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«The Millers»: laut, vulgär, belächelt, irre erfolgreich

Die Kritiken sind verheerend schlecht, doch das Publikum liebt diese neue Serie: Mit «The Millers» kommt der erfolgreichste US-Start der vergangenen Monate nach Deutschland. Schützenhilfe bekam er von «The Big Bang Theory»…

Warum, fragt man sich, ist eine solche Sitcom erfolgreich? Eine, die sich traditionell anfühlt, altbacken und ohne den Reiz des Neuen, den jüngere Genrehits wie «The Big Bang Theory» oder «2 Broke Girls» (Foto) und zum Teil auch «Two and a Half Men» ausmachen? Eine einfache Familien-Sitcom ist «The Millers», so wie die zahlreichen früheren Vertreter: «All In The Family» in den 70er Jahren, die «Cosby Show» in den 80ern oder «Hör‘ mal, wer da hämmert» in den 90er Jahren. Auch danach gab es immer wieder Beispiele der klassischen Familien-Sitcom, erfolgreich waren sie nur noch zum Teil – dann aber längst nicht mehr so erfolgreich, dass sie einen neuen Trend hätten anstoßen können.

«The Millers» macht es anders. Es zeigt das Leben der gleichnamigen dysfunktionalen Familie um Nathan Miller, einen durchschnittlich erfolgreichen lokalen TV-Nachrichtenreporter. Nachdem Nathan seinen Eltern erzählt, dass er sich von seiner Frau geschieden hat, beschließen die Eltern spontan (!) ebenfalls eine Trennung – nach 34 Jahren Ehe. Nathan muss seine Mutter zuhause aufnehmen, der Vater zieht bei Nathans Schwester ein. Formell proben die beiden Neu-Familien ihre Trennung, in Wirklichkeit kommen sie immer wieder zusammen. «The Millers» erzählt von diesen Irrungen und Wirrungen der geschiedenen Familienmitglieder, die doch eigentlich einander brauchen.

Kurz: Diese Geschichte könnte auch vor zehn oder zwanzig Jahren spielen, ebenso wie die Handlungen der einzelnen Folgen. Da gibt es die Peinlichkeiten, die Nathan erlebt, wenn er ein Date nach Hause bringt, das von der Mutter erst einmal begutachtet werden will. Oder das Problem, dass Nathan seine Mutter zu allen Einkäufen fahren muss und bald darauf besteht, dass sie einen Führerschein macht. Es sind klassische Handlungen wie diese, die «The Millers» erzählt. Der Unterschied zu ähnlichen Genrevertretern aber bleibt: Diese Serie ist deutlich erfolgreicher als fast alles andere, was derzeit im Sitcom-Bereich zu sehen ist.

«The Millers» wird in den USA direkt nach «The Big Bang Theory» ausgestrahlt und profitiert selbstredend vom anhaltenden Erfolg der WG-Nerds – «Big Bang» war auch in den vergangenen Monaten die erfolgreichste Sendung im US-Fernsehen. Doch allein kann dies den Erfolg von «The Millers» nicht begründen. Erstens passen die beiden Sitcoms inhaltlich kaum zueinander: Auf der einen Seite die jungen, zielgruppenaffinen Physiker, die popkulturelle Trends aufgreifen. Auf der anderen Seite die klassische Familie, die sich in Teilzeit trennt und bei der es darum geht, wie zwei 60- bis 70-Jährige wieder zusammenfinden.

Neben den inhaltlichen Differenzen ist es zweitens nicht zwingend gesagt, dass neue Serien von Hits wie «The Big Bang Theory» profitieren. Erst in der vergangenen US-Season hatte CBS mit «Partners» einen riesigen Quotenflop, der zwischen «How I Met Your Mother» und «2 Broke Girls» eigentlich zu starken Zuschauerzahlen verdammt war. Im Jahr davor half es gleich zwei neuen Serien nichts, hinter «The Big Bang Theory» zu starten: «How To Be A Gentleman» über zwei alte Highschool-Freunde wurde nach nur zwei Episoden abgesetzt, «Rob» über einen Junggesellen mit Zwangsstörung kam über eine Staffel ebenfalls nicht hinaus. Und 2010 wunderten sich alle über den Flop «Shit My Dad Says!» mit Hauptdarsteller William Shatner – auch diese Serie lief direkt im Anschluss an «The Big Bang Theory», auf jenem Sendeplatz, den nun «The Millers» erfolgreich bespielt.

Die Miller-Familie dagegen stellte erst Mitte Januar neue Zuschauerrekorde auf, mit 13,4 Millionen Gesamtzuschauern und zehn Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. Durchschnittlich schauten bisher 11,3 Millionen zu. Nicht nur ist die Serie damit der erfolgreichste Neustart der aktuellen US-Season, er etablierte sich auf Anhieb als zweiterfolgreichste US-Comedy beim Gesamtpublikum – hinter «The Big Bang Theory», aber beispielsweise vor «Modern Family». Bei den werberelevanten 18- bis 49-Jährigen ist «The Millers» ebenfalls ein Top-Ten-Programm – zuletzt lag man bei den Marktanteilen sogar vor Traditons-Hits wie «NCIS», «Family Guy» oder den «Simpsons». Umso stärker drängt sich die Frage auf: Warum ist «The Millers» so erfolgreich, wo viele andere als Lead-Out-Programm von «The Big Bang Theory» scheiterten?

Ja, man traut sich was. Und ja, ein paar Ideen sind auch da. Nur: Sie funktionieren alle nicht. Das bisschen Charme, das der Awkwardness eine zweite Ebene verleihen soll, kommt allein von den verzweifelten Versuchen der Darsteller, dieses frustrierend platte und abgestandene Drehbuch noch in die Erträglichkeit zu spielen.
– Julian Miller
Die Qualität jedenfalls kann es nicht sein – zumindest nicht aus Kritikersicht. Viele sehen Will Arnett («Arrested Development», «30 Rock»), der Hauptfigur Nathan spielt, in Banalität untergehen; viele kritisieren die schwachen Darbietungen von Beau Bridges und Margo Martindale, die Nathans Eltern porträtieren. Auch das Stichwort „Fremdschämen“ fällt in diesem Zusammenhang: Beklagt wird der laute und vulgäre Tonfall der Eltern, die Sex- und Furzwitze am laufenden Band machen – was Journalisten und Twitterer zu der Idee brachte, die Serie als „the show about farting“ zu bezeichnen, in Anlehnung an die Beschreibung des legendären «Seinfeld» als „the show about nothing“. Nach dem Start musste selbst Serienerfinder Greg Garcia («My Name Is Earl») beschwichtigen: „Wir sind nicht die Furz-Show, zu der uns einige machen wollen. […] Es ist eine Minute aus einer 21-minütigen Pilotepisode, und dann wird sowas überall zur Schlagzeile.“ Der grundsätzliche Fakt sei, dass diese Szenen nicht in der Episode geblieben wären, „wenn sie keine Lacher bekommen hätten.“

Vielleicht ist das auch das ganze Geheimnis des aktuellen Erfolgs von «The Millers»: anspruchslos zu sein, billig im Humor und dabei mal ganz traditionell – eine Serie, die die klassische amerikanische Mittelschicht anspricht. Vielleicht wollen die US-Zuschauer auch zu den schrillen, jungen Serien wie «The Big Bang Theory» und «2 Broke Girls» ein Gegengewicht, ein Format, das sie an frühere Fernsehzeiten erinnert. Beim US-Network CBS, das generell eine ältere Zuschauerschaft anzieht, funktioniert ein solches Programm wie «The Millers». Ob es in Deutschland – beim auf die sehr junge Zielgruppe spezialisierten ProSieben – ankommt, steht auf einem ganz anderen Blatt.
04.02.2014 09:16 Uhr Kurz-URL: qmde.de/68822
Jan Schlüter

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