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«Pose»: Ein Kessel Buntes

Laut und schrill auf der einen, sozialkritisch und dramatisch auf der anderen Seite. Ryan Murphys neue Drama-Serie spielt im Umfeld der LGBT-Community im New York des Jahres 1987.

Cast und Crew

Produktion: Color Force, Brad Falchuk Teley-Vision, Ryan Murphy Television, Fox 21 Television Studios, FX Productions
Schöpfer: Ryan Murphy, Steven Canals, Brad Falchuk
Darsteller: Indya Moore, Evan Peters, Kate Mara, Ryan Jamaal Swain, Angelica Ross, Angel Bismark Curiel, Jeremy McClain u.v.m.
Executive Producers: Ryan Murphy, Brad Falchuk, Nina Jacobson, Brad Simpson, Alexis Martin Woodall, Sherry Marsh
Als Ryan Murphy, der als Produzent unter anderem für «American Horror Story» verantwortlich zeichnete, gemeinsam mit seinem Team im September 2017 das Casting für seine neue Serie «Pose» beendete, war der größte Schritt zur Sicherstellung deren Authentizität bereits getan: Am Ende der landesweiten Suche stand der größte Transgender-Cast, der jemals in einer fiktionalen Serie spielte. Neun Monate später feierte «Pose» auf dem US-Network FX Premiere. Dabei nimmt die Dance-Serie den Zuschauer mit ins New York des Jahres 1987, in die Welt der „Ball culture“. Diese Untergrund-Subkultur der LGBT-Community ist in Deutschland eher unbekannt. Dabei treffen sich zu sogenannten Häusern zusammengeschlossene Künstler auf Bällen, wo sie sich in verschiedenen Drag-Kategorien oder im Tanzduell messen.

Die Dance- und Drama-Serie beginnt exakt so, wie sich dessen Charaktere am liebsten präsentieren: Bunt, extravagant und als Blickfang. In medias res taucht der Zuschauer ein in eine Welt voller Musik, Mode und Selbstinszenierung. Gleich zu Beginn bedienen sich die Mitgliederinnen und Mitglieder des Hauses in einem Geschichtsmuseum. Dieser Einfall garantiert der Gruppe auf dem Ball, der diesmal das Motto „Royal“ ausgerufen hat, den eindrucksvollsten Auftritt. Anmutig schreiten und tanzen die Königin auf Zeit und der restliche Adel über den Laufsteg – und werden vom Publikum vergöttert. Während sie woanders ausgestoßen und verachtet werden, sind sie hier nicht weniger als Stars.

Allerdings gibt sich bereits der Pilot Mühe zu demonstrieren, dass es sich hier keineswegs um ein seichtes Vergnügen handelt, eher um eine Flucht aus dem beschwerlichen Alltag, beziehungsweise aus den gesellschaftlichen Konventionen. Denn es folgt ein harter Cut im Plot, hin zur Schwere und daraus folgend ein starker Kontrast. Schwule, Lesben und Transsexuelle sind Ende der 80er Jahre nicht annähernd so akzeptiert wie heute und die Protagonistinnen und Protagonisten müssen schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Während das für Angel eine positive HIV-Diagnose ist, ist es für den Teenager Damon die Verachtung seiner Eltern gegenüber Homosexualität. Sein Vater beschimpft und verprügelt ihn, seine Mutter glaubt, dass er sich als Sünder vor dem Herrn schuldig gemacht habe. „I’m a man, say it!“, fordert der Vater. Damon antwortet „I’m a dancer“.

Womit wir bereits bei einem der Hauptmotive der Serie wären: Identität. Die Häuser bieten den Protagonistinnen und Protagonisten gewisse Schutzräume, um ihre Träume auszuleben. Sie fungieren als eine Art Familienersatz. Allerdings sind diese selbst nicht frei von Hierarchien und Konventionen. Alle „Kinder“ haben der „Mutter des Hauses“ zu gehorchen oder müssen mit Konsequenzen rechnen. Angelica Ross spielt eine solche Mutter mit einer herausragenden Präsenz, die sich durch Güte ebenso wie durch Strenge auszeichnet.

Auch der Rest des Casts weiß nach den ersten Eindrücken zu überzeugen. Insbesondere die Leidenschaft, die die Schauspieler ihren Rollen einverleiben ist beeindruckend. Hier sind die Hauptfiguren Angel und Damon hervorzuheben, verkörpert von Indya Moore und Ryan Jamaal Swain. Während die transsexuelle Angel, nachdem sie von ihrer HIV-Infektion hört, ihren Traum von einem eigenen Haus unter ihrer Leitung anstrebt, träumt der schwule Teenager von einer Karriere als Tänzer. Die beiden haben direkt einen Draht zueinander, und so wird Damon zum ersten Mitglied des neuen Hauses und Angels erstem Schützling. Dazu gesellen sich in der ersten Episode ein weiterer Tänzer sowie eine Prostituierte.

Mit dieser transsexuellen Prostituierten lebt eine weitere Figur namens Stan (Evan Peters) seine heimlichen Gelüste aus. Stan beginnt ein Doppelleben, ist er doch auch Ehemann und zweifacher Familienvater. Es gilt den Schein zu wahren, seine Neigungen kämen in der Gesellschaft im Allgemeinen und an seinem neuen Arbeitsplatz im Speziellen alles andere als gut an. Denn Stan arbeitet für niemand geringeren als den nun amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Somit wird auch soziale Ungleichheit im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufgezeigt. Dort der weiße Business-Man, der mit seiner Gattin über die Tanzfläche eines schicken Tanzlokals kreiselt, dort die afroamerikanische Unter- und Mittelschicht, die die Straße zur Tanzfläche umfunktioniert. Das darf man dann trotz Realismus stark klischeebeladen finden.

«Pose» liefert viele schöne Bilder und ist äußerst hochwertig produziert. Die Schnitte sind stark an das Tempo und die Stimmung der Geschichte angepasst. So sind die teils ekstatischen Bälle mit extrem schnellen Schnitten versehen, während die dramatischeren Momente die Einstellungen lange wirken lassen. Natürlich spielt bei Serien dieser Art Musik eine herausragende Rolle. Diese wirkt gut ausgewählt und omnipräsent, aber keineswegs störend. Die Tanz-Performances sind absolut beeindruckend. Natürlich muss man abwarten wie sich die Story und die Beziehungen der Figuren entwickeln, schließlich reichen ein paar nette Bilder und Tanzeinlagen nicht aus. Allerdings liefert «Pose» eine Menge Anreize, die Drama-Serie auch weiterhin zu verfolgen.

Die Serie hat in Deutschland noch keinen Abnehmer gefunden.
08.06.2018 09:55 Uhr Kurz-URL: qmde.de/101498
Christopher Schmitt

super
schade


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Tags

American Horror Story Pose

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