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«The High Note», oder: First World Problem - Der Film

Eine Musikkomödie nach optimalen Zutaten, konsequent in den Sand gesetzt: Nisha Ganatras «The High Note» besticht maximal mit schönen Aufnahmen von Kalifornien, krankt aber gehörig an einem mangelhaften Drehbuch.

Filmfacts: «The High Note»

  • VÖ: 25. Juni 2020 (Kino), 26. Juni (Leihstream)
  • FSK: o. Al.
  • Laufzeit: 114 Min.
  • Genre: Musikfilm/Romanze
  • Kamera: Jason McCormick
  • Musik: Amie Doherty
  • Buch: Flora Greeson
  • Regie: Nisha Ganatra
  • Darsteller: Dakota Johnson, Tracee Ellis Ross, Kelvin Harrison Jr., Bill Pullman, Ice Cube, Zoe Chao, Marc Evan Jackson
  • OT: The High Note (USA/UK/CHN 2020)
„Von den Machern von «Yesterday» und «Bridget Jones»“ prangt auf dem Filmplakat von Nisha Ganatras «The High Note». Das ist nur bedingt korrekt, denn in der starbesetzten Musikkomödie hatten weder Danny Boyle noch Sharon Maguire ihre Finger im Spiel. Und auch unter den Drehbuchautoren findet man keinerlei übereinstimmende Personalie, die den Werbesatz rechtfertigen würde. In diesem Fall besinnt man sich natürlich auf das Studio: Universal Pictures brachte hierzulande sowohl die weit unter ihren Möglichkeiten verbliebene Beatles-Comedy als auch Renée Zellwegers Durchbruchskomödie heraus. Und in Filmstudios nutzen die PR-Abteilungen eben gern mal Projekte aus dem eigenen Katalog, um in Werbeanzeigen ein Gefühl dafür zu vermitteln, was den Zuschauer bei einem neuen Produkt wohl erwarten mag. «The High Note» spielt auf der einen Seite im Musikgeschäft (daher der Vergleich mit «Yesterday») und erzählt auf der anderen Seite eine zarte Romanze (wodurch die «Bridget Jones»-Referenz zustande kommt).

Und doch kann das Endergebnis selbst mit dem ohnehin fehlgeschlagenen Beatles-Evergreen-Vehikel nicht mithalten. Der Grund dafür ist das durch und durch missratene Drehbuch der Debütantin Flora Greeson, das die Geschichte rund um eine von einer Karriere als Produzentin träumende Musikerassistentin als Aneinanderreihung von First-World-Problems präsentiert, in der man folglich nicht einer einzigen Figur so etwas wie ein Happy End gönnt. Und ebenjenes kommt dann auch noch mit einem hanebüchenen Twist daher.



Sie wär so gern Musikproduzentin


Persönliche Assistentin für Musik-Superstar Grace Davis (Tracee Ellis Ross) zu sein, ist ein absoluter Fulltime-Job. Da bleibt Maggie (Dakota Johnson), die noch dazu seit Kindertagen ein glühender Fan der Soullegende ist kaum Zeit, ihren eigenen großen Traum zu verwirklichen und selbst Musik zu produzieren. Das macht ihr auch Jack Robertson (Ice Cube) immer wieder deutlich, der aktuell bemüht ist, ein neues Album für Grace Davis zu produzieren, um sie so zurück in die Charts zu katapultieren. Erst die Begegnung mit dem jungen charmanten David (Kelvin Harris Jr.), einem geheimnisvollen aufstrebenden Sänger, stellt ihr Leben auf den Kopf und lässt sie wieder an sich selbst und an die Liebe glauben. Doch mit der Lüge, Maggie sei selbst eine erfolgreiche Musikproduzentin, fangen die Probleme erst an…

Regisseurin Nisha Ganatra veröffentlichte im vergangenen Jahr ihren ersten, von einem breiten Publikum wahrgenommenen Spielfilm «Late Night». In dem für einen Golden Globe (Beste Hauptdarstellerin, Komödie für Emma Thompson) nominierten Hinter-den-Kulissen-Porträt einer fiktiven Late-Night-Show kombiniert die zuvor an Serien wie «Brooklyn Nine-Nine» beteiligte Filmemacherin herzliche Pointen mit einem wunderbar bissigen Appell an Diversität und gegen die heutzutage überall stark ausgeprägte Ellenbogengesellschaft. Für uns gehörte «Late Night» daher zu den besten Filmen des Jahres 2019. Und auch sonst kam der Film bei Kritikern und Zuschauern gut bis sehr gut weg. Umso mehr verwundert nun ihr qualitativ weit dahinter verweilendes Nachfolgewerk, wenngleich sich Nisha Ganatra für das Misslingen von «The High Note» noch die geringsten Vorwürfe machen lassen. Lediglich im Schlussdrittel wirkt eine Szene wie die Eins-zu-eins-Kopie eines wichtigen Moments in «Late Night»; Kreativität sieht anders aus. Doch davon abgesehen ist die Musikkomödie hochwertig produziert und hätte dank der starken Kameraarbeit von Jason McCormick («Booksmart») auch auf der Leinwand eine gute Figur gemacht. Aufgrund der Corona-Pandemie erscheint der Film nun allerdings nur vereinzelt in den Kinos und parallel dazu direkt im Heimkino.

Die ein bisschen zu häufig in tiefstehendes Sonnenlicht getauchten Kalifornien-Panoramen machen Lust auf den nächsten Amerika-Urlaub, betonen aber auch, dass hier einmal mehr besonders schöne Menschen in besonders schönen Häusern nur bedingt ernstzunehmende Probleme haben. In «The High Note» sieht einfach alles eine Spur zu perfekt aus; haben die hier allesamt am Geschehen Beteiligten maximal First-World-Problems, was durch das allzu oberflächliche Skript gleich mehrfach unterstrichen wird. Und dann wird es erst so richtig ärgerlich.

Leere Figuren vor schöner Kulisse mit banalen Problemen


Leidtragende hieran ist vor allem Dakota Johnson. Die in Filmen wie «Suspiria» brillierende Schauspielerin hat sich längst von ihrem Image der lebenden «Shades of Grey»-Dekoration losgesagt und versüßte zuletzt so sympathische RomComs wie «How to be Single». In «The High Note» fällt ihre natürlich-charismatische Ausstrahlung nun einer Figurenzeichnung zum Opfer, die kein gutes Haar an der im Grunde bloß hochengagierten Nachwuchs-Produzentin lässt. Will Drehbuchautorin Flora Greeson ja eigentlich vom Konflikt zwischen Kunst und Kommerz erzählen und an der noch völlig unbedarft im Musikbusiness tätigen Maggie aufzeigen, dass es nicht unbedingt jahrelange Erfahrung und reines Erfolgsdenken braucht, um die Essenz eines Künstlers zu erkennen, legt das Skript Dakota Johnson hingegen ausschließlich oberflächliches Gebrabbel in den Mund. Bis zuletzt gelingt es dem Film nicht, Maggies Musikgespür greifbar zu machen.

Stattdessen entlarvt sich die dadurch alles andere als sympathische Figur mehr und mehr der Poserei. Und auch wenn man nun argumentieren möchte, dass es ja ein nicht unwichtiger Plotbestandteil ist, dass Maggie ihr Produzentendasein nur vorspielt (gegenüber dem aufstrebenden Künstler und ihrem späteren Love-Interest David gibt sie sogar vor, bereits mehrere Klienten zu besitzen), so sollte ja zumindest ein gewisses Musikwissen erkennbar sein. Schließlich macht sie das Skript auf Biegen und Brechen zu ebenjener Sympathieträgerin, die unter all dem Kommerz die Kunst noch längst nicht aus den Augen verloren hat.

Dass in «The High Note» solche Dinge zum Konflikt erklärt werden wie etwa das Angebot an Grace Davis, eine eigene Show in Las Vegas zu erhalten (wo die Soullegende doch viel lieber durch die Welt touren würde), sei an dieser Stelle nur eine den bereits aufgegriffenen First-World-Problem-Aspekt betonende Randnotiz. Dass derartige „Probleme“ hier allenfalls Kopfschütteln, nicht aber Mitgefühl hervorrufen, liegt nicht zuletzt auch daran, dass man der von Diana-Ross-Tochter Tracee Ellis Ross («Black-ish») verkörperten Grace Davis ihren Megastarstatus nicht abkauft. Es ist nicht so, dass Ross hier nicht ab und an die Gelegenheit bekäme, ihre beeindruckende Schmetterstimme unter Beweis zu stellen. Auch Kelvin Harrison Jr. («Waves») hätte als RnB-Künstler sicherlich gute Chancen, sollte es mit der Schauspielerei irgendwann nicht mehr klappen. Doch für einen Musikfilm mangelt es «The High Note» schlicht an eingängigen Songs. Sowohl die angespielten Nummern von Grace Davis als auch jene von David klingen zudem allesamt sehr ähnlich. Und wenn einer der beiden doch mal einen potenziellen Ohrwurm anstimmt, würgt Nisha Ganatra diesen ab, noch bevor er sich überhaupt im Zuschauergedächtnis festsetzen kann.

Die den Film zukleisternde Ansammlung an späten Neunziger- und frühen Zweitausenderpopsongs hinterlässt da fast den stärkeren Eindruck. Wenngleich nicht unbedingt den positiveren. Wer weiß: Vielleicht hätte sich am Ende einfach Ice Cube («22 Jump Street») auf seine Wurzeln als Rapper besinnen sollen. Seine passionierte Performance des um seinen Status als Hitmogul fürchtenden Musikproduzenten sticht auch ganz ohne Rap-Einlage am stärksten aus «The High Note» heraus.

Fazit


Eigentlich besitzt «The High Note» alle notwendigen Zutaten für einen launig-musikalischen Feelgood-Film. Doch das Drehbuch setzt die Charakter- und Erzählschwerpunkte vollkommen falsch. Das Endergebnis ist eine erschreckend musikarme Veranschaulichung von unsympathischen Figuren mit First-World-Problems vor immerhin berauschender Kulisse.

«The High Note» ist ab dem 25. Juni in einigen Kinos zu sehen und ab dem 26. Juni als Leihstream erhältlich .
24.06.2020 13:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/119233
Antje Wessels

super
schade


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