umbauphase stellte jener Juli im Jahr 2001 ein zentrales Datum dar, da man zu diesem Zeitpunkt mit der «tm3 Tagesshow», «Alles auf Rot!», dem «tm3-Plattenteller» und der nächtlichen Erotik-Schiene «La Notte» eine Handvoll weitere Produktionen auf Basis des neuen Geschäftsmodells startete und nun nahezu ein vollständiges Call-In-Angebot aufwies. Das Herzstück dieser Phase bildete jedoch ein Quiz, das von Montag bis Samstag um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurde. Dieses reihte sich einerseits nahtlos in die anderen interaktiven Programme ein und war andererseits eine Reaktion auf den damals in Deutschland ausgebrochenen Quizboom. Mit «Wer wird Millionär?», «Einundzwanzig», «Multi Millionär», «Ca$h - Das eine Million Mark-Quiz», «Das Millionenquiz», «Die Chance Deines Lebens», die «Quiz Show», «Der Schwächste fliegt» und «Quizfire» verfügte nämlich nahezu jeder namhafte Fernsehanbieter über mindestens eine eigene Variante. Und mit «Greif an!» nun auch tm3.

Ähnlich wie bei Marktführer Günther Jauch konkurrierten in ihr zunächst sechs Studiokandidaten in einer anfänglichen Auswahlrunde darum, wer es auf den „heißen Stuhl" in der Studiomitte schaffte und sich dort den Fragen des Moderators stellen durfte. Wer sich dabei durchsetzte, hatte anschließend acht Minuten Zeit, um durch korrekte Antworten möglichst viel Geld zu erspielen. Nach jedem Durchlauf wurde dann ein Anrufer zugeschaltet und beide hatten unabhängig voneinander dasselbe Rätsel zu lösen. Ging aus diesem Duell der Anrufer erfolgreich hervor, stahl er vom Studio-Kontrahenten dessen bisher erkämpften Geldbetrag. Siegte hingegen der Nicht-Telefonkandidat konnte dieser entweder mit der bisher erzielten Summe aufhören oder sie durch eine weitere Runde erhöhen. An deren Ende stand allerdings ein neues Duell und somit das Risiko den bisherigen Gewinn zu verlieren. Insgesamt konnte auf diese Weise eine maximale Summe von 100.000 DM erobert werden. Jeder Anruf, selbst wenn man nicht durchgestellt wurde, schlug für die heimischen Zuschauer mit 96 Pfennig zu Buche. Eine nahezu identische Idee lag bereits der erfolglosen RTL II-Sendung «Allein gegen alle» zu Grunde.

Obwohl das Format sichtlich an «Wer wird Millionär?» angelegt war, hielt es dem Vergleich kaum Stand. Um die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten, verzichtete man auf ein Studiopublikum, aufwändige Kulissen, ein wuchtiges Sounddesign sowie eine große Redaktion. Entsprechend billig waren der Look, unspannend das Prinzip und profan die gestellten Fragen. Jene Opulenz, welche die anderen neuen Quiz-Varianten miteinander verband, fehlte bei tm3 vollständig.

Als Spielführer wurde mit Wolf-Dieter Herrmann ein wahrer Fernsehpionier und erfahrener Moderator verpflichtet. Dieser hatte nämlich ab 1987 für über drei Jahre den Vorläufer vom «Sat.1 Frühstücksfernsehen» inklusive dem «Superball» sowie die tägliche Vorabend-Gameshow «Bingo» präsentiert. Außerdem oblag es ihm, die allerersten Ansagen im deutschen Privatfernsehen überhaupt zu machen. Zwischenzeitlich übernahm er mit «Herrmann» sogar kurzzeitig einen mittäglichen Talk, bevor er ab 1995 durch das morgendliche Magazin «Boulevard Deutschland» von Deutsche Welle TV führte. Danach wurde es etwas ruhiger um ihn, weswegen, sein Engagement für tm3 ein kleines Comeback darstellte. Dass er bei seinem Auftakt ausgerechnet gegen den Quotengaranten «Wetten, dass..?» antreten musste, kommentierte er mit seiner gewohnten (meist etwas übertriebenen) Selbstsicherheit in der BZ: „Ich bin überzeugt, dass es viele Leute gibt, die nicht zum x-ten Mal Madonna bei Gottschalk auf der «Wetten, dass..?»-Couch sitzen sehen wollen."

Richtig passen vermochte ihm seine neue berufliche Herausforderung aber nicht, denn es gelang ihm kaum Spannung aufzubauen. Vielmehr ergoss er sich in endlosen, ungelenken Monologen, bei denen er fortwährend steif durch die winzige Kulisse stolzierte. Sein Moderationsstil stammte schlicht aus einer vergangenen Zeit und wirkte im schnellen Fernsehen des neuen Jahrtausends fehlplatziert. Entsprechend verhalten fielen die zugehörigen Pressestimmen aus. Die FAZ bezeichnete ihn beispielsweise als die „Holzpuppe bei tm3", während das Urteil in der ZEIT noch vernichtender ausfiel. Dort hieß es: „Der Moderator quakt wie ein digitaler Anrufbeantworter. Der Kandidat ist von den Quizfragen gelangweilt. Und im Hintergrund sitzen fünf Personen ohne Funktion. Das ist «Greif an!», die neue Gameshow auf TM3." Ähnlich mies stellten sich die erreichten Marktanteile dar, die mit durchschnittlich 0,3 Prozent nur noch ein Drittel des früheren Senderschnitts betrugen.

Dazu kam, dass die Konzernleitung immer wieder Schwierigkeiten mit externen Produzenten hatte und bald die Herstellung des gesamten TV-Angebots selbst übernahm. Weil parallel dazu die Anrufzahlen von Herrmann unter denen der anderen Formate blieben, wurde er im Rahmen der internen Neupositionierung durch die ehemalige «Big Brother»-Siegerin Alida Kurras ersetzt, die dadurch ihren ersten Job bei dem Sender erhielt, der mittlerweile in 9Live umgetauft war. Mit Erfolg, bei ihrem ersten Auftritt am 02. Februar 2002 gelang es ihr, trotz einer zuschauerstarken Ausgabe von «Wetten, dass..?» im Gegenprogramm mit knapp 160.000 Anrufern einen neuen Rekord aufzustellen. Nicht unwichtig dafür war der Umstand, dass bei ihrer Premiere mit Sabrina, Huy, Joana, Frank, Manu und Michael ausschließlich ehemalige «Big Brother»-Bewohner zu Gast waren. Dies sollte jedoch eine Ausnahme bleiben, denn in den nachfolgenden Monaten wirkten ausschließlich nicht-prominente Teilnehmer mit.

Kurras war allerdings nicht mehr das alleinige Gesicht der Show, sondern wechselte sich mit Meinert Krabbe ab, der kurz davor aus der Sat.1-Reihe «Quizfire» entfernt wurde. Zusammen trugen sie das Konzept durch die nachfolgenden Monate. Da sich aber die noch weniger aufwendig umgesetzten 9Live-Formate als lukrativer herausstellten und sich das Erscheinungsbild des Kanals ohnehin zu einer einheitlichen kaum noch von einzelnen Sendungen geprägten Programmfläche entwickelte, lief bald die letzte Episode über den Schirm.

«Greif an!» wurde am 25. Mai 2002 beerdigt und erreichte ein Alter von rund 250 Folgen. Die Show hinterließ den Moderator Wolf-Dieter Herrmann, der im Anschluss durch die Hauptnachrichten des Berliner Regionalsenders FAB führte. Aktuell betreibt er mit PotsdamFernsehen.de ein Videoportal mit lokalen Nachrichten und tritt regelmäßig als Schlagersänger bei diversen Veranstaltungen auf. Alida Kurras wanderte indessen nach der Absetzung in die 9Live-Anheizer-Rotation und entwickelte sich zu einem der prägendsten Gesichter des Hauses. Nach der Einstellung des Programmbetriebs wechselte sie zum Teleshopping-Anbieter Channel21.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste reguläre Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint in zwei Wochen und widmet sich dann dem ambitionierten Morgen-Magazin von RTL.
24.04.2014 11:05 Uhr Kurz-URL: qmde.de/70315
Christian Richter

super
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Tags

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