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Oscar-Tradition? Argo-Fuck-Yourself!

Die 85. Academy Awards waren ein Albtraum für jeden Freund statistikkonformer Preisverleihungen – und gerade deshalb ganz großes Kino!

„Argo-Fuck-Yourself“ – Das ist nicht nur der denkwürdige Leitspruch in Ben Afflecks Komik und Dramatik ausbalancierendem Politthriller «Argo» und das wohl griffigste Zitat aus den diesjährigen Oscar-Anwärtern, sondern auch das heimliche Motto für die 85. Academy Awards. Denn all jene, die schon Monate vor dem glanzvollsten Abend des Filmjahres ihre Statistiken reiten und darauf basierend selbstsichere Oscar-Prognosen abgeben, erlebten diese Saison allerhand Überraschungen. Und dank Moderator Seth MacFarlane sowie dem Produzenten-Duo Craig Zadan & Neil Meron («Chicago», «Hairspray», «Smash») glich auch die Veranstaltung selbst einem herrlich frischen Wind.

Als bekannt wurde, dass mit MacFarlane der in Sachen Showmoderation eher unerfahrene Schöpfer frecher Trickserien wie «Family Guy» für die Präsentation der 85. Oscars verpflichtet wurde, war die Stimmung unter Filmfans eher unterkühlt. Aber schon in den ersten Sekunden der Show gelang ihm ein Volltreffer, indem er Tommy Lee Jones (dessen dauergelangweiter Gesichtsausdruck während Preisverleihungen mittlerweile Kultstatus erlangte) zum Lachen brachte. Mit Hilfe von Gastauftritten so unterschiedlicher Stars wie William Shatner, Daniel Radcliff, Charlize Theron, Channing Tatum und Joseph Gordon-Levitt sowie des Los Angeles Gay Men's Chorus (der ein Loblied auf die Brüste berühmter Schauspielerinnen anstimmte), gelang MacFarlane eine der beschwingtesten Eröffnungen einer Oscar-Verleihung seit vielen Jahren. Nur Hugh Jackmans Auftritt 2009 war noch gewitzter.

MacFarlane und seine musikbegeisterten Produzenten bescherten den Millionen von Zuschauern eine Show, die dank manch frecher Moderationstexte jugendlich und mutig war, aber dennoch Glamour und Niveau bewies. Während Anne Hathaway und James Franco vor zwei Jahren bei ihrem Versuch, eine hippe Show auf die Beine zu stellen, letztlich eine pointenlose Version der MTV Movie Awards ablieferten, gab es dieses Mal dank stilvoller, schillernder Gesangseinlagen ein willkommenes Gegengewicht zu MacFarlanes Dreistigkeit. Die gut geschnittenen, toll gestalteten Tribute-Shownummern über das Comeback der großen Filmmusicals und das 50-jährige Leinwandjubiläum von James Bond sowie das Vortragen von immerhin drei der fünf nominierten Filmsongs brachten zudem das so wertvolle Entertainment-Flair zurück, nachdem die vorherige Oscar-Nacht zu einer Fließband-Preisverleihung verkam.

So viel also zum eher oberflächlichen Aspekt der Academy Awards. Auf der inhaltlichen, filmhistorisch relevanten Seite drängt sich indes vor allem eine Beobachtung auf: Die Abkehr von den großen, übermächtigen Abräumern bei den Oscars fand nunmehr ihren Höhepunkt. Vor zwölf Monaten bekam der „Bester Film“-Gewinner «The Artist» fünf Goldjungen (bei zehn Nominierungen) und lag somit gleichauf mit «Hugo Cabret», ein Jahr zuvor gewann «The King's Speech» vier Preise bei zwölf Nominierungen. Und nun ging «Argo» noch einen deutlichen Schritt weg von der einstigen Tradition der ihr Jahr dominierenden Oscar-Filme: Mit drei Statuetten ist die Produktion aus dem Hause Warner Bros. einer der raren Streifen, die zwar den Hauptpreis einheimsten, nicht aber die meisten Oscars. Diese Ehre ging an Ang Lees «Life of Pi» – die Romanadaption wurde für ihre Filmmusik, Kameraarbeit, die besten visuellen Effekte sowie Ang Lees Regieführung geehrt.

«Argo» wiederum hat die ungewöhnliche Ehre, der vierte Film der Oscar-Geschichte zu sein, der trotz mangelnder Regie-Nominierung als bester Film gekürt wurde. Außerdem ist das Thrillerdrama einer der wenigen „Bester Film“-Gewinner, die nicht zu den drei am häufigsten nominierten Produktionen ihres jeweiligen Oscar-Jahres zählen. Zuletzt setzte sich 1982 «Die Stunde des Siegers» (ein weiterer Film über eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte) als Nummero vier in der Jahresstatistik gegen seine häufiger nominierte Konkurrenz durch.

Gleich mehrere Einträge ins Hollywood-Geschichtsbuch hat sich «Skyfall» verdient: Es ist der erste James-Bond-Film seit dem 1965 veröffentlichten «Feuerball», der bei den Oscars gewann, und der erste Bond überhaupt, der zwei Preise erhielt. Und nie zuvor wurde das für seine Titelsongs so berühmte Franchise mit einem Song-Oscar gewürdigt. Der erstaunlichste Moment des Abends geschah aber, als der Preis für den besten Tonschnitt ausgerufen wurde: Es kam zu einer Stimmengleichheit zwischen «Skyfall» und dem Thriller «Zero Dark Thirty». Nur fünf Unentschieden gab es zuvor, zuletzt bei den 1997 abgehaltenen Oscars in der Kategorie „Bester Kurzfilm“.

Abgerundet wurde die Liste der unerwarteten Oscar-Gewinne durch Quentin Tarantinos Rachewestern «Django Unchained», der keineswegs typisches Academy-Awards-Material darstellt und dennoch mit den Statuetten für den besten Nebendarsteller und das beste Original-Drehbuch auftrumpfte. Dass die Oscars stets das Gleiche bieten, kann man diese Saison keinesfalls behaupten – und dass dieser Richtungswechsel nicht daherkommt, indem die Academy eine rätselhafte Entscheidung nach der anderen trifft und dabei preiswürdige Leistungen übergeht, sollte jeden Filmfan froh stimmen.

Einzig in einem Punkt enttäuschten die 85. Academy Awards: Sind üblicherweise auch die Dankesreden einer der heißesten Diskussionspunkte am Tag nach der langen Oscar-Nacht, blieb dieses Jahr keine Danksagung in Erinnerung. Keine peinlichen Versprecher, keine denkwürdigen Gags und keine Gewinner, die kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Dafür führten die Showverantwortlichen das Leitthema von «Der weiße Hai» als neue „Du redest zu lange, verschwinde gefälligst von der Bühne!“-Musik ein. Keck, aber tief in der Filmgeschichte verwurzelt und somit auch würdevoll. So sollten die Oscars immer sein!
25.02.2013 08:22 Uhr Kurz-URL: qmde.de/62285
Sidney Schering

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