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«Neues aus der Anstalt» - Eine Satire-Ära geht zu Ende

Sieben Jahre lang hat Urban Priol Fans der politischen Satire begeistert, nun muss das ZDF-Format ohne dessen Dienste auskommen - und versuchen, die Reputation seiner Marke weiter aufrecht zu erhalten.

Als «Neues aus der Anstalt» im Januar 2007 im Zweiten Deutschen Fernsehen startete, war das Genre des politischen Kabaretts auf dem öffentlich-rechtlichen Sender quasi nicht existent. Ähnlich scharfzüngige Formate wie die «heute-show» und «Leute, Leute» existierten noch nicht, das Programm des Senders wirkte weitgehend spießig und humorbefreit und mit Kabarett hatten die Mainzer schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht: Im Jahr 1979 sah sich der damalige ZDF-Programmdirektor Dieter Scholte veranlasst, die von Dieter Hildebrandt moderierte Sendung «Notizen aus der Provinz» einzustellen. Nach 28 Jahren Kabarett-Abstinenz ist die Anstalt seit Sendestart fester Fixpunkt im Programm des Senders und eines seiner größten Aushängeschilder, insbesondere im zuletzt aufblühenden Humor-Sektor.

Seit der ersten Stunde dabei ist der Kabarettist Urban Priol, der das Format aufbaute und zunächst gemeinsam mit Georg Schramm alle vier Wochen dienstags nach dem «heute-journal» auf die kontroversesten tagespolitischen Themen einging. Seit der ersten Stunde präsentierte sich Priol als Leiter einer psychiatrischen Klinik, deren Foyer durch das Studio dargestellt werden sollte. Schramm hingegen schlüpfte in den insgesamt 36 Folgen seines Mitwirkens stets in unterschiedliche Rollen, trat jedoch nie als der Georg Schramm des öffentlichen Lebens auf. Mit dieser Regel brach er erst Mitte September dieses Jahres in der satirischen Talkshow «Pelzig hält sich».

Einen ersten Schock mussten die zahlreichen Fans des Formats im Mai 2010 verkraften, als Schramm bekannt gab, die Reihe zu verlassen, um nach Jahren der intensiven Fernsehpräsenz den Schwerpunkt seines Schaffens wieder auf sein Bühnenprogramm legen zu können. Bereits Anfang Juni endete die Ära Priol/Schramm, was dem Erfolg der Sendung jedoch keinen Abbruch tat. Mit Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig gelang es den Programmverantwortlichen nämlich, eine kaum minder bissige und beliebte Person für das Format zu gewinnen. Es sollten drei weitere Jahre des politischen Kabaretts der Spitzenklasse folgen.

Marktanteile der «Anstalt»

  • Mit Schramm: 13,7% / 6,4%
  • Mit Pelzig: 14,0% / 6,6%
Durchschnittswerte der 36 Folgen mit Schramm sowie der anschließend 25 Folgen mit Pelzig. Die Werte der Finalfolge wurden noch nicht berücksichtigt.
Aus Sicht der Einschaltquoten lief es für die Sendung insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass Kabarett zumeist eher ein Nischendasein fristet, stets sehr zufriedenstellend. Die Auftaktfolge am 23. Januar 2007 erreichte 16,6 Prozent des Gesamtpublikums und 7,3 Prozent der 14- bis 49-Jährigen bei einer durchschnittlichen Reichweite von 3,86 Millionen. In den Folgejahren sollten nie weniger als 10,9 Prozent insgesamt und 4,2 Prozent der jüngeren Zuschauer erreicht werden, vor allem beim Gesamtpublikum wurden meist klar überdurchschnittliche Werte verbucht. Den bis dato höchsten Marktanteil verbuchte die Abschiedsausgabe von Georg Schramm am 8. Juni 2010, die 16,9 Prozent bei 3,51 Millionen Menschen generierte. Bei den Jüngeren bedeuteten 8,0 Prozent bei 0,74 Millionen die zweitbesten Werte, hier lief es im Dezember 2009 mit 8,5 Prozent bei 0,80 Millionen noch minimal besser.

Nicht ganz so gut startete die neue Ära mit Pelzig am 18. Oktober 2010, die nur auf 15,8 Prozent insgesamt sowie 6,2 Prozent des jungen Publikums bei einer Zuschauerzahl von 3,60 Millionen gelangte. Allerdings blieb der gefürchtete Aderlass komplett aus, im Durchschnitt erreichte die Sendung nun sogar noch leicht höhere Werte als zu Schramm-Zeiten (siehe Infobox). Einen sehr schlechten Tag erwischte man am 26. März dieses Jahres, als nur 11,0 bzw. historisch schwache 4,2 Prozent bei 2,71 Millionen zu Buche standen. Dafür lief es am 25. Juni und 27. August herausragend stark mit 16,5 und 17,2 Prozent beim Gesamtpublikum. Angesichts von 8,4 und 9,4 Prozent bei den Menschen zwischen 14 und 49 Jahren wurden hier gar das beste und drittbeste Ergebnis seit Sendestart erreicht.

Nun jedoch verliert das Format nicht nur einen Teil seines kongenialen Moderatorenpaars, sondern muss gleich Priol und Pelzig ersetzen. Beide moderierten am Dienstag letztmals die Anstalt und wollen sich künftig lieber anderen Projekten widmen. Bei vielen Zuschauern löst dieser recht plötzliche und unvorbereitete Abschied erneut Unbehagen aus, ob dies mit dem Ende einer national relevanten Kabarettsendung einhergehen könnte. Nach dem Abschied von Dieter Hildebrandt vor zehn Jahren erlebte der öffentlich-rechtliche Mitbewerber Das Erste schon einmal den Niedergang eines gefeierten Genre-Vertreters, der «Scheibenwischer» verlor in den Folgejahren mehr und mehr an Reputation und ist inzwischen mit der von Dieter Nuhr moderierten Nachfolgesendung «Satire Gipfel» weitgehend in der Belanglosigkeit angekommen.

Davon, dass «Neues aus der Anstalt» ein ähnliches Schicksal ereilen könnte, ist natürlich nicht zwingend auszugehen. Allerdings hat man sich mit Max Uthoff und Claus von Wagner - welche ab Februar kommenden Jahres die neuen Präsentatoren darstellen - auch nicht die ganz großen Namen des Kabaretts ins Boot geholt, die für eine erfolgreiche Weiterführung garantieren könnten. Uthoff hat immerhin Erfahrung mit der Sendung, da er in den vergangenen Jahren regelmäßig als Gast dort auftrat. Claus von Wagner wiederum machte sich zuletzt mit diversen kurzen Gastbeiträgen in der «heute-show» einen Namen. Die Publikumsreaktionen fielen jedoch bei beiden Personen bislang eher gemischt aus, weshalb es spannend zu beobachten sein wird, wie schnell sie als neue Anstaltsleiter ihr eigenes Profil entwickeln können - ohne den für das Format unerlässlichen Biss zu verlieren. Es gibt sicher dankbarere Aufgaben im Fernsehgeschäft...
02.10.2013 10:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/66496
Manuel Nunez Sanchez

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