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Die Kritiker: «Stumme Schreie»

Wenn man Lust auf einen unangenehmen Fernsehfilm hat, der aufrüttelt und schmerzt, ist man mit «Stumme Schreie» an der richtigen Stelle. Dabei geht der Film an Stellen, die Tabus brechen und extreme Missstände aufzeigen.

Cast und Crew

Vor der Kamera:
Natalia Belitski ist Jana Friedrich
Jürgen Maurer ist Kurt Bremer
Hanna Hilsdorf ist Nicole Binder
Carla Demmin ist Desiree
Till Patz ist Jason

Hinter der Kamera:
Regie: Johannes Fabrick
Drehbuch: Thorsten Näter
Kamera: Helmut Pirnat
Musik: Annette Focks
Schnitt: Simon Blasi
Jana ist eine junge und vielversprechende Ärztin, die ihr Handwerk beherrscht. Ihr Weg als Nachwuchsärztin führt sie an das Hamburger Institut für Rechtsmedizin. Bei der Untersuchung eines Jungen wird ihr schnell klar: das Kind wurde misshandelt. Der kleine Paul hat eine schwer verbrannte Hand, zahlreiche Wunden auf dem Rücken und Jana erkennt sofort, dass Gewalt im Spiel ist. Ihr Vorgesetzter und Chefarzt Kurt Bremer hat den Sachverhalt ebenso erkannt, doch beiden sind die Hände gebunden. Noch dazu stehen die beiden Mediziner vor der Frage, wer es getan hat und warum? War es der Vater, wie man zuerst annehmen mag, oder spielt auch die Mutter eine Rolle dabei?

Leider ist Paul nicht der einzige Fall, mit dem sich Jana und Kurt beschäftigen müssen. «Stumme Schreie» öffnet parallel dazu einen zweiten Handlungsstrang, in dem eine Familie einer sozialen Unterschicht porträtiert wird. Der arbeitslose Mann, der sich mehr für sein Bier interessiert, als für seine Kinder und seinen Sohn so hart schlägt, dass er zu bluten beginnt. Angenehm ist die zweite Handlung nicht, aufrüttelnd schon. Zudem hat die Darstellung der sozial schwachen Familie einen - wenn auch nur leichten - faden Beigeschmack. Etwas zu klischeehaft fällt das Porträt der Familie aus, etwas zu sehr wird auf bereits bekannte Muster gesetzt. Zugleich macht «Stumme Schreie» aber auch deutlich, dass gerade dieses Szenario keine Seltenheit ist und tagtäglich passiert.

Die Thematik der Kindesmisshandlung ist selbstverständlich nie etwas Angenehmes, so auch in diesem nicht. Und auch wenn es sich bei «Stumme Schreie» keineswegs um kurzweilige oder gar humorvolle Unterhaltung handelt, ist der Film wichtig die Missstände und die Strukturen, die zu ihnen führen, aufzuzeigen.

Der Ansatz bei diesem Aspekt ist natürlich denkbar schwierig. Der Fernsehfilm macht jedoch nicht den Fehler der Einseitigkeit. Es wird sowohl die sozial schwache Familie gezeigt, die finanziell einen schwierigen Stand hat, aber auch die wohlhabende Seite wird aufgezeigt. Damit macht «Stumme Schreie» deutlich, dass sich die Straftat nicht nur auf eine Schicht beschränkt, sondern leider in allen auftaucht. Dasselbe gilt für das Geschlecht. Während der Film anfangs den Eindruck erweckt, dass der Ehemann Grund für die Misshandlungen an Paul ist, bricht er kurz darauf diese Darstellung wieder auf. Diese vielen Perspektiven machen den Film zu einem intelligenten und durchdachten Film, der weder einen Bias, noch eine bestimmte politische Haltung hat.

Das wohl schmerzhafteste an «Stumme Schreie» ist jedoch das Aufzeigen der Möglichkeiten, die die Ärzte haben gegen den Missbrauch vorzugehen. Denn diese sind beschränkt. Sowohl das Jugendamt, als auch die Polizei können und wollen nicht so agieren, wie es die beiden Mediziner für richtig erachten. Das ist nicht nur erschreckend mitanzusehen, sondern zeigt zugleich auf, dass Menschen für gewisse Vorteile tatsächlich über Leichen gehen.

Die bedrückende Atmosphäre des Films kommt durch die entsprechende Thematik von selbst auf, doch auch die beiden Hauptdarsteller tragen einen großen Teil dazu bei. Natalia Belitski, die die junge Jana verkörpert, ist sehr überzeugend und schafft es bei dem Publikum mehrere Emotionen - von Wut bis hin zu Mitgefühl - zu erzeugen.

«Stumme Schreie» ist weder eine angenehme, noch eine unterhaltsame Erfahrung. Eine wichtige ist sie hingegen schon. Mit starkem Schauspiel zeigt der Film auf, wie grausam das Schicksal der Familien ausfällt und wie schwer es für die Ärzte ist dagegen vorzugehen.

Das ZDF zeigt «Stumme Schreie» am 18. November um 20.15 Uhr.
18.11.2019 10:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/113724
Martin Seng

super
schade


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Stumme Schreie

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Familie Tschiep
19.11.2019 13:28 Uhr 1
Wichtiges Thema, aber ungeschicktes Drehbuch. Manches Information hätte man geschickter in die Geschichte einflechten müssen, es waren mir zu viele Erklärbären dabei, manchmal wirkte es fast wie Nachmittagsfernsehen, weil man die Konflikte zu plakativ angesprochen hat, etwas mehr Zwischentöne wären besser gewesen und mehr künstlerische Handschrift. Der Schauspieler des Arztes wirkte wie ein Faktaufsager.
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