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1x Eskalation, aber ohne Gebrüll, bitte!

VOX setzt seit Montag nachmittags auf «Hilf mir doch!» und zeichnete in der ersten Folge die Geschichte eines alkoholkranken Chefarztes nach.

Das hätte auch schlimmer kommen können: Am Montag nun begann ein Testlauf in 20 Teilen, mit dem der Privatsender VOX versucht, seine Scripted Reality «Verklag‘ mich doch» auszuweiten. Werden um 13.00 Uhr auch weiterhin Rechtsstreitigkeiten mit regelmäßig mehr als zehn Prozent Marktanteil ausgetragen, widmet sich der Sender eine Stunde später nun (psychologischen) Erkrankungen in «Hilf mir doch!». Der Ableger kommt ebenfalls von filmpool und verwendet bekannte Elemente, die auch «Verklag‘ mich doch!» schon erfolgreich machen.

Anders als «Familien im Brennpunkt» und Co., das trotz täglich wechselnder Protagonisten eine feste Fanbase hat, setzt VOX mit der neuen Sendung auf einen festen Anker – ein immer wieder kehrendes Gesicht. Christian Lüdke (Foto) kommentiert die Szenen und versucht fachkundigen Rat zu geben. Dafür entfallen die „Gedanken“ der Charaktere, die in anderen Scripted Realitys gerne in Interview-Passagen oder aus dem Off eingespielt werden.

Das Grundsetting also ist identisch mit «Verklag mich doch!». Die Produktionsfirma ist bemüht vor allem in schicken, großen und hellen Wohnungen zu drehen – die Prämisse ist klar: Auch dort, wo sich eigentlich jeder wohl fühlen müsste, kann großes Unheil passieren. So wie bei Prof. Dr. Frank Brunnenstedt, Chefarzt und angesehener Kinderkrebsspezialist. Der Mediziner ist alkoholkrank – das Vorzeigethema wird also gleich in der allerersten Episode verbraten.

In den rund 45 Minuten der Episode geht alles den gewohnten Gang: Die Schreiber der Geschichte sind auch hier wieder darauf aus, dass am Ende alles möglichst eskaliert. Wird der Doktor zunächst nur auf seine Fahne angesprochen, ist es später die Polizei, die ihn mit 1,8 Promille im Straßenverkehr erwischt. Verwechselt er zunächst nur den Namen eines Kindes, verletzt er gegen Ende der Geschichte bei einer Operation die Stimmbänder eines Kindes schwer.

Die Figurenzeichnung gelingt in der neuen Sendung allerdings besser als vom Rechtsstreit-Pendant bekannt. Alle vier wichtigen Rollen haben einen klaren Auftrag: Da ist Trinker Frank, der einen Einblick gibt in das stressige und durchaus belastende Leben eines Chefarztes. Da ist die Ehefrau, die in co-Abhängigkeit lebt, die Augen vor der Krankheit verschließt und hauptsächlich darauf aus ist, nach außen die heile Welt zu wahren. Dann taucht ein Assistenzarzt auf, der Aufstiegschancen wittert, wenn er seinem Boss den Rücken stärkt und zuletzt wäre da natürlich die 26-jährige Heldin Charlotte, die die Moral in der Geschichte verkörpert und die Zuschauer an der Hand nimmt.

Gott sei Dank verzichten die Autoren während der Episode auf einen hohen Krawall-Faktor: Gebrüllt wird kaum, auch ist nicht jede Szene auf Biegen und Brechen darauf aus in einer Eskalation zu Enden. Vielleicht ist es auch das, das die Figurenzeichnung etwas glaubwürdiger erscheinen lässt als in vergleichbaren Produktionen.

Ankerpunkt des Formats wird im Testlauf – wie schon erwähnt – Christian Lüdke sein, dem man am Montag keinen allzu guten Einstieg verpasste. Direkt zu Beginn wirken seine Sätze zu gelernt, zu steif. Er bekam hier die Aufgabe die Highlights des nachfolgenden Falls mit Fragen anzuheizen. Im Verlaufe der Sendung wirkt der Experte lockerer und teils sogar unterhaltsam. Er betont zum Beispiel, dass Alkohol ein gutes „Lösungsmittel“ sei. „Er löst Freundschaften auf, Ehen und Familien. Sogar Führerscheine kann er auflösen.“ Oder: „Ist der Alkohol im Körper, ist der Verstand oftmals in der Flasche.“

Auch «Verklag‘ mich doch!» setzt bei Episoden mit Karsten Dusse schon auf eine teilweise recht süffisante Kommentierung, die dem neuen Format ebenfalls gut zu Gesichte steht. Ein Manko hat das Format doch: Lüdke muss in seiner Funktion natürlich die Reaktionen der Protagonisten auf das Geschehene genau unter die Lupe nehmen. Diese aber so herüberzubringen, wie es letztlich in den Kontext passt, gelingt zu meist nicht. Lüdke spricht dann also über Mimiken und Gestiken, die so eigentlich nicht stattgefunden haben, was dem Format nicht gut tut.

Vergleicht man den Neustart mit den üblichen Genrekollegen, die das Nachmittagsprogramm im Privatfernsehen bevölkern, so ist dieser sicherlich im oberen Drittel anzusiedeln. Der Pilot allerdings profitiert auch vom „perfekten Thema“ für die Lebenshilfe-Doku. In dieser Woche wird VOX um 14.00 Uhr noch die Themen Eifersucht, Mobbing, Scheidungskinder und Selbstverliebtheit behandeln. Die Themen also würden im Falle einer Verlängerung nicht ausgehen.
05.11.2012 16:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/60182
Manuel Weis

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