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«Das perfekte Geheimnis»: Eine Kammerspielkomödie über Freunde, die meinen, dass sie nichts zu verbergen haben

Drei Frauen. Vier Männer. Sieben Telefone. Und die Frage: Wie gut kennen sich diese Freunde und Paare wirklich? Bei einem Abendessen entschließen sie sich zu einem Spiel: Alle legen ihre Smartphones auf den Tisch, und alles, was reinkommt, wird geteilt …

Filmfacts «Das perfekte Geheimnis»

  • Regie: Bora Dagtekin
  • Darsteller: Elyas M'Barek, Florian David Fitz, Jella Haase, Karoline Herfurth, Frederick Lau, Wotan Wilke Möhring, Jessica Schwarz
  • Produktion: Lena Schömann, Bora Dagtekin
  • Kamera: Moritz Anton
  • Schnitt: Sabine Panek
  • Musik: Egon Riedel
  • Laufzeit: 118 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Dinnerparty während einer Mondfinsternis unter (Noch)-Freunden: Ein langjähriges Ehepaar, er ist Schönheitschirurg, sie ist Psychotherapeutin, begrüßt zwei befreundete Pärchen bei sich: Ein gestresstes Ehepaar mit Kindern, und ein noch etwas frischer gebackenes, hibbeliges Pärchen ohne Kinder – sie ist trotz ihrer Quirligkeit im Leben angekommen, er tingelte sein Leben lang von Job zu Job und arbeitet aktuell als Taxifahrer. Die drei Paare hoffen, an diesem Abend endlich die Freundin ihres Kumpels Pepe kennenzulernen. Doch Pepe kommt alleine, was zuerst für eine große Runde Enttäuschung unter den Freunden sorgt. Aber im Laufe des Abends sollen noch ganz andere Gefühlsschwankungen aufkommen:

Am Esstisch wird beschlossen, dass es für diesen Abend keine digitalen Geheimnisse gibt. Jede SMS, jeder Anruf, jedes empfangene Foto – alles wird mit der gesamten Gruppe geteilt. Das Übel ist unausweichlich: Es dauert nicht lange, und die ersten Verurteilungen werden ausgesprochen. Bald wird der Tonfall rauer. Aus Freunden werden Feinde, Beziehungen drohen zu zerbrechen …

Die «Fack Ju Göhte»-Trilogie war ein immenser Erfolg: Zumindest ihr Auftakt wurde (von ein paar energischen Gegenstimmen abgesehen) überraschend stark von der Kritik gefeiert und insgesamt lockte sie überaus stattliche 21,27 Millionen Menschen an die Kinokassen. In seinem neuen Film skizziert Regisseur und Autor Bora Dagtekin Smartphones als Erbringer und Zerstörer von Doppelidentitäten. Ein köstlicher Einfall, doch dieses Sprungbrett für feurige Streitgespräche wird nur auf ernüchternde Weise genutzt.

Zweifelsohne: Wer nicht schon mit Streitkomödien übersättigt ist, wird hier und da Freude daran haben, wie sich in «Das perfekte Geheimnis» Freunde und Liebenden die Köpfe einschlagen. Etwa, weil durch das "Sämtliche Kommunikation wird offengelegt"-Spiel ein Freund herausfindet, dass sich seine Kumpels ohne ihn zum Fußballspielen treffen. Und wie verzweifelt ein Ehemann zu vertuschen versucht, dass er täglich ein sehr freizügiges Foto erhält, mündet ebenso in ein paar Bonmots wie die wütenden Dialoge, die dadurch provoziert werden, dass eine der Frauen ihrem Freund bisher verheimlicht hat, dass sie weiterhin Kontakt zu ihrem Ex unterhält.

Für Filmfans, für die das alles neu ist, haben diese Dialoge genügend überraschende Eskalationen zu bieten, um zuweilen zu zünden. Zumal Dagtekin sich auf einen erprobten Cast verlassen kann: Karoline Herfurth, Elyas M’Barek, Florian David Fitz, Jella Haase, Frederick Lau, Jessica Schwarz und Wotan Wilke Möhring sind vor der Kamera nun einmal Vollprofis. Selbstredend verstehen sie es, die Pointen der gebotenen Dialogwitze zu treffen.


Bedauerlicherweise scheint Dagtekin sein Ensemble an der kurzen Leine zu halten: Allein Jella Haase verschmilzt durchweg mit ihrer Rolle, legt ihre naiv auftretende, dabei sehr wohl gewitzte Rolle mit einer freundlichen Quirligkeit an, die im heutigen deutschen Mainstreamkino nur sie dermaßen beherrscht. Doch Herfurth, M'Barek, Lau, Möhring und Schwarz sagen ihre Texte nur fähig, aber unbeseelt auf. Das scheint weniger ihr Verschulden zu sein als das der Regieführung: Obwohl die Gespräche hochkochen, lässt Dagtekin seine Figuren schön brav und geordnet miteinander sprechen. Damit wohnt dem Streitverlauf die selbe Mechanik inne wie der Kameraführung und der Schnittsetzung:

Der «Das perfekte Geheimnis»-Streit wird von einer bemüht-hippen Lichtsetzung begleitet und in einer bunten Farbpalette eingefangen. Die Kamera gleitet pflichtbewusst, doch ohne Feingespür dafür, wie sich die Pointen oder die unterschwelligen Dramen dieses Zanks betonen ließen, durch das moderne Großstadt-Loft der Gastgeber. Der Schnitt ist zügig, überbetont spitze Gags allerdings, so als wolle man sie dem Publikum ins Gesicht reiben. Und dann wäre da die aufgesetzte, tonal begriffsstutzige erzählerische Klammer, mit der Dagtekin die ausartende Dinnerparty umgibt. Es ist eine Sache, Pointen zu sehr zu wollen. Es ist aber eine viel schlimmere Sache, Mistkerle und heimtückische Damen als solche zu enttarnen und dabei stur jegliche zusätzliche Dimension dieser Erzählung auszubügeln.



Dagtekin glättet diesen filmischen Streit, feilt sämtliche Ecken und Kanten weg, und setzt auf eine tumbe Wohlfühlaussage – offenbar ohne zu erkennen, wie rückwärtsgewandt und verstaubt sie ist. «Das perfekte Geheimnis» will nicht dramatisch, satirisch oder bitter nachhallen – was vollkommen genehm wäre, würde es dafür feinfühliger mit seinen Streitthemen umgehen oder aber mehr und munteren Witz in seiner Grundidee finden.

So dagegen ist «Das perfekte Geheimnis» ein seelenloser Film, der sich völlig pflichtgemäß anfühlt und dessen mutloses Ende böse Implikationen zulässt – eine brutale Schande. Denn ausgerechnet für diesen mechanischen, tumben Film, in dem man die Anzahl der aufgehenden eigenen Einfälle an einer halben Hand zählen kann, läuft Florian David Fitz zur Hochform auf: Der «Der Vorname»-Mime beginnt den Film überbetonend, geht aber zunehmend auf und vermengt in seiner Rolle Zorn, Enttäuschung, Galgenhumor sowie eine tief empfundene, mit miesem Pokerface verdeckte Kränkung, so dass sich einem die Kehle fast zuschnürt. Welch Jammer, dass diese berührende, hoch authentische Performance in einem Film versackt, der sie nicht nur nicht verdient hat, sondern ihr narrativ den Stinkefinger zeigt.

Fazit: Smartphones zerstören die Geheimnisse, die sie zuvor ermöglicht haben: «Das perfekte Geheimnis» nimmt eine tolle, aktuell um den Globus gehende Grundidee, und versemmelt sie mit Anlauf. Frei von tonaler Ambivalenz, lässt ein mechanisch inszenierender Dagtekin den Großteil seines Casts die Texte professionell, jedoch unbeseelt aufsagen, so dass ein Film entsteht, der kein Leben und keine Persönlichkeit aufweist, wohl aber ein verlogenes Pseudo-Kuschelende und einige behäbig fließende Zwistigkeiten zu bieten hat.

Da fragt man sich: Was ist trauriger – dass bei diesem Staraufgebot vor und hinter der Kamera allein Jella Haase und Florian David Fitz glänzen, oder die Tatsache, dass ein Gänsehaut erzeugender Fitz die beste Darbietung seiner bisherigen Karriere für diese steife Komödie hergibt, deren biederer Schluss allem widerspricht, wofür ihre sehr rar gesäten Glanzlichter stehen?

«Das perfekte Geheimnis» ist ab dem 31. Oktober 2019 in vielen deutschen Kinos zu sehen.
28.10.2019 10:10 Uhr Kurz-URL: qmde.de/113211
Sidney Schering

super
schade

70 %
30 %

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Tags

Das perfekte Geheimnis Der Vorname Fack Ju Göhte

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Es gibt 20 Kommentare zum Artikel
berlinertyp
29.10.2019 16:22 Uhr 18
Ach und... deine Kritik bei Wessels Filmkritik finde ich um einiges besser, als hier bei Quotenmeter. Da sprichst du die Parallelen deutlich an und behältst die Objektivität der deutschen Adaption dennoch im Fokus.



In diesem Sinne.
Sid
29.10.2019 16:30 Uhr 19
Wie schon gesagt: Anderer Ansatz. ;)
Sentinel2003
02.11.2019 14:30 Uhr 20
Auf facebbok gab es eigentlich fast NUR positive Meinungen!! Viele Schrieben sogar von mehreren Lachanfällen im Film....dass Deutsche Filme nach wie vor ein negatives Image haben ist mir vollkommen unverständlich!!!
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