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Die Kritiker: «Ich brauche euch»

Zunächst mag der Film von Max Färberböck konventionell wirken. Aber bleiben Sie dran: Denn rasch mausert er sich zu einer der besten Produktionen des Jahres.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Mavie Hörbiger als Silvi Jäger
Elias Eisold als Jani Bach
Geraldine Schletter als Alexandra Bach
Fritz Karl als Markus Bach
Judith Engel als Sabine Bach
Fabian Hinrichs als Alexander
Stella Tu als Mei Li

Hinter der Kamera:
Produktion: Bavaria Fiction GmbH
Drehbuch: Max Färberböck (auch Regie) und Catharina Schuchmann
Kamera: Daniela Knapp und Katja Rivas Pinzon
Produzentin: Anna Oeller
Es beschleicht einen der Eindruck, dass Regisseur Max Färberböck uns zunächst bewusst auf eine falsche Fährte führen will, indem er uns in den ersten zehn Minuten von «Ich brauche euch» schier jedes Klischee und vorherrschende Stilmittel aus der landläufigen Degeto- oder Herzkino-Spielart vorstellt: Ein schon etwas älteres Ehepaar feiert im geschniegelten Garten seines großbürgerlichen Berliner Anwesens den 23. Hochzeitstag; sie dankt ihm für „die Luft, die Liebe, die Kinder“, alle stoßen eifrig an, der Nachwuchs springt noch einmal in den Pool und am Abend wird bei schummeriger Beleuchtung und amerikanischer Pianomusik das letzte Glas Rotwein auf eine geglückte Ehe getrunken.

Doch am nächsten Morgen liegt die Frau leblos auf dem Sofa. Der Mann hatte sie in plötzlicher Raserei totgeschüttelt. Das ruft Silvi Jäger (Mavie Hörbiger) auf den Plan, die entfremdete Schwester der Ermordeten und Tante ihrer beiden Kinder Jani (Elias Eisold) und Alexandra (Geraldine Schletter), die sie nun aus menschlicher (und irgendwie leidiger) Pflichterfüllung zu sich nimmt. Von Anfang an ist ihr dabei klar, dass sie dieser Anforderung eigentlich überhaupt nicht gewachsen ist: Das liegt nicht nur an ihrem extremen beruflichen Pensum als Modedesignerin und Unternehmerin, sondern auch an ihrem Widerwillen zu emotionalen Bindungen.

Will man sich auf diesen Film einlassen, muss man sich spätestens an dieser Stelle von dem Vordergründigen trennen. Das fällt angesichts des Normalzustands der fiktionalen deutschen Fernsehunterhaltung schwer, schließlich wird man bei sieben von zehn Filmen nur auf eine gähnende, deprimierende Leere stoßen, wenn man sich ernsthaft auf die Suche nach thematischer oder psychologischer Hintergründigkeit machen will. Doch bei «Ich brauche euch» muss man diese Konvention ignorieren, denn in schier Hemingway’schem Erzählstil verkürzen Färberböck und seine Co-Autorin Catharina Schuchmann die Darstellung der emotionalen Zustände und Lebenssituationen ihrer Figuren bis an den Rand der Verständlichkeitsgrenze. Dass das Unerklärliche lange unerklärlich bleibt, ist in deutschen Fernsehfilmen dabei gemeinhin ein beliebtes Motiv – oft aber als bloßer Versuch, über inhaltliche Fahrigkeiten hinwegzutäuschen und das Undurchdachte zu kaschieren.

Nicht so bei «Ich brauche euch»: Denn die sprachlich einfach klingenden Diagnosen – „Ich war ungeeignet.“, „Ich habe das falsche Leben gelebt.“ – erfahren mit zunehmender Laufzeit einen immer erstaunlicheren Grad an intellektueller und emotionaler Komplexität, die (bewusst) erst auf dem dramaturgischen Höhepunkt auch in den Dialogen eine sprachliche Ebenbürdigkeit findet: Dann, als sich die von Mavie Hörbiger extrem versatil und exaltiert gespielte Tante wider Willen und bitter gescheiterte Vertraute über ihr Leben erklären muss.

Derweil gestehen Färberböck und Schuchmann – ebenfalls untypisch für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm – auch ihren jungen Charakteren psychologische Komplexität zu und begegnen ihnen mit ernsthaftem Interesse, anstatt sie mit einer exploitativen Begaffung ihrer Trauerarbeit die Zuschauersympathien auf billige Art erhaschen zu lassen. Mit beeindruckendem Verständnis erzählt dieser Film von der langsam anwachsenden und später bewundernswerten emotionalen Stärke des vierzehnjährigen Jungen, dem der Vater die Mutter ermordet hat.

Es mag letztlich doch unterkomplex wirken, dass trotz dieses Schatzes an ernsthaften emotionalen Zumutungen alle Handlungsfäden auf jenen einen zentralen Satz hinauslaufen, den schon der Titel vorgibt: „Ich brauche euch“ als wechselseitiges Zugeständnis der gefühlsunterdrückten, psychisch zurückgezogenen Sylvie und der verwaisten Kinder, denen sie trotz bestem Willen nur bedingt eine Stütze sein kann. Doch diese inhaltlich etwas geschlossene Beobachtung verliert jede Bedeutung angesichts eines Films, der weder vor übergroßer Sentimentalität noch vor manchmal schwer erträglicher Gefühlskälte Angst hat, und uns stattdessen ehrlich über Trauer und Schuld reflektieren lässt.

Das ZDF zeigt «Ich brauche euch» am Montag, den 11. Mai um 20.15 Uhr.
11.05.2020 09:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/118205
Julian Miller

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