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Netflix‘ «Finger weg!»: Die Lücke, die MTV hinterließ

Netflix startet im Dating-Genre voll durch und hat nach «Liebe.Macht.blind» ein neues Format am Start: Wie von allen Genrevertretern bekannt, spielt es vor himmlischer Kulisse – den heißen Singles winkt obendrein ein üppiges Preisgeld. Was die Teilnehmer aber erst im Laufe der Sendung wissen: Eine Art Lufterfrischer vermasselt ihnen ordentlich die Tour. Sich aufstauende Hormone sind in diesen acht Episoden also mehr als garantiert.

Strand mit weißem Sand, perfekter Ausblick auf’s Meer, Palmen, trainierte Körper, glänzende Haut: Das sind die Zutaten von den gängigen Dating-Shows, die derzeit nicht nur das deutsche Fernsehen fluten. Zuletzt mischte in diesem Segment auch ein neuer Player kräftig mit: Streamingdienst Netflix. Weil Anfang des Jahres 2020 «Liebe.Macht.Blind» so erfolgreich war, wurde mit Nachschub nicht lange gewartet. Laura Gibson und Charlie Bennett haben unter dem Dach von Fremantle seit 2016 an einer Dating-Show namens «Too Hot to Handle», zu deutsch: «Finger weg!» gearbeitet und sie im vorherigen Jahr letztlich in die Tat umgesetzt.

Wie schon erwähnt: Die Grundzutat ist auch bei diesem Format die bekannte: Eine Traumkulisse, zwei Hand voll williger Singles, knackige Körper und flache Sprüche. Nein, es ist per se nicht schlimm, dass eine Kandidaten nicht weiß, wo genau Australien liegt und für die Grundausrichtung von «Finger weg» sogar förderlich, dass es in den Gesprächen der Teilnehmer nur um Äußerliches geht. Denn genau diesen Faktor versuchen die Macher durch einen Kniff im Konzept außen vor zulassen.

Worum geht es also eigentlich? Die nacheinander gierenden Singles haben zunächst Zeit, sich ganz ungezwungen kennen zu lernen, vielleicht sogar schon einen Favoriten auszumachen. Das Ding namens Lana, das in ihren Zimmern herumsteht, nehmen sie dabei nicht wahr und sie wissen auch nicht, dass ihnen quasi die Zeit davon läuft. Denn Lana, das aussieht wie ein Luftbefeuchter und eine Art „Alexa“ ist, ist nicht nur Moderator der Show, sondern auch dafür zuständig, die aufgestellten Regeln zu beachten. Denn: Um am Ende 75.000 Euro Preisgeld mit nach Hause zu nehmen, müssen die Singles enthaltsam sein. Küsse kosten 3.000 Euro, geht es richtig zur Sache, werden von der Summe sogar 20.000 Euro abgezogen.

Es sei nicht zu viel gesagt, aber: Nicht alle können sich an das titelgebende Motto «Finger weg!» halten. Schon in der Auftaktfolge, nach rund 15 Minuten wurde dem ersten Teilnehmer schließlich schon die Hose zu eng. Auch mit dem neuen Format, das Netflix in der Woche nach Ostern freigeschaltet hat, scheint der Dienst den Nerv des Publikums getroffen zu haben. Über das Wochenende belegte «Finger weg!» in der Netflix-internen Rangliste den ersten Platz und landete somit sogar vor bekannten Fiction-Hits wie «Das Haus des Geldes». Das Rezept ist einfach erklärt und nicht anders als bei vergleichbaren Schritten, die Netflix zuletzt im Reality-Feld unternahm. Rasches Erzähltempo, große Schauwerte, ansprechendes Design. Hergestellt wurde die Sendung in einem erst 2018 eröffneten Luxus-Resort in Punta Mita (Mexiko).

So urteilen die internationalen Kollegen

Die Teilnehmer sind alle im Reality-TV aufgewachsen und kennen sich mit den Tropen bestens aus: Sie spielen eine Rolle und sind nicht sie selbst. Die Sprecherin, die Komikerin Desiree Burch, will auch ihren Teil vom Kuchen abhaben. Sie verspottet das, was vor ihr liegt, während sie gleichzeitig voll in das Geschehen involviert bleibt. Aber die Episoden sind kurz, nahrhaft und ekelerregend bingeable. Ich hatte weder ein gutes Gefühl, alle acht Episoden zu verschlingen, noch konnte ich mich davon abhalten.

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Der Erfolg wird Netflix dazu bewegen, die eingeleiteten Schritte möglicherweise noch schneller zu gehen. Neben «Liebe.Macht.Blind» hatte der Dienst Anfang 2020 schon ein neues Reality-Projekt getestet, in dem Kandidaten zwar in einem Haus, aber in getrennten Wohnungen leben, aber nur via Chats miteinander verbunden sind: «The Circle». Die Show hat inzwischen Ableger mit Teilnehmern aus Brasilien und Frankreich erhalten, ebenfalls anwählbar beim Streaming-Dienst.

Das zeigt sehr schön den Wandel, den Netflix in den zurückliegenden Monaten ganz offensiv angetrieben hat. 2014 oder 2015 wurde noch über Netflix gesprochen, weil es Spitzenserien wie «House of Cards», «Bloodline» oder «BoJack Horseman» beheimatete, in den Jahren danach aber wurde ein Trend immer erkennbarer: Besonders Inhalte für eine junge, weibliche Zielgruppe verkaufen sich auf der Plattform gut: «Riverdale», die Teenie-Soap des US-Senders The CW ist da nur ein Beispiel – die Geschichten rund um Archie laufen in Deutschland exklusiv beim Streamingdienst, den Zahlen der Marktforscher von Goldmedia nach zu urteilen sogar mit richtig großem Erfolg. Das von Lifetime übernommene und somit gerettete «You» und eigene Serien wie etwa «Elite» treffen die Lebenswirklichkeit junger Leute genauso gut.

So war es quasi nur der logische Schritt, dass Netflix, um weiter bei der Masse zu punkten, inzwischen weniger auf Mammut-Serien-Projekte setzt, sondern vermehrt auf so genannte leichte Kost setzt. Dass man dabei gegen ein immer größer werdendes Feld an Konkurrenten antritt (RTL und TV Now haben erst vor wenigen Tagen etwa die Neuauflage einer von MTV bekannten Sendung namens «Are You the One?» gestartet und neben dem «Bachelor»-Universum inzwischen auch andere Reihen wie «Temptation Island» im Feuer), dürfte für Netflix angesichts der vorgelegten Zahlen kein Hindernis sein. Es ist auch ein Beweis dafür, dass Netflix deutlich mehr im Alltag angekommen ist als noch vor fünf oder sechs Jahren. Daher braucht Netflix Formate, die sich leicht und einfach „nebenbei“ konsumieren lassen, die nicht sonderlich viel Hirnschmalz fordern und zudem auch eine vom Serienboom längst gesättigte Zielgruppe ansprechen.

Insofern: Per se alles richtig gemacht! Dass sich die Formate an Oberflächlichkeit und vor Plattitüden derart überbieten müssen, ist wohl vor allem der sehr amerikanischen Machweise geschuldet. Auch das ist nichts Neues: Was die Jugend früher im Nachmittagsprogramm von MTV serviert bekam, holt sie sich nun bei Netflix. Der Nachschub wird obendrein nicht ausgehen: Von «Liebe.Macht.blind» sind mittlerweile zwei weitere Staffeln geordert, «The Circle» geht weiter und auch «Finger weg!» dürfte auf gutem Wege sein, noch etwas länger Teil des Angebots zu bleiben.

Die erste Staffel von «Finger weg» umfasst acht Episoden und ist auf Netflix verfügbar.
20.04.2020 09:02 Uhr Kurz-URL: qmde.de/117646
Manuel Weis

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Tags

Liebe.Macht.Blind Too Hot to Handle Finger weg Finger weg! Das Haus des Geldes The Circle House of Cards Bloodline BoJack Horseman Riverdale You Elite Are You the One? Bachelor Temptation Island Liebe.Macht.blind

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Es gibt 9 Kommentare zum Artikel
Blue7
20.04.2020 16:50 Uhr 7
The Circle ist wirklich ein super Produkt. Habe mit den Trailer von Finger weg! angesehen. Scheint in der Tat aber so ein Trashformat im Mixe von Temptation Island mit Prolls und Jersey Shore/Geordie Shore sein. War jetzt ehrlich gesagt laut Trailer nichts was ich demnächst auf Netflix schauen werde.
tommy.sträubchen
20.04.2020 22:41 Uhr 8
Auch wenn ich komischerweise Formate wie PuP und BB mag kann ich mit Bachelor oder ähnlichen Formaten ( Geordie Shore furchtbar) nix anfangen. Aber Netflix will jeder Gruppe was bieten. Finanziell gesehen, ziemlich logisch. Ob es der Marke gut tut diskutieren wir in 12 Monaten. Die Leute die sagen den Mist kann ich im Free TV sehen, verstehe ich da auch. Mal sehen wie sich alles entwickelt.
Blue7
21.04.2020 11:08 Uhr 9
Wobei man sagen muss The Circle ist wirklich was neues. Klar gibts Elemente von Big Brother, Instagram, Amazon Alexa und Facebook, aber sehr gut portioniert.

Geordie Shore hatte ich auch noch nie gesehen, wie auch das damalige RTL Format Hotel irgnedwas.
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