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Die Kritiker: «Für meine Tochter»

Ein deutscher Apotheker bricht nach Syrien auf, um seine Tochter aus dem Kriegsgebiet zurückzuholen. Die Melodram-Fernsehfilm-Dramaturgie verhindert, dass daraus ein einnehmender Film wird.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Dietmar Bär als Benno Winkler
Anna Hermann als Emma Winkler
Merlin Rose als Max Schuster
Anja Schneider als Hanne Leibold
Mohammad Alkeel als Valid Skeif
Nisrine Adam als Namira Skeif
Hibo Idrissi als Djamila Skeif

Hinter der Kamera:
Produktion: Bavaria Fiction GmbH und Ninety-Minute Film GmbH
Drehbuch: Sarah Schnier und Michael Helfrich
Regie: Stephan Lacant
Kamera: Moritz Schultheiß
Produzent: Ivo-Alexander Beck
Als der verwitwete Apotheker Benno Winkler (Dietmar Bär) erfährt, dass der Pass seiner Tochter Emma (Anna Herrmann), die er beim Studium in Berlin wähnt, kürzlich in der Türkei aufgetaucht ist, und er sie auf ihrem Handy nicht erreichen kann, führen seine Nachforschungen schnell zu einem kaum fassbaren Ergebnis: Ein alter syrischer Freund von Emma erzählt ihm, dass sie sich bei dessen Familie in Syrien aufhalte, um sie ins sicherere Europa zu holen. Genauere Informationen habe er selbst nicht, der telefonische Kontakt zu seiner Familie ist nach den Dauerbombardements abgebrochen. „Das ist wirklich alles ganz schrecklich und das tut mir auch Leid für Sie“, kann Benno da noch so viel stottern, denn er weiß, dass er von Deutschland aus wenig mehr wird tun können als warten und bangen.

Also macht er sich in die Türkei auf und spricht in der deutschen Botschaft in Ankara vor. Dort jedoch kann man weder logistisch noch politisch – und erst recht nicht militärisch – sonderlich viel tun. „Da zahlt man sein Leben lang einen Haufen Steuern!“, pöbelt Benno seine Wut aus sich heraus, doch der Beamte in der Botschaft bleibt bürokratisch und stur: „Der deutsche Staat ist kein Dienstleistungsunternehmen und schon gar keine Privatmiliz.“ Case closed.

Benno muss also wieder selber ran und macht sich auf in den Südosten des Landes. In der Nähe der syrischen Grenze angekommen, ist der Apotheker erst einmal baff vor der scheinbaren orientalischen Normalität: „Man sieht ja gar nichts von einem Krieg.“ Bis eines Nachts unweit der Teestube neben seinem Hotel die Bomben einschlagen.

Benno zieht weiter, durch Flüchtlingslager, zu denen ihm sein deutscher Pass vollumfänglichen Zugang gewährt, er nimmt die Dienste finsterer Gestalten in Anspruch, die ihn ausrauben und in der Wüste beinahe krepieren lassen, er schließt sich Flüchtlingstrecks an – und als er durch Zufall Emmas Freund Max (Merlin Rose) trifft, will er auch ihn einspannen. Der jedoch raubt ihm zunächst jede Hoffnung: Denn Max will gesehen haben, wie ein zusammenstürzendes Haus Emma in seinen Trümmern begrub. Benno lässt nicht locker und will den Unglücksort selbst sehen: in Syrien.

Schon vor einigen Monaten hat sich der Fernsehfilm «Macht euch keine Sorgen» im Ersten mit dem Thema junger Deutscher beschäftigt, die nach Syrien gingen. Der intellektuelle Kontext und die Motivation dieses Films waren jedoch ganz andere: Dort war die Leitfigur ein deutscher Djihadist aus gutem Hause, hier ist es eine außergewöhnlich couragierte Menschenfreundin. Der Eine war motiviert von Hass und Mord, die Andere von außerordentlicher Nächstenliebe und bewundernswertem Mut.

Die Ergebnisse, die ihre jeweilige Reise in den Levante zutage förderte, sind aber paradoxerweise ähnlich: Beide lassen fassungslose Familien zurück, die sich selbst höchster Gefahr aussetzen und den weiten Weg nach Syrien auf sich nehmen, um ihre Kinder außer Gefahr und zurück nach Hause zu bringen.

Interessanterweise werden beide Filme gleichsam von denselben erzählerischen Problemen durchzogen. Das ist ein direkter Ausfluss der weitgehend standardisierten Fernsehfilm-Melodram-Dramaturgie, mit der solche Geschichten schlicht nicht angemessen erzählt werden können.

Eine Allerweltsnarrative in Verbindung mit dem anscheinend obersten Ziel, die Zuschauer nicht mehr als unbedingt nötig zu verschrecken, kann schlicht nicht die Wirkung entfalten, die ein solcher Film entfalten müsste. Anstatt einer einnehmenden Sprache der Fassungslosigkeit, der wortkargen, elliptischen und dabei vielsagenden Schnipsel besteht dieses Drehbuch aus didaktischen Rechtfertigungspassagen und allerhand Befindlichkeiten samt typisch deutscher Fehldeutungen, die in die Figur Benno Winkler gepfercht werden.

So ist Benno Winkler angesichts seines deutschen Erwartungshorizontes unfähig, ein Kriegsgebiet zu erkennen, wenn er mittendrin steht, und er sieht die Aufgaben des Auswärtigen Amtes darin, seiner verschwundenen Tochter nachzuspüren. Das ist vielleicht menschlich erklärbar, taugt in dieser Umsetzung aber nicht einmal zur Sachverhaltsaufklärung des Zielpublikums. Denn damit die verfangen könnte, müsste dieser Stoff einnehmend und erschütternd sein.

Doch vor der großen Tragik – dem tatsächlichen Verlust der Tochter – will dieser Film um jeden Preis zurückweichen. Am Schluss scheint die Katharsis stehen zu müssen: Der Held ist geläutert und am Ziel, wieder vereint mit seinem lieben Kind. Besonders vor dem Hintergrund des Tatsächlichen ist das jedoch geradezu pervers: Denn der Krieg in Syrien kennt keine Katharsis, er kennt wenige Geschichten, die im Glücklichen ausgehen, und umso mehr abscheuliche Tragödien. Gerade letztere müssten dem deutschen Fernsehpublikum vorgeführt werden.

Das ZDF zeigt «Für meine Tochter» am Mittwoch, den 8. August um 20.15 Uhr.
08.08.2018 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/102894
Julian Miller

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Für meine Tochter Macht euch keine Sorgen

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