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Die Kritiker: «Spätwerk»

Ein versoffener alter Schriftsteller fährt nachts unabsichtlich einen Menschen tot. Entdeckt wird die Tat nie. Dieser Film hätte eine einnehmende Tour de Force werden können, wäre er nur ein bisschen konsequenter gewesen.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Henry Hübchen als Paul Bacher
Patrycia Ziolkowska als Teresa Flößer
Hannah Komarek als Jenny Schily
Jordan Dwyer als Daniel Becker
Michael Schenk als Wolf Kommarek
Tom Sommerlatte als Navin Flagel
Nora Hickler als Tatjana

Hinter der Kamera:
Produktion: Eikon Media GmbH
Drehbuch: Karl-Heinz Käfer
Regie: Andreas Kleinert
Kamera: Johann Feindt
Produzent: Ernst Ludwig Ganzert
Paul Bacher (Henry Hübchen), ein versoffener älterer Mann, ist in all seiner langen Schriftstellerkarriere nie in den Bestsellerlisten gestanden und hat sich, obwohl ihm die Breitenwirkung der bekanntesten Populärliteraten fehlt, mit seinen – so denkt er zumindest: - intellektuelleren, literarischeren Werken eine treue Leserschaft aufbauen und einen ihm ergebenen Verlag finden können, was ihm ein sehr komfortables Auskommen ermöglicht, das an seiner dekadenten Misanthropie aber keinen Deut veränderte.

Derzeit tourt er auf Lesereise durch die Provinz. Dort lernt er die deutlich jüngere Grundschullehrerin Teresa (Patrycia Ziolkowska) kennen, als sie sich ihre Ausgabe von Bachers neuem Buch signieren lassen will. Der Schriftsteller lädt sie daraufhin zum Abendessen ein, was sie etwas perplex annimmt. Je mehr er sich im Verlauf der Nacht jedoch besäuft, desto säftelnder, übergriffiger und widerwärtiger wird er, bis Teresa schließlich die Flucht ergreift und Bacher allein zurücklässt.

Bacher trinkt viel und häufig und hat zudem die abstoßende Angewohnheit entwickelt, sich auch in alkoholisiertem Zustand hinters Steuer zu setzen. An jenem Abend hat das fatale Folgen, als er versehentlich einen Anhalter umfährt, den er widerwillig mitgenommen und kurz darauf verärgert wieder aus dem Wagen geworfen hatte. Er deponiert die Leiche am Straßenrand, wäscht sich das Blut von den Händen und setzt sein Leben fort.

Doch der Tote lässt ihm keine Ruhe, und sowohl die moralische Schuld, das Leben eines Menschen auf dem Gewissen zu haben, als auch die Angst, doch noch entdeckt zu werden, lassen ihn nicht mehr los. Er dringt in die Wohnung des Opfers ein, vielleicht weil er wissen will, was für ein Leben da von ihm beendet worden ist. Und er fährt zurück an den Unfallort, packt die Leiche in sein Auto und fährt sie nach Polen, wo er sie schließlich bestattet, auf dass sie niemand je finde.

Während dieser Zeit wächst seine Beziehung zu Teresa, die sich – trotz seiner unangenehmen Persönlichkeitszüge – immer stärker zu ihm hingezogen fühlt. Entdeckt wird seine Schuld am Tod des jungen Mannes nie, auch wenn die Gefahr dafür einige Male erschreckend greifbar wird. Schließlich will er das Geschehene in einem Schlüsselroman aufarbeiten, zu dem nur er den Schlüssel kennt: eine Katharsis ohne Schuldeingeständnis, eine Läuterung, ohne ein Opfer bringen zu müssen. Das erinnert an das zum geflügelten Wort gewordene philosophische Paradoxon: Wenn im Wald ein Baum fällt und niemand da ist, macht er dann ein Geräusch? Und wenn man – versteckt im Offensichtlichen – seine Schuld so eingesteht, dass man nicht dafür belangt werden kann, ist das dann reuevolle Abbitte?

Dafür, dass sich dieser Film an ein solch existentielles, ja schon philosophisches Thema wagt, bleibt er über weite Strecken unangenehm oberflächlich und boulevardesk. Unnötig ausführlich wird etwa Bachers langjährige Affäre mit seiner Lektorin verhandelt, was die Möglichkeit einer metafiktionalen Betrachtung eröffnet, die «Spätwerk» aber leider nur ins Offensichtliche zu lenken vermag: Die Lektorin zerreißt seinen Schlüsselroman brutal und stichhaltig, und doch (oder gerade deswegen) wird er ein rauschender Erfolg, für den sich noch dazu ein Fernsehsender rasch die Bewegtbildrechte sichert.

Immer wieder verlässt das Drehbuch den erzählerischen Kern, der an sich bereits ein dickes dramaturgisches Brett ist: Paul Bacher hat im Suff einen Menschen totgefahren, und in der Welt außerhalb seiner Psyche wird ihm dafür in letzter Konsequenz nur Ruhm, Ehre und noch mehr Vermögen zuteil. In ihrer Essenz ist das eine brutale Diagnose, eine geradezu nihilistische: In Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ muss Raskolnikov, nachdem er eine abstoßende alte Frau ermordet hat, immerhin nach der Einsicht seiner Schuld eine brutale Haftstrafe antreten, und noch dazu hatte er für seine Tat hehre Motive. Paul Bacher trifft zwar nicht die Schuld des Mörders Raskolnikov, aber doch ist er am Tod des jungen Anhalters nicht unschuldig. Sühne in Form von einer externen Strafe bleibt ihm jedoch erspart. Eine solche Geschichte im oft unangenehm moralisierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu erzählen, erfordert durchaus eine gewisse Chuzpe – und das ist bei allen Kritikpunkten anerkennenswert.

Doch letzten Endes hinterlässt dieser Film weder durch einen besonders klugen Gedanken noch durch eine emotional besonders einnehmende Darstellung einen bleibenden Eindruck: Denn zu oft bedient sich «Spätwerk» zu abgestandener Motive, zu verwaschener Gesprächsfetzen und zu generischer Haltungen, um sein Thema darzustellen und zu diskutieren. Bachers schwere Schuld bleibt im allgemeinen; doch um sie fassbar, erlebbar und auch philosophisch interessant zu machen, hätte sie konkretisiert werden müssen, anstatt sie um zahlreiche, aber wenig handfeste weitere Untersuchungsfelder zu erweitern: der alte misanthropische Intellektuelle; der Schriftsteller, der an seinem eigenen Anspruch scheitert und nur noch primitive Bestätigung sucht; die enttäuschten Lebenserwartungen und trotzdem die unversiegende Hoffnung. So entsteht rasch ein großes qualitatives Gefälle zwischen den Momenten, in denen dieser Film darin reüssiert, die ernsthafte Tragik dieses Falls darzustellen, und jenen, in denen er die verfallende Affäre zwischen Bacher und seiner Lektorin abarbeitet. Wenig überraschend, dass Henry Hübchens Spiel zudem in den ersteren Szenen wesentlich ergreifender und nahbarer ausfällt als in den letzteren.

Das Erste zeigt «Spätwerk» am Mittwoch, den 16. Mai um 20.15 Uhr.
15.05.2018 08:46 Uhr Kurz-URL: qmde.de/100980
Julian Miller

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