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«Die Anstalt»: Jünger, weicher, frischer

An den Biss von Priol, Pelzig und Schramm konnte das neue Team um Claus von Wagner und Max Uthoff zum Auftakt noch nicht komplett anknüpfen. Dennoch bot man gelungenes Kabarett mit eigenem Charakter an.

Nach sieben Jahren steht «Neues aus der Anstalt» vor dem Scheideweg, denn nach dem Abgang von Urban Priol und Erwin Pelzig muss das ZDF-Aushängeschild im Genre politisches Kabarett beweisen, dass es auch mit einem neuen Team nicht an Biss und Substanz verliert. Wie man an diesem Anspruch scheitern kann, sah man in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bei den Kollegen der ARD, deren «Satire Gipfel» nur noch ein Schatten des altehrwürdigen «Scheibenwischers» ist und mittlerweile kaum noch mediale Relevanz besitzt. Zum Auftakt in das neue Zeitalter unter dem minimal veränderten Titel «Die Anstalt» setzten Claus von Wagner, Max Uthoff sowie deren Gäste ein deutliches Zeichen, dass man die Sendung noch nicht aufgeben sollte.

Als kleinen Gag und Anspielung auf ihre Vorgänger präsentieren sich die neuen Gastgeber zu Beginn ihres Schaffens noch kurzzeitig in den Gewändern der beiden Urgesteine Priol und Georg Schramm, legen die ohnehin eher albernen Kostümierungen allerdings bereits nach wenigen Sekunden ab. Wohl nicht zuletzt deshalb, um naheliegenden Vorwürfen vorzubeugen, man wolle lediglich das alte Erfolgsrezept plagiieren und eine billige Kopie der alten Anstalt anbieten. Derartige Kritik wäre allerdings auch völlig ungerechtfertigt, wie die weitere Dreiviertelstunde zeigt. Zwar stell man das beliebte und erfolgreiche Konzept nicht völlig auf den Kopf, doch einige Veränderungen fielen durchaus schon auf.

Am herausstechendsten ist hierbei die deutlich stärkere Fokussierung auf Studio-Sketche, für die sich die Macher zulasten einiger Stand-Ups entschieden haben. Es gibt wesentlich weniger Momente, in denen von Wagner oder Uthoff alleine vor dem Publikum stehend ausführlich auf bestimmte Sachverhalte in Form eines Monologes eingehen, stattdessen wird auf eine stärkere Interaktion zwischen den Protagonisten gesetzt. Auch die mit Matthias Egersdörfer, Nico Semsrott und Simone Solga überraschend wenig prominenten Gäste werden mehr in die Dynamik der Show eingebunden und nehmen somit mehr Platz in ihr ein als unter Priol und Pelzig.

Auf der einen Seite bewirkt man damit, dass die Anstalt stärker als Gesamtleistung eines Ensembles wahrgenommen wird, das gemeinsam und beinahe gleichberechtigt am Erfolg des Formats partizipiert. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass man sich als Zuschauer noch nicht an dessen neue Gesichter gewöhnt hat, kommt somit leicht der Eindruck auf, statt der Konstellation "zwei Gastgeber und drei Gäste" habe man sich nun für eine Fünfer-Combo ohne dominierende Protagonisten entschieden. Hierdurch entsteht eine eigene Dynamik, die ein wenig an Impro-Comedys wie die Sat.1-«Schillerstraße» erinnert und frischen Wind in das oftmals eher statische Geschehen im Studio bringt.

Andererseits kratzt man nun häufiger eher an der Oberfläche eines Themas, anstatt sich diesem in der zum Teil nötigen Ausführlichkeit zu widmen. Waren Priol und Pelzig wahre Meister darin, den Zuschauern Sachverhalte und Missstände in minutenlangen Ausführungen näher zu bringen und dabei stets den Eindruck zu vermitteln, dass sie das Thema selbst emotional aufwühlt, vermisst man solch intensive Momente in der Neuauflage bislang noch etwas. Manchmal entsteht gar der Eindruck, man setze mehr auf platte Kalauer als auf böses und bissiges Kabarett. Von Wagner gelingt es allerdings in seinen Ausführungen zu den Abzock-Fonds der Deutschen Bank zumindest einmal annähernd, eine Szene von ähnlicher Intensität heraufzubeschwören.

Der größte Gewinner des Abends ist jedoch der 27-jährige Nico Semsrott, der gerade durch den trockenen Vortrag seiner Power-Point-Präsentation zum Thema Depression einige Lacher einheimst. Ob seine Verunsicherung dabei gut gespielt oder schlicht authentisch ist, offenbart sich dem Zuschauer zwar nicht komplett, doch verstärkt sie die Wirkung der von ihm gespielten Figur noch zusätzlich. Weniger überzeugend ist Simone Solga, die in den sketchartigen Studio-Aktionen nicht nur meist etwas untergeht, sondern auch mit ihrer Solo-Passage enttäuscht. Zwar kann sie recht gut TV-Sendungen und Werbespots imitieren, doch bleibt sie dabei eher substanzlos - und Phrasen wie "das guck ich doch eh nicht mehr" gehören eher an den Stammtisch denn in die Anstalt. Von dem Versuch einer objektiven Bewertung der Leistung Egersdörfers sieht der Renzensent an dieser Stelle ab, da er dieser dauer-cholerischen Kunstfigur mit gesteigertem Hang zu vulgären Eskapaden noch nie viel abgewinnen konnte.

Insgesamt bemüht sich «Die Anstalt» sichtlich darum, ihrem großen Vorbild nicht bloß ehrfurchtsvoll nachzueifern, sondern einen eigenen Charakter unter den beiden frischen Kräften zu entwickeln. Dabei gibt es einige Aspekte mit Potenzial, doch den Biss und die völlige Authentizität von Priol, Pelzig und Schramm können Uthoff und von Wagner bislang noch nicht gleichwertig übertragen. Es wäre allerdings auch vermessen, derartige Ansprüche bereits in der Auftaktfolge zu stellen. Die Chemie zwischen den neuen Präsentatoren stimmt bereits auf Anhieb, man bekommt hochklassiges Kabarett mit unterhaltsamen wie nachdenklichen Momenten geliefert und hat nach wie vor den Eindruck, gutes Fernsehen mit Herzblut und Mehrwert zu sehen. Für all das stand «Neues aus der Anstalt» von Beginn an - weshalb man kurz nach 23 Uhr mit dem guten Gefühl den Fernseher ausschaltet, sich auch künftig einmal monatlich televisionär einliefern lassen zu können.
05.02.2014 01:25 Uhr Kurz-URL: qmde.de/68848
Manuel Nunez Sanchez

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Die Anstalt Neues aus der Anstalt Satire Gipfel Scheibenwischers Schillerstraße

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