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Der Fernsehfriedhof: Talkshow mit Schleudersitz

Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 164: Eine Sendung, in der das Publikum entschied, welcher Gast wie lang bleiben durfte.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer Show, die sich das Zapping-Verhalten der Zuschauer zum Grundprinzip machte.

«Jetzt sind Sie dran!» wurde am 24. Mai 1996 in Sat.1 geboren und entstand zu einer Zeit, als der Sender unter seinem neuen Chef Fred Kogel mächtig unter Druck geriet. Obwohl die Shows der spektakulären Neuverpflichtungen Thomas Gottschalk («Gottschalks Hausparty» ), Harald Schmidt («Die Harald Schmidt Show») und Fritz Egner («XXO – Fritz & Co») allesamt weit hinter den Erwartungen zurückblieben, ließ sich Kogel jedoch nicht beirren und holte mit Thomas Koschwitz ein weiteres prominentes Gesicht zu seinem Sender. Dieser wurde mit seiner «RTL Nachtshow» als Urlaubsvertretung von «Gottschalk Late Night» bekannt und übernahm nach Gottschalks Wechsel auch dessen festen Sendeplatz. Weil die Quoten dann jedoch massiv einbrachen und es hinter den Kulissen der Produktion Differenzen gab, blieb die Zukunft für Koschwitz bei RTL recht ungewiss. Als ihm Kogel dann im Falle eines Wechsels eine 2-Jahres-Verpflichtung und die Konzeption von gleich drei Formaten versprach, zögerte Koschwitz nicht lang. Im Gespräch waren damals eine „Comedyshow am frühen Sonntagabend, eine humoristische Presseschau und ein Boulevardmagazin ohne Mord und Totschlag“. Zusätzlich wurde ihm die Übernahme einer täglichen Talkshow ab dem Jahr 1997 versprochen.

Als erstes von diesen Formaten ging die Tier-Show «Hamster TV» am 28. Januar 1996 sonntags um 18.00 Uhr auf Sendung, die offenbar jene Comedyshow darstellen sollte. In ihr konnten Haustierbesitzer die Kunststücke ihrer Lieblinge präsentieren. Weil das Geschehen meist nur mäßig unterhaltsam und nur selten komisch war, verschwand das Programm bereits nach sechs Ausgaben wieder. Erst danach startete seine abendliche Talkshow «Jetzt sind Sie dran!». Diese beschränkte sich jedoch nicht nur darauf, vermeintlich interessante Gäste zu zeigen, sondern kombinierte dieses klassische Konzept mit einer interaktiven Komponente. Jeder Zuschauer im Studio verfügte nämlich über einen Abstimmungsknopf, den er drücken sollte, wenn er sich durch die Erzählungen des jeweiligen Gastes gelangweilt fühlte. Waren mehr als die Hälfte der Zuschauer dieser Meinung, wurde der Gast samt Stuhl unter dem Jubel des Publikums aus dem Studio entfernt. So galt es für die Talkgäste die maximale Redezeit von sieben Minuten mit möglichst unterhaltsamen Geschichten und Darbietungen gegen den Zapping-Impuls der Zuschauer durchzustehen. Zu gewinnen gab es dabei nichts, dafür aber die Ehre zu verlieren. Koschwitz übernahm die Rolle des Fragestellers, wobei er sich jedoch meist auf das Geben von Stichworten beschränkte.

Was sich zunächst als innovatives Konzept anhörte, erwies sich schnell als blanke Fehlentwicklung, denn durch den Druck zu jeder Zeit unterhaltsam zu sein, entstanden keine interessanten Gespräche. Passierte dies unerwartet doch, wurden diese nach sieben Minuten gnadenlos abgebrochen. Dazu kam, dass durch das Abstimmungsverfahren stets die primitivsten Darbietungen die meiste Sendezeit erhielten und auch die Auswahl der Gäste mehr als fragwürdig war. So stellten sich Vibratoren-Designerinnen, Kunstpfeifer, Stripper, OP-Opfer und übersinnliche Esoteriker dem Urteil der Zuschauer. Kurz, das Ergebnis war äußerst ernüchternd.

Obendrein war der Sendeplatz recht unglücklich gewählt, denn Koschwitz wurde als Vertretung für die Fußballsendung «ran» ausgewählt, die wegen der Sommerpause der Bundesliga aussetzte. Auf dem klassischen Sportsendeplatz am Freitagabend um 22.00 Uhr vermochte die Talkshow daher kaum Zuschauer für sich zu gewinnen. Das Fazit nach der ersten Staffel fiel entsprechend schwach aus. Doch trotzdem wurde die Sendung für eine zweite Runde verlängert, die in der folgenden Winterpause der Fußballliga auf dem selben Sendeplatz gezeigt wurde. Danach folgte die endgültige Einstellung des Formats.

«Jetzt sind Sie dran!» wurde am 07. Februar 1997 beerdigt und erreichte ein Alter von zwölf Ausgaben. Die Show hinterließ den Moderator Thomas Koschwitz, der niemals eine tägliche Interviewsendung erhalten sollte. Stattdessen übernahm er ab Januar 1997 die tägliche Gameshow «Hast Du Worte!?» von Jörg Pilawa, der stattdessen durch seinen Daily Talk führte und in der Primetime «Wahr oder Unwahr» sowie «Das Goldene Ei» präsentierte. Nach der Einstellung der Gameshow wurde Koschwitz dann zeitweise Moderator des «Sat.1 Frühstücksfernsehens», bevor er für zwei Jahre zu seinem wöchentlichen Prominententalk «Koschwitz» bei N24 einlud. Nach dem kurzlebigen kabel eins-Format «Was macht eigentlich...?» war er im Jahr 2004 zuletzt als erneuter Gastgeber des «Frühstücksfernsehens» regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Danach kehrte er zu seinen Wurzeln im Radio zurück und ist nach einigen Formaten bei verschiedenen Sendern, unter denen auch Morningshows waren, aktuell mit zwei Nachmittagsprogrammen auf zwei Stationen zu hören. Darin reduziert sich seine Tätigkeit jedoch weitestgehend auf das Ankündigen von Gewinnspielen und Bewerben der hauseigenen Morgenshows.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann dem inoffiziellen Vorgänger der Sketchshow «Ladykracher».
10.11.2011 09:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/53111
Christian Richter

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Das Goldene Ei Die Harald Schmidt Show Fernsehfriedhof Fritz & Co Frühstücksfernsehens Gottschalk Late Night Gottschalks Hausparty Hamster TV Hamster-TV Hast Du Worte!? Jetzt sind Sie dran! Koschwitz Ladykracher RTL Nachtshow Sat.1 Frühstücksfernsehe

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