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«Samantha»: Die brasilianische Britney von Netflix

Seit einigen Tagen zeigt Netflix die achtteilige brasilianische Comedy-Serie um kaputte Lebensträume und alte Showgeschichten. Ein quietschbuntes Vergnügen.

Cast & Crew

Schöpfer: Felipe Braga
Darsteller: Emanuelle Araújo, Douglas Silva, Sabrina Nonato, Cauã Gonçalves, Giovanna Chaves, Daniel Furlan, Ary França u.v.m.
Executive Producer: Rita Moraes, Felipe und Alice Braga
In den 80er Jahren war Samantha ein brasilienweit berühmter Kinderstar. In ihrer eigenen Sendung – einer dieser überladenen, knallbunten lateinamerikanischen Kindershows, neben der der extrovertierte «Mickey Mouse Club» wie eine gesetzte, unaufgeregte Veranstaltung aussieht – stand sie unverrückbar im Mittelpunkt, und wenn sie hinter den Kulissen die Crew tyrannisierte, weil die geliebte Tiara nicht aufzufinden war, fanden sich alle anderen genervt damit ab.

Schon die opulente Eröffnung, mit der «Samantha!» uns die Lebenswelten seiner Hauptfigur vorstellt, lässt die genaue Beobachtungsgabe und die Liebe zum Detail erkennen, mit der die erste Netflix-Comedy aus Brasilien punkten will: Kurz bevor die Aufzeichnung einer neuen Ausgabe von Samanthas Kinderbespaßungsorgie beginnen soll, wird, als wäre das ein Handgriff wie jeder andere, einem Jungen noch schnell ein Eimer auf die Bühne gereicht, in den er sich vor Aufregung übergeben kann, während als Samanthas Sidekick in der psychedelisch-hyperaktiven Showwelt eine überdimensionierte antropomorphe Zigarettenschachtel fungiert. Dass Bianca Comparato, Hauptdarstellerin von Brasiliens erster Netflix-Serie, dem Kritikerliebling «3%», die Aufnahmeleiterin gibt und viel Glück wünscht, ist in dieser schelmisch-verspielten Sequenz nur stimmig.

Heute, über 30 Jahre später, tritt Samantha (Emmanuelle Araújo) mitten im Middle-Age immer noch mit der anthropomorphen Zigarettenschachtel drei Schritte hinter ihr auf und singt die alten Gassenhauer aus ihrer Kinderstar-Zeit. Die äußeren Rahmenbedingungen haben sich jedoch brutal verändert: Wo sie früher ganz Brasilien vor den Fernsehern versammeln konnte, sehen ihr nun an guten Abenden ein paar Hansel in irgendwelchen Nachtclubs zu, bis ihr Manager die Reißleine zieht: Das alte Zeug will niemand mehr sehen, die mediale Zukunft gehört irgendwelchen Instagram-Usurpatoren mit euphemistisch-angelsächsischen Selbstbezeichnungen.

Bald jedoch tun sich der alleinerziehenden Mutter, die ihre (Pre-)Teen-Kinder gerne als persönliche Assistenten zu ihren medialen Desastern heranzieht, neue Möglichkeiten auf. Ihr ehemaliger Lebensgefährte Dodoí (Douglas Silva), ein bekannter und beliebter Fußballspieler, ist frisch aus der Haft entlassen worden und will übergangsweise bei ihr wohnen. Die Kinder stehen auf die Idee, nur für sie kommt das zunächst nicht in Frage: Bis sie sich der Menge der vor dem Haus kampierenden Journalisten bewusst wird und beschließt, Dodoís Popularität für ein Comeback zu benutzen.

All das mag danach klingen, als sei «Samantha!» eine Serie über eine kaltblütige, ruhmsüchtige Frau mittleren Alters, die in ihren Kindern, ihrem Ex-Mann und den anderen in ihrer Selbstsucht zusammengeklaubten Menschen in ihrem sozialen Umfeld zunächst einen Zweck sieht, ihre abgestürzte Karriere wiederzubeleben. Ist sie auch. Gleichzeitig aber so viel mehr: Denn sie gefällt nicht nur als klug beobachtete Mediensatire, deren scharfes Auge für alte und neue Trends darüber hinaus geht, Futter für gelungene Gags zu liefern, sondern auch wegen der leichten, Comedy-Serien-gerechten Anklänge an psychologische Hintergründigkeit und der liebevollen Zeichnung der Hauptfigur, mit der eine nahegehende Geschichte um brüchige Biographien und ein zurechtgerücktes Selbstbild erzählt wird.

Comedy doesn’t travel, lautet eine alte, freilich vielfach überwundene Faustregel aus Hollywood, die besagt, dass es Komödien weit schwerer haben als Dramen oder Genrestoffe, Landes- und Kulturgrenzen zu überschreiten. Ihr Kern ist wohl auch einer der tragenden Gründe, warum das internationale Portfolio an seriellen Eigenproduktionen von Netflix wesentlich reicher an Formaten aus dem dramatischen, soapigen oder gar politischen Fach ist, deren Handlungen unmittelbar landeszentriert sein mögen, deren Erzählhaltung und dramaturgische Konflikte jedoch natürlich universell sind.

«Samantha!» gelingt es ähnlich gut wie amerikanischen Serien-Produktionen, auch für ein globales Publikum mit wenig konkreten Referenzpunkten leicht zugänglich zu sein, nicht zuletzt, weil sie ihre exzentrischen Figuren mit einem guten Gespür für Situationskomik führt, und sich das Medienmilieu, in dem dieses Format zu einem Großteil spielt, überall auf der Welt weitgehend gleicht. Nach den bisher oftmals zu bemüht edgy aufgezogenen Netflix-Ausflügen in die serielle Komödie – man denke an «Disjointed» – steht mit «Samantha!» eine liebevoller gezeichnete, aber nicht minder mit sanfter Ironie erzählte Produktion. Genau der richtige Tonfall für diese Geschichte!

«Samantha!» ist via Netflix verfügbar.
12.07.2018 09:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/102251
Julian Miller

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3% Disjointed Mickey Mouse Club Samantha!


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