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Der Fernsehfriedhof: Zweimal «Genial daneben» für Arme

Christian Richter erinnert an all die Fernsehmomente, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 158: Zwei dreiste RTL-Kopien einer erfolgreichen Impro-Show.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir des Beweises dafür, dass Hartnäckigkeit nicht immer belohnt wird.

«Gibt’s doch gar nicht!» wurde am 30. Januar 2004 bei RTL geboren und entstand zu einer Zeit, als der Konkurrenzsender Sat.1 am Samstagabend mit seinem damals noch jungen Impro-Quiz «Genial daneben» regelmäßig Zielgruppen-Marktanteile von über 20 Prozent erzielte. Unter diesem Erfolg hatten vor allem die parallel ausgestrahlten RTL-Shows «Krüger sieht alles» und «Olm!» zu leiden. Was lag daher näher, als das genial einfache Konzept der Erfolgsshow zu kopieren, um auch etwas vom neuen Impro-Trend profitieren zu können?

Es entstand eine nahezu identische Show, denn auch im neuen Format mussten prominente Comedians kuriose, aber wahre Geschichten erraten. Der Unterschied zum Original lag nur darin, dass sich die Fragen nur auf Ereignisse, nicht aber merkwürdige Begriffe bezogen und diese zudem stets mit einem Gegenstand verbunden waren, der im Studio vorgeführt wurde. So mussten die Kandidaten erraten, wie ein Paar Skier eine 83-jährige Rentnerin in die Klapsmühle bringen konnte, wie ein Pullover einem chinesischen Koch das Leben gerettet hat und wie die NATO wegen eines Haufens Semmelknödel eine empfindliche Niederlage einstecken musste. Schon anhand dieser Beispiele wurde die inhaltliche Nähe zur Vorlage deutlich. Dazu saßen im sechsköpfigen Rateteam mit Axel Stein und Oliver Pocher auch Protagonisten, die schon bei «Genial daneben» selbst auftraten.

Doch damit nicht genug der Ähnlichkeiten. Das Duplikat wurde nämlich von der Produktionsfirma Hurricane hergestellt, die auch für das Original zuständig war und die sich damit schlicht selbst kopierte. Als Moderator wurde der Kabarettist und Buchautor Dieter Nuhr verpflichtet, der ebenfalls regelmäßig bei «Genial daneben» am Tisch saß und dessen Liveshows konsequenterweise ebenfalls von Hurricane produziert wurden. Zudem lagen sogar die Produktionsstudios beider Sendungen in unmittelbarer Nachbarschaft. Kurz, irgendwie blieb auch beim Abklatsch alles in der Familie.

Das war allerdings für die Zuschauer offenbar zuviel der Ähnlichkeiten, denn in zahlreichen Foren häuften sich am Tag nach der Premiere missmutige Stimmen über das dreiste Plagiat. Entsprechend dürftig war dann auch die Zuschauerresonanz. Den Auftakt verfolgten nur 2,73 Millionen Zuschauer. Der Marktanteil bei den jungen Zuschauern kletterte nicht über 16 Prozent. Damit blieb die RTL-Version nicht nur hinter den Werten von «Genial daneben», sondern auch hinter dem eigenen Senderschnitt zurück. Berechtigte Skeptik am Erfolg der Show schienen die Programmverantwortlichen schon im Vorhinein gehabt zu haben, ließen sie doch zunächst nur zwei Pilotausgaben produzieren. Weil die Quoten dann enttäuschten, ging das Format nie in Serie.

Von diesem Misserfolg ließ sich der Kanal jedoch nicht entmutigen, denn rund zweieinhalb Jahre später wagte er einen neuen Versuch, die Sat.1-Sendung zu imitieren. Diesmal wurde das Originalkonzept dahingehend geändert, dass den prominenten Kandidaten nun Fotos gezeigt wurden, auf denen skurrile Situationen zu sehen waren. Die Aufgabe bestand dann darin zu erraten, was genau geschehen ist. In der einstündigen Show wurden den Gästen Gaby Köster, Susan Sideropoulus, Paul Panzer und Atze Schröder daher diese Fragen gestellt: Warum steht ein Pfarrer schwer bewaffnet vor einer Kirche? Oder: Worüber beschwert sich eine aufreizend gekleidete Dame in ihrem eigenen Wohnzimmer bei der Polizei?

Die Moderation der Sendung mit dem einfallsreichen Titel «Was’n hier passiert?!» übernahm nun Oliver Geissen. Dieses Engagement war wenig überraschend, war Geissen doch als Gesellschafter an der ausführenden Produktionsfirma Norddeich TV selbst beteiligt und diese bereits für seine tägliche Talkshow verantwortlich.

Wieder schien der Sender RTL kaum Vertrauen in das Programm zu haben und bestellte lediglich eine Pilotsendung, die am Samstag, den 03. November 2007, direkt im Anschluss an das Finale der ersten «Supertalent»-Staffel ausgestrahlt wurde. Nach Mitternacht erreichte sie rund 1,49 Millionen Menschen sowie einen werberelevanten Marktanteil von 15,4 Prozent. Erklärend muss jedoch erwähnt werden, dass sie mit «Schlag den Raab» auch eine starke Konkurrenz meistern musste. Dennoch waren dem Sender die Quoten zu niedrig, denn auch von «Was’n hier passiert?!» wurden abseits der Probefolgen keine weiteren Ausgaben mehr in Auftrag gegeben.

«Gibt’s doch gar nicht!» wurde am 06. Februar 2004 beerdigt und erreichte ein Alter von zwei Folgen. Die Show hinterließ den Moderator Dieter Nuhr, der bei RTL viele Comedy-Events sowie einige Ausgaben der Show «Typisch Frau - Typisch Mann» präsentierte. Ab 2011 war er zudem der Gastgeber des «Satire Gipfels» im Ersten.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann einer «Samstag Nacht»-Kopie, in der viele spätere Comedystars entdeckt wurden.
06.10.2011 10:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/52389
Christian Richter

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